Münchner Merkur vom 16./17.11.2002, S. 21
Von Gernot Nerb und Hans G. Russ *)
In Bayerns Wirtschaft hat sich im Oktober das Geschäftsklima spürbar abgekühlt. Nach den neuesten Ergebnissen des ifo Konjunkturtests für Bayern beurteilten die Unternehmen sowohl ihre aktuelle Geschäftssituation als auch die Perspektiven für das kommende halbe Jahr negativer als bisher.
KONJUNKTURTEST BAYERN
Besonders ungünstig fielen im Oktober die Meldungen aus dem bayerischen Einzelhandel aus. Hier ist die Stimmungslage nun sogar gedrückter als im Bundesschnitt.
Weiterhin besser ist das Geschäftsklima dagegen in der Industrie, wenngleich auch hier die Erwartungen leicht in den negativen Bereich geraten sind. Einzig hinsichtlich der künftigen Exportentwicklung schöpften die Firmen wieder etwas mehr Hoffnung, heißt es in dem Konjunkturtest, den das Institut im Auftrag des Bayerischen Wirtschaftsministeriums durchführt. Die Befürchtungen, dass von dem verschlechterten politischen Klima zwischen Deutschland und den USA wegen der unterschiedlichen Meinungen in der Irakpolitik negative Wirkungen auf die Exporte in die USA ausgehen, haben sich nicht bewahrheitet. Hierauf deuten die Ergebnisse einer aktuellen Telefonumfrage hin.
Die im Vergleich zum Einzel- und Gr6ßhandel sowie zur Bauwirtschaft günstigere Situation in der Industrie zeigen auch die neuesten Zahlen zur Kapazitätsauslastung. Im Verlauf des dritten Quartals hat die Auslastung um zwei Prozentpunkte auf 84 % zugenommen. Dies ist der erste Anstieg seit dem Jahresende 2000. Im Vorproduktbereich wurde sogar ein höherer Nutzungsgrad registriert als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Ob dieser positive Trend anhält, ist allerdings zu bezweifeln, da die Produktionspläne für das vierte Quartal nach unten zeigen.
Dementsprechend wird auch der Beschäftigungsrückgang in der Industrie der in den nächsten Monaten unvermindert anhalten. Infolge der schwachen Nachfrage stehen die industriellen Erzeugerpreise weiter unter Druck. Innerhalb der Industrie ist das Geschäftsklima weiterhin im Kfz-Sektor am günstigsten. Allerdings hat der Optimismus in den Erwartungen für die nächsten sechs Monate deutlich nachgelassen.
Eine Aufwärtstendenz ist in der Chemie zu beobachten; hier sind, auch die Produktionspläne für die nahe Zukunft auf Expansion ausgerichtet. In der Bauwirtschaft hat sich die erhoffte konjunkturelle Stabilisierung nicht eingestellt. Im Gegenteil, die Geschäftserwartungen haben sich hier sogar deutlich verschlechtert. Ähnliches gilt auch für den Einzelhandel. In beiden Bereichen dürften sich die geplanten Sparmaßnahmen der Bundesregierung besonders negativ ausgewirkt haben.
Die Verbraucherpreise liegen derzeit nur um gut ein Prozent über Vorjahresniveau und damit deutlich unter der von der EZB als tolerierbar angesehenen Inflationsrate. Auch künftig ist von Seiten der Erzeugerpreise kein Preisschub zu erwarten. Eine Zinssenkung wäre daher von deutscher Seite wünschenswert und vertretbar.
*) Gernot Nerb ist Leiter des Forschungsbereichs Unternehmensbefragung im ifo Institut. Hans G. Russ ist wissenschaftlicher Referent mit Schwerpunkt Regionalentwicklung.
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