HANDELSBLATT, 30..03.2004, S. 11
Die Anzahl der von den Unternehmen angebotenen Ausbildungsstellen ist in den letzten beiden Jahren deutlich hinter die Nachfrage zurückgefallen. Forderungen nach einer Ausbildungsplatzabgabe wurden lauter. Ein Gesetzentwurf der SPD-Bundestagsfraktion wird nun im Bundestag debattiert. In weiten Teilen der Bevölkerung stößt das durchaus auf Sympathie. Was dabei oft übersehen wird: Es gibt handfeste Gründe, warum es weniger Ausbildungsplätze gibt, und an diesen Ursachen geht die Ausbildungsplatzabgabe weitgehend vorbei.
Jede Ausbildung ist eine Investition in das Humankapital der Auszubildenden, die heute Kosten verursacht, um den Auszubildenden in der Zukunft Nutzen vor allem in Form höherer Einkommen zu bringen. Bei der dualen Berufsausbildung in Deutschland sind die ausbildenden Betriebe an den Kosten und am Nutzen der Ausbildung beteiligt. Eine wichtige Ursache für die derzeitige Ausbildungsplatzmisere dürfte darin bestehen, dass die Kosten der Ausbildung für die Betriebe in den vergangenen zehn bis 15 Jahren substanziell gestiegen sind, der Nutzen aber gesunken ist.
Die Ausbildungsvergütungen sind zwischen 1988 und 1995 um 25 Prozent stärker gestiegen als das allgemeine Lohn- und Gehaltsniveau, im Handwerk sogar um 36 Prozent. Seit 1976 haben sich die Ausbildungsvergütungen mehr als verdreifacht, während die Löhne und Gehälter nur um den Faktor 2,5 gestiegen sind.
Ein Beispiel für sinkenden betrieblichen Nutzen der Ausbildung ist die geringere am Arbeitsplatz verbrachte Zeit. Im Handwerk sind die Tage, die ein Lehrling am betrieblichen Arbeitsplatz verbringt, zwischen 1991 und 2000 von 134 auf 124 pro Jahr zurückgegangen. Zugenommen haben dagegen die Schulungstage.
Das heißt: Pro Jahr steht der Lehrling den Handwerksbetrieben zwei Wochen weniger zur Verfügung. Diese Entwicklung ist sicherlich aus der guten Intention entstanden, den Lehrlingen mehr Wissen vermitteln zu wollen. Weil die Attraktivität der Ausbildung für die Betriebe abnimmt, kommt es aber vielfach gar nicht mehr dazu, dass Plätze bereitgestellt werden.
Zur ausbildungsbezogenen Kosten-Nutzen-Abwägung der Betriebe gesellen sich allgemeinere Ursachen. So trägt die schwache Wirtschafts- und Beschäftigungslage dazu bei, dass die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe sinkt. Die geltenden Arbeitsmarktregelungen erschweren es den Betrieben, bei den regulären Arbeitskräften ihre Beschäftigtenzahl zu verringern. Dagegen fällt es ihnen leicht, durch geringere Ausbildung ihre Mitarbeiterzahl abzubauen.
Darüber hinaus sinkt bei schwachen wirtschaftlichen Zukunftserwartungen auch der antizipierte Fachkräftebedarf. Gerade Industriebetriebe, deren Ausbildungskosten besonders hoch sind, bilden aber hauptsächlich zur Sicherung ihres eigenen Fachkräftenachwuchses aus. Schließlich kommt als langfristiger Faktor der strukturelle Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft hinzu. Das duale Ausbildungssystem hat seine stärkste Verankerung im produzierenden Gewerbe. Viele junge dynamische Betriebe im Dienstleistungsbereich schrecken dagegen vor der bürokratisierten Ausbildungsordnung zurück.
Nimmt man die Kosten-Nutzen-Überlegungen der Betriebe und die generelle wirtschaftliche Entwicklung zusammen, so wird deutlich, dass eine Ausbildungsplatzabgabe nur an den Symptomen herumdoktert. An den wirklichen Ursachen ändert sie nichts. Die Abgabe würde zu einer weiteren Bürokratisierung des Lehrstellenmarktes und der Wirtschaft insgesamt führen.
Allein die staatlichen Verwaltungskosten wurden zunächst auf jährlich 50 bis 100 Mio. Euro geschätzt. Mittlerweile werden sogar wesentlich höhere Zahlen erwartet. Hinzu kämen die betrieblichen Verwaltungskosten und natürlich die direkte Belastung der Wirtschaft durch die Abgabe, die derzeit auf über 2,6 Mrd. Euro geschätzt wird. Damit würde eine Abgabe die Ursachen der Knappheit an Ausbildungsplätzen noch verschärfen.
Die Politik sollte sich endlich mit den tatsächlichen Ursachen der Lehrstellenmisere auseinander setzen, statt neue Belastungen zu schaffen. Das kann nur heißen: Wir benötigen bessere Rahmenbedingungen für die Wissensgesellschaft. Diese umfassen etwa ein allgemein bildendes Schulsystem, das die in der betrieblichen Praxis benötigten Grundfertigkeiten vermittelt, ein von unnötigem Ballast befreites und auf zukunftsfähige Berufe ausgerichtetes Berufsschulsystem, in tariflichen Entscheidungen autonome Betriebe, weniger statt mehr Bürokratie und niedrigere statt neue Abgaben.
Nur durch solche Verbesserungen der ausbildungsspezifischen und allgemeinen Rahmenbedingungen für die Betriebe kann es zu positiveren Zukunftsaussichten kommen, die eine Grundvoraussetzung für die Bereitschaft sind, in Humankapital zu investieren.
Dazu muss es auch in die Köpfe aller Beteiligten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, dass Bildung eine Investition in Humankapital ist. Und Humankapital ist der wichtigste Kapitalstock für die Zukunft unseres Landes.
Damit sich die Betriebe an dieser Investition beteiligen, müssen die Kosten, die sie zu tragen haben, und der Nutzen, der ihnen dafür später winkt, neu austariert werden. Will man wieder ein größeres Angebot an Lehrstellen, so heißt das schlicht und einfach: die Kosten der Ausbildung für die Betriebe runter, der Nutzen rauf! Das kann etwa durch ausreichende Zeit der Auszubildenden am betrieblichen Arbeitsplatz und durch einen besseren Zuschnitt der Berufsschulinhalte auf den zukünftigen betrieblichen Wissensbedarf erzielt werden.
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