Handelsblatt, 24.4.2001, S.B2.
Von Arno Städtler, München
Die Diskussion um einen möglichen Rückzug der Banken aus dem Kreditgeschäft mit dem Mittelstand hält an. Gesicherte Erkenntnisse über die Entwicklung des Kreditengagements der Banken wird man aber erst mit einiger zeitlicher Verzögerung erhalten.
Im Jahr 1999 hatten die Banken eine öffentliche Debatte um ihren angeblichen Rückzug aus dem Kreditgeschäft mit mittelständischen Kunden losgetreten, die inzwischen eine starke Eigendynamik entfaltet hat. In jüngerer Zeit häufen sich indes Kommentare aus dem Bankensektor, die Gerüchte über den Rückzug aus der Finanzierung kleiner und mittlerer Unternehmen dementieren. Gelegentlich wird auch darauf verwiesen, dass diese Kunden zumindest dann weitere Kredite bekämen, wenn sie auch andere - höher rentierliche - Kapitalmarktprodukte nachfragen.
Es gibt leider keine Statistik, die schon jetzt klare Belege für oder gegen diese Thesen liefern könnte. Vor allem bei der Investitionsfinanzierung ist es kaum möglich, die verschiedenen Einflüsse, die zurzeit dämpfend auf die Investitionstätigkeit wirken zu isolieren und zu quantifizieren. Die konjunkturelle Beruhigung, die Verschlechterung der Abschreibungsbedingungen, die Aktienkrise und die Zurückhaltung der Banken im Kreditgeschäft wirken in dieselbe Richtung. Gesicherte Erkenntnisse über die Entwicklung des Kreditengagements der Banken im Mittelstand wird man daher erst mit einiger zeitlicher Verzögerung erhalten. Angesichts der sehr breit und intensiv geführten Debatte wird jedoch auch wohl hier der Erfahrungssatz gelten, dass es bei so starker Rauchentwicklung meist auch ein Feuer gibt. Veränderungstendenzen im Finanzierungsverhalten der deutschen Wirtschaft gibt es aber nicht erst seit 1999, sondern schon seit Jahren. Vor allem im Gefolge der Fusionsverhandlungen unter deutschen Geschäftsbanken wurde 1999 öffentlich, dass die Banken am Firmenkreditgeschäft immer weniger Freude haben und sie ihre Angebotsstrukturen verändern wollen.
In der Welt der Großunternehmen bzw. der Konzerne hat sich seit geraumer Zeit ein zweites Finanzsystem neben den Banken etabliert, was auch als "Disintermediation" bezeichnet wird. Das heißt, die Kreditinstitute verlieren als Finanzintermediäre in diesem Segment an Bedeutung. Die Konzernzentralen sind selbst zu Banken geworden und finanzieren sich unmittelbar an den Kapitalmärkten. Sie ersparen sich so einen großen Teil der Transaktionskosten.
Nun scheinen die Banken - vor allem aus Rendite- und Kostenerwägungen - auch bei den Investitionskrediten für mittelständische Unternehmen neue Wege gehen zu wollen, denn seit der Mitte der 90-er Jahre trägt das zinsabhängige Geschäft immer weniger zum Ertrag der Kreditinstitute bei; die Zinsspanne hat 1999 einen neuen Tiefstand erreicht. Dafür ist nach Feststellungen der Bundesbank u.a. "der hohe Anteil des margenarmen Kreditgeschäfts" verantwortlich. Diese Situation scheint sich im fahr 2000 noch weiter verschlechtert zu haben und die Aussichten auf eine Besserung in 2001 sollen gering sein.
Die aktuelle Diskussion um den Baseler Eigenkapitalakkord "Basel II" unterstützt die Banken in ihrem Bemühen, eine stärkere Konditionenspreizung durchsetzen. Denn von ihnen wird gefordert, die Risikopositionen im Firmenkundenkreditgeschäft adäquat zum Risiko mit Eigenkapital zu unterlegen. Die Baseler Reformvorschläge sehen vor, dass sich die Banken bei der Kreditgewährung an Firmenkunden ab dem Jahr 2004 auf eine Bonitätsbeurteilung durch Ratings stützen sollen, also auf standardisierte und international anerkannte Bonitätsprüfungen. Dabei werden auch bankinterne Ratings zugelassen.
Bisher scheuten die Institute davor zurück, ihre Kreditkonditionen stark zu spreizen und so das Risiko einzugehen, als Zinswucherer an den Pranger gestellt zu werden. Im Windschatten der Baseler Beschlüsse dürften die Anpassungen leichter fallen und das Kreditgeschäft wird sich dann wohl wieder mit der erforderlichen Rentabilität betreiben lassen. Sollte es daneben auch - wie zum Teil befürchtet wird - verstärkt zur Verweigerung von Krediten kommen, wären davon wahrscheinlich vor allem Unternehmen mit weniger als 5 Mill. DM Jahresumsatz betroffen. Dazu zählen im Verarbeitenden Gewerbe 88 %, im Baugewerbe 96 % und im Einzelhandel sowie im Dienstleistungssektor je 97 % aller Unternehmen. Am schwierigsten wird es für viele junge Firmen und Existenzgründer werden, die noch keine Performance nachweisen können. Ausgenommen sind die wenigen die eine gute Bonität nachweisen können. Letztere könnten bei entsprechendem Rating - sogar günstigere Kreditkonditionen erhalten als bisher.
Bei einzelnen Geschäftsbanken waren bereits im Jahr 2000 gewisse Auswirkungen einer modifizierten Geschäftspolitik zu erkennen. Es wurde beispielsweise gemeldet, dass das Kreditgeschäft aus verschiedenen Gründen mit zweistelligen Raten gesunken sei und die Anforderungen an die Kundenbonität verschärft wurden. Daher warnten sogar große Industrieverbände, wie der VDMA die Banken vor Reduzierungen ihrer Kreditengagements (Handelsblatt vom 19.10.2000).
Bei der Finanzierung des Anlagevermögens der Unternehmen gibt es seit Jahrzehnten eine Alternative zum Investitionskredit, das Leasing. Die Frage, ob das Leasing den Kredit bei Objektfinanzierungen ersetzen kann, ist damit teilweise schon beantwortet. Dem Leasing ist es in den vergangenen Jahren gelungen, unter Wettbewerbsbedingungen fast die Hälfte der von außen finanzierten Investitionen der Unternehmen zu generieren. Auf Bankkredite, staatliche Zuschüsse und Beteiligungsfinanzierungen entfällt die andere Hälfte, wie das ifo Institut in seinem jährlichen Investitionstests feststellte. Es ist daher nicht sehr wahrscheinlich, dass diese Entwicklung gerade in der jetzigen Situation auf dem Finanzmarkt zum Stillstand kommen sollte.
Zudem geben die Kreditinstitute heute - im Gegensatz zu den 60-er und 70-er Jahren - im Direktgeschäft freiwillig Marktanteile an Leasinggesellschaften ab, vorzugsweise natürlich an ihre eigenen Töchter und Beteiligungsgesellschaften. Es sollte jedoch nicht übersehen werden, dass die Banken weiterhin bei der Finanzierung des Umlaufvermögens der Unternehmen, das den größeren Teil des Kreditvolumens aufweist, stark engagiert sind. Sicherlich kann nicht der gesamte Bankensektor vom hochrentierlichen Investmentgeschäft leben. Deshalb werden sie sich die Kreditinstitute auch nicht aus der Investitionsfinanzierung zurückziehen, sondern weiter aktiv bleiben, allerdings großenteils indirekt über die Leasinggesellschaften oder andere professionelle Investoren. Auf diese Weise handelt es sich für die Banken hier nicht mehr um Retailgeschäfte, sondern um Whole-Sale-Banking.
Ein derart hoher Kapitalbedarf wie im Leasingsektor - das Brutto-Anlagevermögen der Branche beläuft sich immerhin auf rund 330 Mrd. DM - lässt sich nicht an der Kreditwirtschaft vorbei generieren. Abgesehen davon vertreiben die Banken und Sparkassen schon lange Leasingverträge von Tochter- oder Kooperationsgesellschaften über die Zweigstellen-Schalter.
Die Banken haben schon vor Jahren erkannt, dass für Objektfinanzierungen im Mittelstand viel spezielles Know-how und eine entsprechende Infrastruktur benötigt wird. Sie haben dieses Geschäft daher an Leasing-Tochtergesellschaften ausgegliedert, die nicht nur Finanzexperten sind, sondern auch Spezialisten für Finanzierungen und Dienstleistungen rund um die Investition. Damit sind die Leasinggesellschaften an mehreren Wertschöpfungsstationen beteiligt, während Banken nur den Kredit als mögliche Ertragsquelle haben. Zugleich sollten die Töchter in Wettbewerb zu den Instituten der Hersteller treten.
Eine Untersuchung des Verbands für den norddeutschen Groß- und Außenhandel fand heraus, dass schon "etwa ein Viertel aller Unternehmen über eine weniger bereitwillige Kreditvergabe und eine schlechtere Betreuung durch die Banken klagen". In einer von der Dresdner Bank und der Zeitschrift Impulse durchgeführten Mittelstandsstudie ist ferner zu lesen: "Als Alternative zum Darlehen schält sich das Leasing als beliebtestes Instrument heraus". Es wurde jedoch gleichzeitig festgestellt, dass sich viele mittelständische Unternehmen der neuen Situation noch gar nicht bewusst sind, dies betrifft insbesondere auch die künftige Bedeutung des Ratings.
Experten warnen die Unternehmen auch davor, kurzfristige Mittel von Banken oder Lieferanten noch mehr als bisher schon als Quelle zur Finanzierung des Anlagevermögens zu nutzen, weil diese in der Regel am teuersten und nicht fristenkongruent sind und deshalb schnell finanzielle Engpässe verursachen können. Alle mittelständischen Unternehmen sollten sich also schon jetzt noch stärker um ihre betriebswirtschaftlichen Belange kümmern und sich fit für das Rating machen.
Die Entwicklung in der Kreditwirtschaft dürfte Alternativen wie dem Factoring und dem Leasing zusätzliche Wachstumspotenziale eröffnen. Der weitere Übergang vom Investitionskredit zum Leasing wird sich aber nicht schlagartig vollziehen und wohl parallel zur Schließung vieler Bankfilialen ablaufen. Unternehmen verlieren so ihren Ansprechpartner und werden Kreditwünsche von standardisierten Systemen prüfen lassen müssen. Dies gilt vor allem für relativ kleine Kredite. Da immer mehr Investitionsgüter zu Small Tickets werden, wächst hier die Nachfrage am schnellsten. Leasinggesellschaften dürften daher auch auf mittlere Frist auf der Überholspur bleiben. Und die Leasingquote in Deutschland wird sich zügig den hohen Niveaus in den USA oder in England annähern.
Auch wenn sich einige große Leasinggesellschaften bereits innovativer bankenunabhängiger Refinanzierungsmethoden, wie Commercial-Paper-Programmen oder Asset-Backed-Securities bedienen, werden die neuen Baseler Eigenkapitalregeln auch die Leasingbranche tangieren. Die Gesellschaften werden also keine weiteren Marktanteile gewinnen, weil sie geringere Bonitätsanforderungen stellen als Banken, sondern weil sie durch Spezialisierung und Zusatz-Dienstleistungen an einer längeren Wertschöpfungskette partizipieren. Zudem gelingt es ihnen häufig die Risiken auf mehrere Schultern zu verteilen. Insgesamt können sie daher das Geschäft rund um die Investitionen oft rentabler betreiben als Banken.
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