Financial Times Deutschland vom 22.02.2001, S.34
GASTKOMMENTAR
Von Christian Schmidkonz
Das gerade vergangene Jahr des Drachen brachte auch für China den endgültigen Durchbruch des Internets. Nach offiziellen Statistiken des China Internet Network Information Center (CNNIC) surften Ende 2000 22,5 Millionen Chinesen zumindest gelegentlich im Internet - mehr als doppelt so viele wie noch zu Jahresanfang. Über die Hälfte von ihnen benutzt das Netz sogar von zu Hause aus. Ebenfalls über die Hälfte aller Internet-Nutzer ist jünger als 24 Jahre, und entsprechend wird das Internet im Wesentlichen zum Versenden von E-Mails (95 Prozent), zum .Lesen von Nachrichten (84 Prozent) oder zur Information über Film- und Popstars (53 Prozent) genutzt.
Allein: Die meisten Internetsurfer kaufen nicht über das Internet ein. Grundsätzlich ist die Scheu vor dem Kauf einer Ware ohne die Möglichkeit, ihre Qualität begutachten und testen zu können, in China weitaus größer als in westlichen Ländern. Deshalb machte lediglich jeder zehnte Internetnutzer bisher vom Interneteinkauf (Business-to-Consumer- oder B2C-Commerce) Gebrauch. Vollkommen. zufrieden mit dem Einkauf waren dann allerdings nicht einmal zwei Prozent.
Die meisten nannten Fragen der Sicherheit, der Qualität der Produkte und des Service sowie unpraktische Zahlungsmethoden als Hauptprobleme des E-Commerce in der Form, wie er zur Zeit in China besteht. Immerhin geben die Online-Konsumenten die Hoffnung nicht auf und gehen der Umfrage zufolge davon aus, dass E-Commerce der vielversprechendste Bereich des Internets für die Zukunft sein wird. Allerdings erwarten sie, dass die Potenziale erst in zwei bis drei Jahren realisiert werden können.
Tatsächlich ist China noch nicht reif für B2C-Commerce. Zum einen fehlt dem Land ein ausgeprägtes, landesweites Kreditkartensystem - von einem Online-Payment-System ganz zu schweigen. Bezahlung per Überweisung oder bei Lieferung mögen zwar sicher sein, jedoch nutzen sie nicht die gesamten Effizienzvorteile aus, die eine vollständig integrierte Transaktion über das Internet bieten würde.
Zum anderen verfügt China über kein schnelles, landesweites Distributionssystem, wie es in westlichen Ländern private Paketdienste bieten können. So ist der Einkauf in einem Geschäft in vielen Fällen immer noch schneller, als auf die Zusendung der Waren per Post zu warten. Und schließlich darf nicht übersehen werden, dass die Kaufkraft der meisten Chinesen noch viel zu gering ist, als dass das Internet selbst bei einer hohen Verbreitung intensiv zum Einkauf genutzt werden würde. Etwa 900 Millionen Chinesen leben auf dem Land und können sich nicht einmal einen Zugang zum Netz leisten. Und selbst von denjenigen, die das Internet nutzen, verdienen drei Viertel unter 400 DM im Monat. Damit sind keine. großen Sprünge möglich.
Die Perspektiven für die Abwicklung von Geschäften zwischen Unternehmen über das Internet (Business-to-Business oder B2B-Commerce) sehen im Land der Mitte schon deutlich attraktiver aus. Immerhin gibt es bereits erfolgreiche B2B-Plattformen, wie Alibaba.com. Das in Hangzhou gegründete Unternehmen führt seit kurzem die Liste der besten B2B-Websites im US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" an.
Im Gegensatz zu Alibaba.com sichern sich Konkurrenten häufig staatliche Unterstützung. So ist beispielsweise das in Peking ansässige B2B-Portal MeetChina.com ein offizieller Partner des mächtigen Ministry of Information Industry (MII). Die Verbindungen mit offiziellen staatlichen Stellen zeigen, wie groß die Rolle der Regierung bei der Entwicklung des Handels über das Internet ist. Wie immer in China können gute Kontakte zu Staatsbeamten helfen, Verträge mit staatlichen und privaten Unternehmen zu schließen, die an B2B-Commerce interessiert sind. Bei einem WTO-Beitritt Chinas in diesem Jahr und dem damit verbundenen Wegfall von Handelsschranken dürften die B2B-Portale einen deutlichen Boom erfahren. Im Gegensatz zum B2C-Sektor hat der B2B-Commerce in China also durchaus Potenzial. So erwartet das chinesische Ministry of Foreign Trade and Economic Co-Operation, dass im Jahr 2005 70 Prozent aller Außenhandelsunternehmen Chinas in der Lage sein werden, Exporte und Importe über das Internet abwickeln zu können.
Möglicherweise wird aber die rasante Entwicklung des Mobilfunks auch einen Schub für den B2C-Handel bedeuten. Schließlich gibt es heute schon landesweit 85 Millionen Mobilfunkkunden, während bisher nur 8,9 Millionen Computer an das Internet angeschlossen sind. Angesichts preiswerterer Endgeräte könnten sich über das Mobiltelefon mehr Nutzer den Zugang zum Internet leisten als über einen PC. Der Handel mit dem Handy könnte deshalb den B2C-Transaktionen Auftrieb verleihen - allerdings nur, wenn bald ein ausreichendes Angebot an geeigneten Websites geschaffen wird.
Wiederveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Financial Times Deutschland.
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267