wDer Großhandel expandierte in den ersten neun Monaten diesen Jahres mit einer Rate von 2,9%. Die Wachstumsimpulse gingen vom Großhandel mit Produktionsund Investitionsgütern aus. Impulse des Großhandels mit Konsumgütern blieben aufgrund der geringen Verbrauchernachfrage aus. Die deutsche Volkswirtschaft erreicht in 2004 ein Wachstum von 1,8%. Damit ist die Krise – zumindest für dieses Jahr und auf niedrigem Niveau – überwunden. Dazu bedurfte es reichlich Rückenwindes der expandierenden Weltwirtschaft. Aber während Deutschlands Exportwirtschaft brummte, kam die Binnenwirtschaft insgesamt nicht in Schwung. Ohne die Effekte der so kräftig wie seit 1976 nicht mehr wachsenden Weltwirtschaft wären die Wachstumsraten diesen Jahres ohnehin nicht zu erreichen gewesen. Im 3. Quartal 2004 schwächt sich die Wachstumsdynamik bereits wieder ab. Überraschend stärker als vor dem Hintergrund der langsamer expandierenden Weltwirtschaft erwartet. Für 2005 liegen die Wachstumsprognosen bei 1,4%. Deutschlands wirtschaftlicher Rahmen muss dringend weiter reformiert werden. Viele der Probleme, wie zum Beispiel die Auswirkungen des demographischen Wandels, sind bekannt, wurden aber bisher nicht wirkungsvoll behandelt. Im FORUM warnt Professor Thum, Forschungsdirektor des ifo Instituts in Dresden, vor den wirtschaftlichen Konsequenzen der demographischen Entwicklung in Ostdeutschland. Um dem sich früher als in den alten Bundesländern verschärfenden Problem der Überalterung Herr zu werden, gelte es dringend die hohe Verschuldung der öffentlichen Haushalte abzubauen. Auch sei es von Bedeutung, den Bestand an qualifiziertem Humankapital zu erhöhen.ww.b
Deutschland steht vor großen demographischen Veränderungen. Das ist der breiten Öffentlichkeit spätestens mit den Debatten um die jüngsten Reformen in der Renten- und Krankenversicherung deutlich geworden. Dass der demographische Wandel Ost- und Westdeutschland sehr unterschiedlich treffen wird, ist dagegen bisher in der öffentlichen und politischen Diskussion eher vernachlässigt worden.
Während die Bevölkerung in den alten Bundesländern bis 2030 annähernd konstant bleibt und erst danach abnimmt, schrumpft die Bevölkerung in den neuen Ländern nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes bereits bis 2030 um 17%. Die Gründe für die rasche Bevölkerungsabnahme sind zum einen in den niedrigen Geburtenraten, die auch im zweiten Jahrzehnt der deutschen Einheit noch unter Westniveau verharren, und zum anderen in der hohen Abwanderung zu sehen. Da insbesondere junge erwerbsfähige Menschen Ostdeutschland verlassen, fehlt gerade die Generation, die selbst wieder Kinder bekommt. Neben dem Anstieg in der Lebenserwartung werden Abwanderungen und geringe Geburtenziffern zu einer raschen Alterung der Bevölkerung in den neuen Ländern beitragen. Das Durchschnittsalter der Einwohner steigt um 7 Jahre von heute 42,6 Jahren auf 49,7 Jahre im Jahr 2030. Im Westen der Republik wird der Anstieg dagegen nur 4,8 Jahre ausmachen.
Diese demographischen Verschiebungen können nicht ohne Folgen für Politik und Wirtschaft bleiben. Die Politik muss relativ rasch die öffentlichen Haushalte demographiefest machen. In Folge des Bevölkerungsrückgangs muss mit niedrigeren Einnahmen bei den öffentlichen Haushalten gerechnet werden. Um die Neuverschuldung zu begrenzen, müssen deshalb auch die Gesamtausgaben sinken und die Ausgabenstrukturen nachhaltig an die neuen demographischen Verhältnisse angepasst werden. So muss beispielsweise in Sachsen bis zum Jahr 2020 rund 20% des Personals bei den Landesbeschäftigten abgebaut werden. Darüber hinaus wird die Bevölkerungsabnahme für die betroffenen Länder und Kommunen – und das mag paradox klingen – zunächst sogar erhebliche finanzielle Mehrbelastungen bringen. Denn bei sinkender Bevölkerung muss die städtische Infrastruktur, wie z.B. Abwassersysteme, mit erheblichem Aufwand zurückgebaut werden. Schließlich verursachen in der Vergangenheit getätigte Investitionen Folgekosten, die bedingt durch den demographischen Wandel auf weniger Einwohner aufgeteilt werden müssen.
Aber auch der Arbeitsmarkt wird vom demographischen Wandel erfasst. Die Erwerbsbevölkerung nimmt sogar noch rascher ab als die Gesamtbevölkerung. In Ostdeutschland wird die Erwerbsbevölkerung bis 2030 um 32% schrumpfen. Das mag einigen zunächst als gute Nachricht erscheinen. Denn angesichts der Massenarbeitslosigkeit könnte sich das Beschäftigungsproblem durch die Demographie gleichsam von selbst lösen. Wer so argumentiert, übersieht aber, dass die Erwerbsbevölkerung je nach Qualifikationsniveau sehr unterschiedlich von der Arbeitslosigkeit betroffen ist.
Unter den Niedrigqualifizierten beträgt die Arbeitslosenquote in den neuen Bundesländern gegenwärtig knapp 50%, d.h. jede zweite Erwerbsperson ohne Berufsabschluss ist ohne Arbeit! Eine solche massive Arbeitslosigkeit kann auch der demographische Wandel alleine nicht beseitigen. Ohne weitere Reformen im Arbeitsmarkt, die über die (an sich richtigen) Ansätze von Hartz IV hinausgehen, wird sich die Arbeitslosigkeit dieser Bevölkerungsgruppe auch langfristig nicht beseitigen lassen.
Ganz anders sieht die Situation bei den hoch qualifizierten Personen aus. Hier liegt die Arbeitslosenquote ähnlich wie in Westdeutschland bereits heute auf einem niedrigen Niveau. In einzelnen Bereichen zeichnet sich gegenwärtig sogar ein Mangel ab, der sich in naher Zukunft durch den demographischen Wandel noch verschärfen wird. Da sich ein unzureichendes Angebot an hoch qualifizierten Arbeitskräften negativ auf die Attraktivität Ostdeutschlands als Investitionsbzw. Wirtschaftsstandort auswirken würde, müssen rechtzeitig geeignete Gegenstrategien von Politik und Wirtschaft entwickelt werden.
Die Politik kann kurz- und mittelfristig durch eine selektive Zuwanderung von hoch qualifizierten Arbeitskräften, die Verlängerung der Lebensarbeitszeit und die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung insbesondere bei hoch qualifizierten Frauen dazu beitragen, den sich abzeichnenden Engpass zu vermeiden. Langfristig wird es von entscheidender Bedeutung sein, den Bestand an qualifiziertem Humankapital durch attraktive Bildungsinstitutionen in Ostdeutschland zu sichern.
Aber nicht nur die Politik, sondern auch die Wirtschaft ist gefragt. Weiterbildung und lebenslanges Lernen sollten für jeden Betrieb und jede Erwerbsperson selbstverständlich werden, um hierdurch die Voraussetzungen für eine längere Lebensarbeitszeit zu schaffen. Die Betriebe müssen sich angesichts der alternden Erwerbsbevölkerung darauf einstellen, ihr qualifiziertes Personal an den Betrieb zu binden und länger in innovativen Bereichen einzusetzen.
Professor Dr. Marcel Thum Forschungsdirektor ifo Dresden
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