Süddeutsche Zeitung, 08./09.07.2006, Nr. 155, S. 20
München - Der Preis für ein Fass, Öl der Sorte Brent hat wieder die Marke von 70 Dollar überschritten. Der Ölpreis liegt damit um besorgniserregende 50 Dollar über dem durchschnittlichen Wert von 20 Dollar, die noch in den neunziger Jahren üblich waren. Steht die Welt vor einer neuen Ölkrise? Welche Auswirkungen hat der hohe Ölpreis für die Verbraucher und das Wachstum? Ist der gegenwärtige Preis nur ein kurzfristiges Phänomen oder ein Vorgeschmack auf das, was uns in Zukunft an den Zapfsäulen erwarten wird? Fragen rund ums Öl standen im Mittelpunkt des Vertrags von Enno Harks, Energieexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, im Rahmen der Münchner Seminare der CESifo Gruppe und der SZ.
Harks betönte, dass es sich beim Ö1markt nicht um einen normalen Markt handelt, sondern um das Lehrbuchbeispiel eines nicht perfekten Marktes. „In einem perfekten Markt mit vielen Marktteilnehmern und freiem Marktzugang würde sich der Preis bei den langfristigen Grenzkosten, also den Kosten des letzten geförderten und verkauften Barrels, einpendeln. Dieser Preis liegt bei etwa zehn Dollar." Im Unterschied dazu ist der Markt für Öl gekennzeichnet durch ein Kartell der Förderländer, durch einen extrem schwierigen Marktzugang aufgrund hoher Fixkosten und politischer Zugangsverbote sowie durch eine geringe Transparenz der Kostenstruktur und der Produktionskapazitäten der oftmals staatlichen Ölfirmen. „In der Summe führt diese Marktstruktur dazu", so der Experte, „dass im Ölgeschäft Konten erzielt werden, die es in dieser Höhe nur noch beim Opiumhandel oder bei Diamanten gibt."
Die Ursachen für den starken Preisanstieg der vergangenen Jahre sind für Harks vielschichtig. Vor allem die stark gesunkenen Industrievorräte der USA und die geringen freien Förderkapazitäten gelten als Hauptursachen für den Höhenflug und die ausgeprägte Volatilität des Ölpreises. „Der Irakkrieg, der Streik in Venezuela und die unerwartet hohe Ölnachfrage Chinas haben dazu geführt, dass die freien Kapazitäten seit 2003 auf einem historischen Tief stehen. Verbunden mit der Irankrise haben diese Faktoren zu einer hohen Marktanfälligkeit geführt und die Preise nach oben getrieben." Harks sieht jedoch positive Signale für die Zukunft. Die freien Förderkapazitäten steigen seit Beginn dieses Jahres Wieder, und das Ölangebot von Ländern, die nicht dem Opec-Kartell angehören, wächst gegenwärtig stärker als die Nachfrage der gesamten Welt. „Kommt es zu keinen weiteren größeren politischen Spannungen im Iran oder in anderen wichtigen Produktionsländern, werden die Ölpreise in der nächsten Zeit unter Druck geraten. Die wichtigsten Preisindikatoren deuten eher auf eine Entspannung denn auf eine neue Ölkrise", so der Experte.
Der hohe Ölpreis wird für Harks dennoch zu einer Abschwächung der globalen Konjunktur führen. „Die Auswirkungen eines Ölpreisanstiegs auf das Wachstum wurden in der Vergangenheit zwar meist überschätzt, bleiben aber im Kern korrekt." Wie stark die Konjunktur gebremst wird, ist jedoch kaum abzuschätzen, das ist von Land zu Land unterschiedlich. „Die Größe des Outputverlustes hängt neben der Ölintensität der Wirtschaft stark von der Geldpolitik der Zentralbank, dem Wechselkurs und auch der Art des Steuersystems ab." Europa steht gegenwärtig noch. gut da: Der starke Euro hat einen noch höheren Preisanstieg für die Verbraucher verhindert, und die hohen Steuern auf Energie in Europa haben zu einem prozentual geringeren Anstieg des Preises geführt, als es zum Beispiel in den USA der Fall war. Auch die sehr glaubwürdige Politik der Europäischen Zentralbank wird einen stärken Anstieg der Inflation, wie er noch in den siebziger Jahren zu beobachten war, nach Ansicht von Harks verhindern. Ein weiterer Vorteil ist sicherlich "die Tatsache, dass die Opec-Staaten einen großen Teil ihrer Einnahmen für Käufe in Europa nutzen, durch die unsere Exporte zunehmen.
Staatsbetriebe profitieren
Langfristig sieht Harks jedoch größere Herausförderungen auf die Welt zukommen. Die Konkurrenz um die verbliebenen Ölreserven wird die Geopolitik der Zukunft bestimmen und die Ölproduktion noch weiter in die Hand staatlicher Ö1firmen treiben. Erdöl wird zwar noch sehr lange verfügbar sein, aber das Maximum der Ölförderung wird zwischen 2025 und 2030 erwartet. Von da an wird sich jeder Nachfrageanstieg direkt in die Preise übersetzen. „Für die Industrieländer wird das Öl auch nach 2030 noch bezahlbar sein, für die Entwicklungsländer ist diese Entwicklung jedoch katastrophal. "Der Ausbau erneuerbarer Energiequellen ist für Harks zwar wünschenswert, wird jedoch den weltweiten Energiebedarf kaum decken können. So komisch es für deutsche Ohren klingen mag, aber der Energieträger der Zukunft ist die Kohle.
Christian Kelders
Münchner Seminar vom 12.06.2006 Der hohe Ölpreis - Anzeichen einer neuen Ölkrise? Referent:Enno Harks, Stiftung Wissenschaft und Politik
Informationen zur Veranstaltungsreihe: Münchner Seminare / Munich Seminars
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