Unternehmermagazin, 4/2006
Kognitive Basiskompetenzen, wie sie in den PISA-Studien getestet werden, sind ökonomisch von höchster Relevanz. Menschen, die sie beherrschen, verdienen gemeinhin mehr als andere und sind weniger von Arbeitslosigkeit betroffen. PISA-Vorgängerstudien zeigen, dass Basiskompetenzen m Mathematik und Naturwissenschaften großen Einfluss auf das langfristige Wachstum von Volkswirtschaften haben.
Daher sind Fragen nach Maßnahmen zur Erzielung einer hochwertigen Schulbildung äußerst berechtigt. Müssen die Länder mehr Lehrer einstellen? Müssen Eltern zu Hause Computer mit neuester Lernsoftware kaufen? Brauchen wir bundeseinheitliche Standards? Oder muss bereits viel eher, im frühkindlichen Bereich, mit spielendem Lernen angesetzt werden? Was muss passieren, damit sich die Bildung der Kinder in Deutschland spürbar verbessert?
Externe Prüfungen, Schulautonomie und Wettbewerb bewirken bessere Schülerleistungen
Die internationalen Schülerleistungstests PISA, IGLU und TIMSS legen nahe, dass das deutsche Schulsystem umfangreiche Reformen braucht, um effizienter zu werden und besser ausgebildete Schüler hervorzubringen. Schüler schneiden dort vorteilhafter ab, wo Leistungsstandards extern überprüft werden, wo diese externen Prüfungen mit Schulautonomie vor allem in Prozess- und Personalentscheidungen verbunden sind und wo Wettbewerb durch privat geleitete Schulen mit öffentlicher Schulfinanzierung einhergeht.
Ein effizientes Schulsystem baut also auf drei Säulen auf. Es macht Akteure für ihr Tun verantwortlich, etwa indem es vorgegebene Standards extern überprüft. Zugleich überlässt es den Schulen, wie sie diese Standards optimal erreichen. Zudem lässt es den Staat die Schulbildung finanzieren, während es die Leitung der Schule weitgehend dem privaten Sektor überträgt, da die Kombination von privater Schulleitung mit öffentlicher Finanzierung am meisten Wahlfreiheit und Wettbewerb bedeutet und so die besten Schülerleistungen erbringt. Solche institutionellen Rahmenbedingungen schaffen Anreize für alle Beteiligten, gute Schülerleistungen hervorzurufen, indem sie leistungsförderndes und -behinderndes Verhalten mit Konsequenzen verbinden und so die Beteiligten verantwortlich machen. Darüber hinaus kann es auch ein Belohnungssystem geben: Wenn sich die Bezahlung der Lehrer nach der Steigerung der Schülerleistungen richtet, profitieren auch die Schüler.
Der Leistungsunterschied von Schülern in Ländern mit und ohne externe Abschlussprüfungen beträgt fast ein Jahr. Dies liegt an den verschiedenen Anreizen von Schülern und Lehrern. Schüler haben bei extern vergleichbaren Prüfungen ein gutes Mittel, um möglichen Arbeitgebern und weiterführenden Bildungsinstitutionen ihre Leistungen zu signalisieren. Lehrer müssen ihren Klassen den Stoff auch wirklich beibringen, wenn es externe Prüfungen gibt.
Auch bei der Autonomie der Schulen gibt es Grenzen. Die Auswahl der Lehrbücher und der Lehrer korrelieren positiv mit der Leistung der Schüler. Die Festlegung des Budgets dagegen nicht. Aus diesem Grund sollten der Budgetrahmen und die Lehrstandards extern vorgegeben werden.
Als dritter Reformschritt sollte mehr Wettbewerb privater und öffentlicher Schulen zugelassen werden. Im internationalen Vergleich schneiden Schüler in Ländern, die einen höheren Anteil privat geleiteter Schulen aufweisen, signifikant besser ab. Privat geleitet heißt aber nicht, privat finanziert. In den PISA-Studien sind beispielsweise Schüler in den Niederlanden, wo sich ein hoher Anteil von Schalen m privater Trägerschaft mit einem hohen Anteil öffentlicher Finanzierung verbindet, besonders gut.
Weniger Ungleichheit der Bildungschancen durch frühkindliche Bildung und spätere schulische Selektion
Während sich die institutionellen Einflüsse auf das Leistungsniveau und auf die Effizienz des Schulsystems bezogen, liegt ein fundamentales Problem des deutschen Schulsystems in der großen Ungleichheit der Bildungschancen für Kinder mit verschiedenem familiären Hintergrund. PISA führt uns wieder vor Augen, wie sehr die Schülerleistungen vor allem in Deutschland von diesem Faktor abhängen. Wir liegen hier bei mehreren Tests nicht gut. Das heißt, dass Kinder gebildeter Eltern wesentlich bessere Schülerleistungen erzielen als Kinder aus weniger gebildeten Familien. Viele andere Länder verwirklichen Chancengleichheit weit eher. Die Auswertung der internationalen Schülervergleichstests besagt, dass sich dieses Problem mit dem Ausbau des frühkindlichen Bildungssystems und späterer schulischer Auswahl verringern lässt.
Eine deutsche Schwäche besteht in zu früher schulischer Selektion, also der Verteilung der Kinder nach der Grundschule auf Hauptschule, Realschule und Gymnasium (gegebenenfalls Gesamtschule). Die Datenlage zeigt klar, dass spätere schulische Selektion die Chancenungleichheit der Schüler sinken lässt. Verschöbe man die Selektion um vier Jahre, könnte sich der Einfluss des familiären Hintergrunds um 17 % verringern. Demgegenüber erweisen wir uns als das Land, in dem die Ungleichheit zwischen dem Ende der Grundschule und dem Ende der Mittelstufe am stärksten von allen betrachteten Ländern steigt.
Auch der flächendeckende Besuch frühkindlicher Bildungseinrichtungen verringert die Chancenungleichheit. Wenn alle Kinder wie in Dänemark oder in den Niederlanden frühkindliche Bildungseinrichtungen besuchen statt nur 60 (wie in der Schweiz und in den USA), sinkt der familiäre Einfluss ähnlich wie bei der Verschiebung der schulischen Selektion. Die Chancen für Kinder mit weniger gebildetem familiären Einfluss steigen. Ebenso baut eine Verlängerung der frühkindlichen Bildungszeit Ungleichheit ab. Hier reicht es nicht, mehr Kindergartenplätze bereitzustellen. Deutschlands Kindergärten müssen einen Bildungsauftrag wahrnehmen und nicht nur Kinder betreuen
Die Resultate zur Bedeutung schulischer Selektion und frühkindlicher Bildung zeigen Lösungsvorschläge für ein ausgeglicheneres Bildungssystem auf. Demgegenüber findet sich in den internationalen Untersuchungen kein systematischer Unterschied in der Chancengleichheit von Ländern mit Ganztags- und Halbtagsschulen. Zudem fehlen Belege, dass verteiltere Bildungschancen mit geringerem Leistungsniveau erkauft werden müssten. Fordern Schulen alle Schüler zur Realisierung ihres vollen Potentials, heraus, kann ein effizientes Bildungssystem Gleichheit fördern.
Bezüglich der Integration von Schülern mit Migrationshintergrund belegen die Studien, dass die schwachen Leistungen dieser Schüler zum Großteil ebenfalls auf mangelndem Bildungshintergrund der Familien beruhen. Insofern dürften ein umfassendes System der frühkindlichen Bildung und eine spätere schulische Selektion gerade für Kinder mit Migrationshintergrund wichtig sein. Die Problematik ist speziell bei Kindern, die zu Hause kein Deutsch sprechen, groß. Daher sind intensive Angebote zum Erlernen der deutschen Sprache sowohl für Kinder im frühkindlichen Bereich als auch für betroffene Eltern zu machen. Zudem scheinen externe Prüfungen für die Leistungen von Kindern mit Migrationshintergrund noch relevanter als für deutsche Kinder zu sein.
Kleinere Klassen und mehr Computer führen nicht zu besseren schulischen Leistungen
Die internationalen Schülervergieichsstudien zeigen, dass die Ausweitung des Bildungsbudgets und die Verkleinerung der Klassen im Gegensatz zu den institutionellen Reformen nicht zu einer signifikanten Steigerung der Basiskompetenzen der Schüler führen. Schüler aus Ländern mit mehr Bildungsausgaben schneiden nicht systematisch besser ab als ihre Alterskollegen aus Ländern, die weniger für Bildung ausgeben. Zieht man die durchschnittliche Klassengröße für internationalen Vergleiche heran, ergibt sich dasselbe Bild. Belegt ist auch, dass Ausgabensteigerungen über die Zeit nicht zu Leistungsverbesserungen führen.
Im Übrigen fehlen Belege, dass Schüler in kleineren Klassen mehr lernen als Schüler in überfüllten Klassen. Zumindest in der Mittelstufe ist die Klassengröße nicht kausal für die mathematischen Leistungen. Die Einstellung zusätzlicher Lehrer zur Verkleinerung der Klassen kann folglich nicht mit einer Steigerung der erlernten Basiskompetenzen der Schüler begründet werden.
Darüber hinaus zeigen die internationalen PISA-Daten, dass die Verfügbarkeit von Computern zu Hause und die intensive Nutzung von PC in der Schule nicht mit besseren, sondern teils sogar mit schlechteren Schülerleistungen in den PISA-Basiskompetenzen einhergehen. Die weit verbreitete Meinung, intensivere Computernutzung bedinge bessere Schülerleistungen, darf als widerlegt gelten. Die zu intensive Nutzung von Computern zu Hause und in der Schule wirkt sich sogar abträglich aus. Wird das Niveau überschritten, besteht die Gefahr der Verdrängung alternativer Unterrichtsformen und es zeigen sich negative Effekte.
Muss bessere Basis-Bildung viel kosten?
Die internationalen Schülerleistungsvergleiche wie PISA, IGLU und TIMSS zeigen uns, dass Steigerungen der Bildungsausgaben mit Ausnahme des Bereichs frühkindlicher Bildung kaum bessere Basiskompetenzen bedingen. Insgesamt gilt: Die Strukturen unseres Schulsystems sind ineffizient. Die Schulpolitik sollte weniger auf die Ausweitung der Ressourcenausstattung als auf leistungsfordernde Veränderung der Strukturen setzen. Eine klarere externe Leistungsüberprüfung, die Dezentralisierung personal- und prozesspolitischer Entscheidungskompetenzen an die Schulen, die stärkere Einbindung des privaten Sektors ins Schulmanagement und eine spätere Selektion in verschiedene Schultypen brauchen vermutlich nicht mehr Geld als das heutige Schulsystem. Die nachhaltige Verbesserung der Basiskompetenzen muss also nicht viel kosten. Wohl aber kostet sie Überwindung, institutionelle Hindernisse und politische Blockaden aufzugeben.
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