MÜNCHNER SEMINARE
Süddeutsche Zeitung 13.10.2006, Nr. 10, 19 von Tobias Seidel
Als Land der zwei Geschwindigkeiten hat der Unternehmensberater Roland Berger die Bundesrepublik bezeichnet. Während global aktive Firmen Rekordumsätze verzeichneten, falle Deutschland im internationalen Vergleich mehr und mehr zurück. Nicht alle könnten das hohe Tempo der Globalisierung mitgehen. Unternehmen kämen mit dem globalen Wettbewerb besser zurecht, da sie die Möglichkeit hätten, über Outsourcing und Offshoring, also der Verlagerung von zu teuren Produktionsstufen ins Ausland, den hohen Lohnkosten in Deutschland auszuweichen. Als Folge würden Arbeitnehmer vor die Tür gesetzt und dürften im schnellen Zug nicht mehr mitfahren. Bei den Münchener Seminaren von CESIfo und Süddeutscher Zeitung erläuterte Berger die Konsequenzen der Globalisierung und bewertete den eingeschlagenen Reformweg. Berger ist heute Aufsichtsratschef des von ihm gegründeten Unternehmens.
Die Produktionsstruktur in Deutschland sei einem enormen Wandel unter werfen, sagte Berger. Maschinenbau, Autoindustrie und Chemie stünden weltweit zwar immer noch an der Spitze, Computer und elektronische Geräte würden dagegen vornehmlich im Ausland entwickelt und produziert. In richtungsweisenden Hochtechnologien aber laufe Deutschland hinterher. Ein dynamisches Wachstum wie etwa in den Vereinigten Staaten entstehe daher nicht. Zentrale Aufgabe der Politik sei es, ein innovationsfreundliches Klima zu schaffen. Da zu müssten Unternehmenssteuern gesenkt werden, damit Firmen wieder verstärkt in Deutschland investieren, forschen und ihre Innovationen in marktfähige Produkte umwandeln. Unter den entwickelten Volkswirtschaften habe Deutschland die niedrigste Nettoinvestitionsquote. Zudem mangele es an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern, die neue Produkte entwickeln könnten.
Berger lobte ausdrücklich den Reformkurs des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder und blickte verhalten optimistisch in die Zukunft. In zahlreichen Feldern hätte die rot-grüne Koalition wichtige Paradigmen gewechselt, was in der Politik sehr schwer durchzusetzen sei. So verlangten in der Gesundheitspolitik die Praxisgebühr und höhere Zuzahlungen bei Medikamenten den Bürgern mehr Eigenverantwortung ab. In der Rente sei die Eigenvorsorge über die Kapitaldeckung hinzugekommen. Der Nachhaltigkeitsfaktor sei eingeführt und die Entwicklung der Renten langfristig gebremst worden. Auf dem Arbeitsmarkt werde Arbeitslosen die Annahme weniger attraktiver Steilen zugemutet.
Berger forderte, den Reformkurs fortzusetzen. In der Rentenversicherung müsse die Kapitaldeckung weiter ausgebaut werden. Das Gesundheitssystem vertrage mehr Wettbewerb, um die Bereitstellung von Gesundheitsleistungen effizienter zu gestalten, vor allem müssten die Gesundheitskosten über die Einführung einer Gesundheitsprämie von den Arbeitskosten abgekoppelt werden.
Auf dem Arbeitsmarkt sollten die Flächentarifverträge geöffnet werden. Längere Arbeitszeit ohne Lohnausgleich, die Lockerung des Kündigungsschutzes und eine intelligente Form von Kombilöhnen könnten mehr Beschäftigung bringen. Der Staat müsse mehr Geld für die Zukunft ausgeben, also in Bildung, Forschung und Entwicklung, Infrastruktur und Familienpolitik, und weniger in die Vergangenheit investieren, also in Subventionen für alte Industrien und den Sozialstaat.
Für die Umsetzung all dieser Maßnahmen sei die Reformfähigkeit des Landes entscheidend. Und die sei nur über eine Neuregelung der Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern und Gemeinden - eine Föderalismusreform - erreichbar. Das Ziel müsse es sein, allen Deutschen Chancen zu bieten, von der Globalisierung zu profitieren.
Münchner Seminar vom 9.01.2006 Deutschland im Wandel - Staat und Unternehmen im globalen Wettbewerb Referent: Roland Berger, Chairman Roland Berger Strategy Consultants
Informationen zur Veranstaltungsreihe: Münchner Seminare / Munich Seminars
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