von Hans-Dieter Karl
aus ifo Schnelldienst 14/ 2000, S. 14-22
Am 30. und 31. März 2000 hat sich in Kiel die Arbeitsgruppe Rohstoffpreise der Vereinigung Europäischer Konjunkturforschungsinstitute (AIECE) getroffen. Der folgende Bericht fasst die wesentlichen Ergebnisse dieser Tagung zusammen. Die Einschätzungen der aktuellen weltwirtschaftlichen Entwicklungstendenzen als Bestimmungsfaktoren der Rohstoffmärkte wurden gemeinsam festgelegt. Die Ausführungen zur Markt- und Preisentwicklung wichtiger Rohstoffe bis Ende 2001 stützen sich im wesentlichen auf die arbeitsteilig von den AIECE-Rohstoffexperten ausgearbeiteten Analysen und Prognosen.1 In der Arbeitsgruppe sind folgende Institute vertreten: BIPE-Bureau d'lnformation et de Provisions Economiques (Paris), CPB-Centraal Planbureau (Den Haag), COE-Chambre de Commerce et de l'Industrie de Paris/Centre d'Observation Economique (Paris), ETLA-Research Institute of the Finnish Economy (Helsinki), Foreign Trade Research Institute (Warschau), Hamburgisches WeltWirtschafts-Archiv-HWWA (Hamburg), ifo Institut für Wirtschaftsforschung (München), INSEE-lnstitut National de la Statistique et des Etudes Economiques (Paris) und lfW-Institut für Weltwirtschaft (Kiel) sowie als Beobachter SKEP-Economic Outlook and Policy Services, Chamber of Economy of Slovenia (Ljubljana).
Im Durchschnitt des Jahres 1999 lagen die Preise für nichtenergetische Rohstoffe noch unter dem entsprechenden Vorjahreswert. Allerdings hat sich der Preistrend Mitte des Jahres gedreht: Die Notierungen steigen seit dem dritten Quartal stetig, und diese Tendenz hält auch in den ersten Monaten des Jahres 2000 an (vgl. Abb. 1). Eine wesentliche Ursache für diese Entwicklung ist darin zu sehen, dass das weltwirtschaftliche Wachstum sich beschleunigt und auch die Wirtschaften Japans und der von Währungskrisen betroffenen wichtigen asiatischen Länder erfasst hat. Gemessen am HWWA-lndex der Weltrohstoffpreise kosteten Rohstoffe (ohne Energierohstoffe) Anfang April 2000 um 6,5% mehr als vor einem Jahr. Während sich aber die Industrierohstoffe deutlich verteuert haben, sind Nahrungs- und Genussmittel billiger geworden. Die Nahrungs- und Genussmittelpreise, die 1999 nur im vierten Quartal im Vergleich zum Vorquartal leicht gestiegen waren, tendierten im ersten Quartal des laufenden Jahres wieder schwächer; bis Anfang April sind die Preise im Jahresvergleich um rund 9% gefallen, Die Notierungen für Genussmittel und Zucker sind mit 15% besonders stark zurückgegangen. Dagegen sind die Preise für Ölsaaten und pflanzliche Öle in diesem Zeitraum per Saldo leicht gestiegen; nahezu unverändert blieben die Getreidepreise.
Die Preise für Industrierohstoffe sind seit Jahresfrist, vor allem wegen der anhaltenden Erholung der Weltwirtschaft, um rund 13% gestiegen. Insbesondere die NE-Metalle haben sich kräftig verteuert; Anfang April notierten sie nach kontinuierlichem Anstieg in den zurückliegenden vier Quartalen um etwa 30% über dem Niveau vor einem Jahr.
Deutlich weniger stark haben in diesem Zeitraum die Preise der agrarischen Industrierohstoffe (8,3%) und die Notierungen für Eisenerz und Stahlschrott (6,5%) angezogen.
Wo im Durchschnitt des Jahres 1999 waren die Preise für Energierohstoffe beträchtlich höher als 1998. Bestimmt wurde diese Entwicklung vom Rohöl, das aufgrund der Produktionseinschränkungen wichtiger Förderländer ab dem zweiten Quartal stark gestiegen ist und übers Jahr gerechnet um 36% teurer war. Der Anstieg der Rohölpreise setzte sich zwar zu Beginn des Jahres 2000 fort, im März zeichnete sich aber eine Entspannung ab, nachdem das OPEC-Kartell bekannt gegeben hatte, dass seine Mitglieder die Ölproduktion ausweiten werden. Die Kohlenpreise tendierten dagegen bis ins erste Quartal des Jahres 2000 schwach; im Vorjahr notierten sie um durchschnittlich 12% unter dem Niveau des Jahres 1998.
Insgesamt, also unter Einschluss der Energierohstoffe, ist das Preisniveau für Rohstoffe, gemessen am HWWA-Index auf Dollarbasis, im Jahre 1999 um 12% gestiegen. Im Durchschnitt des ersten Quartals des laufenden Jahres sind die Rohstoffpreise nochmals deutlich höher gewesen. Nach dem Erreichen eines lokalen Maximalwerts in der ersten Märzhälfte setzte sich eine Abwärtstendenz durch; Anfang April lag der Gesamtindex nur um knapp 1,5% über dem Niveau vom Jahresbeginn.
Ein Vergleich der tatsächlichen Preisentwicklung in den letzten beiden Quartalen mit der Herbstprognose der Arbeitsgruppe Rohstoffpreise vom September 1999 lässt folgendes erkennen:2
Grundsätzlich ist darauf hinzuweisen, dass die Arbeitsgruppe Rohstoffpreise nur Richtung und Größenordnung der Preistendenzen abschätzen kann, wie sie sich aus den jeweils aktuellen Bedingungskonstellationen ergeben. Konjunkturelle, witterungsbedingte und politische Einflüsse haben für die einzelnen Rohstoffmärkte unterschiedliche Bedeutung; daneben ergeben sich insbesondere kurzfristige Preisentwicklungen auch durch spekulative Einflussnahmen. Bei der Beurteilung der Gesamtentwicklung ist zu berücksichtigen, dass das Rohöl in dem - seit Mai 1997 auf Preisbasis 1990 = 100 umgestellten - HWWA-Index3 ein Gewicht von 55,48% hat, also die Weltrohstoffpreise dominiert.
In ihren Preisprognosen bis Ende 2001 ging die Rohstoffgruppe insbesondere von folgenden Annahmen über die weltwirtschaftlichen Rahmendaten aus:4
Nach Jahren einer dynamischen Entwicklung wird die Wirtschaft der USA auch 2000 mit 4,2% stärker wachsen als der Durchschnitt der OECD-Länder; für das nächste Jahr wird aber eine Abschwächung (+ 2,7%) erwartet. In Japan mehren sich die Anzeichen für eine Besserung der wirtschaftlichen Lage; das reale BSP wird 2000 um 1% und 2001 um 1,5% zunehmen. Ein positiver Einfluss geht auch von der Beschleunigung des Wirtschaftswachstums in den übrigen asiatischen Ländern aus. In Westeuropa wird es zu einem Aufschwung auf breiter Front kommen:
Im Jahr 2000 wird das Wirtschaftswachstum in der Europäischen Union mit rund 3% um nahezu 1 Prozentpunkt höher sein als im Vorjahr; 2001 ist mit einer leichten Abschwächung des Wachstums zu rechnen (+ 2,8%). Unter den großen westeuropäischen Volkswirtschaften werden Frankreich und Spanien in beiden Jahren die stärkste Dynamik entfalten.
Bei einem Wachstum der Industrieproduktion in den OECD-Ländern von jeweils 4% im laufenden und kommenden Jahr wird die Nachfrage der Verarbeiter nach Industrierohstoffen wieder stärker zunehmen. Das führt zusammen mit dem nur leicht ausgeweiteten Angebot zu kontinuierlich steigenden Notierungen. Die Rohstoffgruppe rechnet daher damit, dass die Preise 2000 - nach einem Rückgang um 2% im Jahr 1999 - im Jahresverlauf anziehen und im Durchschnitt um etwa 11% höher sind als im Vorjahr; für 2001 zeichnen sich bei abgeschwächter Aufwärtstendenz im Durchschnitt um 4% höhere Preise ab.
Der kräftige Anstieg der Preise für Energierohstoffe im Jahre 1999, der bis in das laufende Jahr hinein anhielt, ist allein auf die Entwicklung des Rohölpreises zurückzuführen. Dieser Ölpreisanstieg ist eine unmittelbare Folge der Angebotsverknappung durch die OPEC-Länder und einige kartellungebundene Produzenten seit dem Frühjahr 1999. Zugleich kam es durch die höhere Nachfrage aufgrund des rascheren Wirtschaftswachstums zu einem spürbaren Abbau der Lagerbestände in den Verbraucherländern. Das trieb den Rohölpreis weiter nach oben; in der Spitze notierte er Anfang März 2000 bei rund 31 $ pro Barrel (b). Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet aufgrund des beschleunigten Wachstums der Weltwirtschaft einen kräftig steigenden Ölbedarf: Nach der aktuellen Prognose der IEA-Experten wird die Ölnachfrage 2000 um 2,2% nach 1,6% im Vorjahr zunehmen. Da die OPEC aber Ende März 2000 leichte Produktionserhöhungen beschlossen hat, bestehen Chancen für eine Stabilisierung des Rohölpreises im Bereich von 20 bis 25 $/b. Die Rohstoffgruppe rechnet daher im Jahre 2000 mit einem durchschnittlichen Ölpreis von rund 24 $/b, was im Jahresvergleich einem Anstieg von 32% entspricht. Für das Jahr 2001 werden um 10% niedrigere Notierungen mit einem Durchschnittspreis von knapp 22 $/b erwartet (vgl. Abb. 2). Die Preise der Energierohstoffe insgesamt, also einschließlich der Kohlen, werden im laufenden Jahr um durchschnittlich 29% höher sein als 1999; im Jahr 2001 werden Energierohstoffe um rund 9% niedriger notieren.
Die Preise für Nahrungs- und Genussmittel, die seit Jahren rückläufig sind und im ersten Quartal 2000 einen Tiefpunkt erreicht haben, werden sich im Prognosezeitraum erholen. Wegen des Unterhangs werden die Preise im Durchschnitt des Jahres 2000 um 3% niedriger sein; für 2001 wird mit um 6% höheren Preisen gerechnet. Aufgrund der anhaltenden wirtschaftlichen Erholung werden die Preise für nicht-energetische Rohstoffe insgesamt, nachdem sie im vergangenen Jahr um 8% gefallen waren, 2000 voraussichtlich um 7% steigen; 2001 werden sich die Notierungen weiter befestigen (+ 5%). Für die Rohstoffpreise insgesamt rechnet die AIECE-Arbeitsgruppe im laufenden Jahr mit einem Anstieg um 20% und für 2001 mit einem Rückgang um 4%; diese Bewegung spiegelt zu einem großen Teil die erwartete Entwicklung des Rohölpreises wider. Angesichts der Beruhigung auf den Ölmärkten ist davon auszugehen, dass im Jahr 2000 von den Rohstoffpreisen keine negativen Auswirkungen auf die Konjunktur in den Industrieländern ausgehen.
Die Preisentwicklung einzelner Rohstoffe ist der Tabelle zu entnehmen. Im folgenden werden die von der Rohstoffgruppe erarbeiteten Preistendenzen für einige ausgewählte Rohstoffe kurz erläutert.
Nachgebende Rohölpreise zu erwarten
Die feste Verfassung des Ölmarktes, die 1999 zu dem kräftigen Anstieg des Rohölpreises führte, hielt zu Beginn des laufenden Jahres an: Im März erreichte der hier zugrunde gelegte Mischpreis aus den Rohölsorten West Texas Intermediate (WTI), Brent und Dubai mit rund 31 $/b den höchsten Stand seit neun Jahren. Ausschlaggebend für diese Entwicklung war die im Frühjahr 1999 auf der OPEC-Konferenz beschlossene und von den Kartellmitgliedern - für die meisten Beobachter unerwartet - strikt umgesetzte Reduzierung der Ölförderung. Diese Angebotsverknappung wurde zudem von wichtigen kartellungebundenen Produzenten, wie Mexiko, Norwegen, Oman und Russland, unterstützt. Aufgrund des anziehenden Wachstums der Weltwirtschaft und des damit einhergehenden höheren Ölverbrauchs kam es vor allem in den letzten beiden Quartalen zu einem deutlichen Abbau der Lagerbestände, wodurch der Preisauftrieb einen zusätzlichen Impuls erhielt.
Im Anschluss an das Preishoch im März waren die Rohölnotierungen in Erwartung einer Ausweitung der Ölproduktion durch die OPEC rückläufig. Auf der OPEC-Konferenz vom 27. bis 29. März 2000 in Wien wurde dann eine Erhöhung der Förderung durch zehn Mitglieder des Kartells ab April um 1,72 Mill. b/d beschlossen; da die betreffenden OPEC-Mitglieder aber schon im März um 1,38 Mill. b/d über den vereinbarten Fördermengen produzierten, ist der faktische Anstieg der Ausbringung deutlich geringer. Die Erhöhung des Fördervolumens der OPEC kam allerdings nur gegen den erheblichen Widerstand des Iran zustande, der erst nachträglich seine Zustimmung zu den Beschlüssen erklärte. Die Gründe für dieses Verhalten sind einerseits in den technischen Problemen der iranischen Ölindustrie zu sehen, die unter dem seit Ende der siebziger Jahre andauernden US-Embargo leidet und nahe an der Kapazitätsgrenze produziert, sowie andererseits in dem Bestreben, keine Produktionsanteile an andere Kartellmitglieder, vor allem Saudi-Arabien, zu verlieren.
Das beschlossene Fördervolumen dürfte ausreichen, um im gewöhnlich verbrauchsschwächeren
zweiten Quartal eine leichte Aufstockung der Lagerbestände zu ermöglichen. Außerdem
ist noch zu berücksichtigen, dass der Irak, der aufgrund der UN-Sanktionen einen
Sonderstatus genießt und somit nicht an die genannten Vereinbarungen des OPEC-Kartells
gebunden ist, seine Förderung in den kommenden Monaten ausdehnen wird. Da der
Weltsicherheitsrat dem Irak unlängst erlaubt hat, Reparaturen an seinen Ölförderanlagen
durchzuführen, bestehen gute Chancen für eine nachhaltige Erhöhung der Produktion.
Einschließlich der Fördersteigerung ungebundener Produzenten wie Mexiko und
Norwegen sowie anderer Faktoren veranschlagt die IEA für das zweite Quartal
ein zusätzliches Angebot von rund 1 Mill. b/d.6
Diese Erwartungen über die Entwicklung der Ölversorgung in den kommenden Monaten
haben dazu geführt, dass der Rohölpreis Mitte April nur noch bei knapp 23 $/b
notierte. In den beiden nächsten Quartalen dürfte sich die Lage auf den Ölmärkten
wieder weniger entspannt darstellen. Bei einer unveränderten Förderung der OPEC-Staaten
wird es infolge der steigenden Nachfrage nach Rohöl wieder zu einer Verringerung
der Lagerbestände kommen. Es ist somit davon auszugehen, dass die OPEC zur Vermeidung
von Belastungen für die wirtschaftliche Entwicklung in den Verbraucherländern
ihre Fördermenge nochmals erhöhen muss. Nach welchem Muster das Angebotsverhalten
des Kartells in nächster Zeit ablaufen soll, wurde dem Vernehmen nach ebenfalls
auf der OPEC-Konferenz festgelegt:
Man strebt einen Ölpreis an, der in dem Intervall zwischen 22 und 28 $/b liegt;
wird dieser Preiskorridor an mehr als 20 Handelstagen unter- oder überschritten,
erfolgt eine Anpassung der Förderung um 0,5 Mill. b/d. Allerdings hat die OPEC
ein außerplanmäßiges Treffen am 21. Juni vereinbart, um anhand der aktuellen
Marktlage über die erforderlichen weiteren Schritte zu entscheiden.
Unter diesen Bedingungen geht die Rohstoffgruppe davon aus, dass der Ölpreis bei höherer Volatilität in der Tendenz zurückgehen wird. Aufgrund des Überhangs aus dem Vorjahr und des starken Anstiegs im ersten Quartal wird der durchschnittliche Rohölpreis im Jahr 2000 um 32% höher sein als 1999 und bei rund 24 $/b liegen. Für 2001 wird eine weitere Beruhigung auf dem Ölmarkt unterstellt; die Ölpreisnotierungen werden sich im Durchschnitt zwischen 21 und 22 $/b bewegen.
Auf mittlere Sicht dürften sich die Angebotsbedingungen auf den Ölmärkten verbessern. Denn aufgrund der seit Mitte 1999 sprunghaft gestiegenen Gewinne bei der Förderung von Öl und Gas hat die Mineralölindustrie ihre Investitionspläne für das laufende Jahr nach oben korrigiert. Die Ausgaben für die Exploration und Produktion von Öl und Gas sollen nach dem Rückgang um 18% im Jahr 1999 um 11% gesteigert werden.7 In diesem Zusammenhang ist auch zu berücksichtigen, dass aufgrund des technischen Fortschritts die durchschnittlichen Kosten für das Auffinden und die marktreife Erschließung eines Barrel Rohöl seit Anfang der achtziger Jahre von mehr als 20 $ auf heute weniger als 5 $ gesunken sind.8 Dennoch dürften auf längere Sicht die fundamentalen Ungleichgewichte auf dem Markt bestehen bleiben, die sich daraus ergeben, dass die OPEC über 75% der bekannten Reserven verfügt, zum Weltölaufkommen aber nur rund 40% beiträgt. Dazu kommt, dass das Öl aus den Lagerstätten in der Region um den Persischen Golf zu den weltweit niedrigsten Kosten gefördert werden kann. Aus ressourcenökonomischer Sicht wäre es daher angezeigt, diese Ölfelder mit den höchsten Knappheitsrenten pro Einheit zuerst zu nutzen; dagegen stehen die Preisstrategie der OPEC und das mangelnde Vertrauen der Verbraucherländer in eine sichere und zuverlässige Versorgung aus diesem Gebiet.