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Ein Betriebswirt des Staates

Presseecho, Neue Zürcher Zeitung, 24.02.2003, 13

Hans-Werner Sinn - Präsident des Münchner Ifo

Von Christoph Eisenring

Die Schriften der Klassiker sind im dunkel getäfelten Salon gut aufgehoben; man stösst etwa auf Joseph Schumpeters «Capitalism, Socialism and Democracy», der von Adam Smiths «The Wealth of Nations» und Gustav Schmollers «Grundriss der allgemeinen Volkswirtschaftslehre» flankiert wird. Die kleine Handbibliothek gehört dem Präsidenten des Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) in München, dem 55-jährigen Hans-Werner Sinn. Das Ifo bietet - zusammen mit dem Centre for Economic Studies (CES) der Universität München, dem Sinn ebenfalls vorsteht - rund 100 Wissenschaftern ein internationales Umfeld; so waren allein am CES seit 1991 über 350 Gastforscher tätig. Das war in der deutschen Forschungslandschaft nicht immer so. Sinn selber litt als junger Ökonom darunter, dass es in Deutschland keine Möglichkeit gab, seine Arbeiten zu präsentieren. Seinen ersten wissenschaftlichen Vortrag hielt er bezeichnenderweise an der New York Business School. Aus dieser Erfahrung heraus engagierte sich Sinn dafür, dass der Verein für Socialpolitik, in dem die deutschsprachigen Ökonomen organisiert sind, seine Tagungen dem wissenschaftlichen Nachwuchs öffnete.

Im Parterre des Ifo ist gerade eine internationale Konferenz über die Ausgestaltung der EU-Verfassung im Gange, an der auch der amerikanische Nobelpreisträger James Buchanan teilnimmt. Buchanan ist Mitbegründer der Public-Choice-Schule, die sich der Analyse des politischen Geschehens widmet. Im Rahmen dieser Theorie werden optimale Verfassungsregeln abgeleitet. Allerdings, betont der Münchner Ökonom, helfe sie einem nicht weiter, wenn man als Volkswirt die Regierung beraten wolle. Der Ifo-Präsident sieht sich als klassischen Finanzwissenschafter, der die Grenzen zwischen privaten und staatlichen Aktivitäten auslotet. Als «Betriebswirt des Staates» will er auf die Gesetzgebung Einfluss nehmen. Sinn gehört denn auch zu den engagiertesten Kritikern der deutschen Wirtschafts- und Sozialpolitik. Im Buch «Kaltstart» hatte er bereits 1991 die negativen Folgen des Umtausches der DDR- in die D-Mark von 1:1 und der Tarifabschlüsse für die Wettbewerbsfähigkeit der ostdeutschen Wirtschaft herausgearbeitet. Gut ein Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung sieht er sich bestätigt: Von «blühenden Landschaften» im Osten gebe es keine Spur. Die Produktivität beträgt in den neuen Bundesländern im Durchschnitt rund 60% des Westniveaus. Die Lohnkosten erreichen dagegen bis zu 75%. Unter diesen Umständen erstaunt es nicht, dass seit 1994 die Zahl der Stellen in den Ost- Regionen um jährlich rund 2% abgenommen hat.

Für die deplorable deutsche Beschäftigungssituation sind gemäss Sinn zwei hausgemachte Ursachen verantwortlich. Erstens eine desaströse Tarifpolitik, welche in den letzten 20 Jahren «jenseits des Marktes» betrieben worden sei. Zweitens eine Sozialpolitik, bei der Geld fliesse, wenn nicht gearbeitet wird, und wegfalle, wenn gearbeitet wird. Sinn setzt deshalb auf eine aktivierende Sozialpolitik, in deren Zentrum die Zusammenlegung der Arbeitslosen- mit der Sozialhilfe steht. Wer arbeiten könnte, dies aber nicht tut soll nur noch Wohngeld und einkommensunabhängige Leistungen für Kinder erhalten. Wer arbeitet, kommt in den Genuss von Lohnsteuergutschriften. Von der Kombination dieser Massnahmen ginge ein starker Anreiz zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit im Niedriglohn-Bereich aus.

Sinns Rezepte finden bei Politikern Gehör, wenn auch vorderhand noch wenig Gefolgschaft. Würde ihn der Schritt in die Politik nicht reizen? Sinn wehrt ab. In der Politik sei man ständig am Vermitteln und hetze von einem Termin zum nächsten; dabei komme das Nachdenken zu kurz. Sinn geleitet den Besucher noch zum Ausgang und eilt dann zu einer schwarzen Limousine, die vor dem Ifo-Gebäude bereits auf ihn wartet.

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