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Unerwünschter Basareffekt

Leserbrief von Hans-Werner Sinn, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2012, Nr. 297, S. 32

Wie kann Holger Schmieding solch eine Sinnverdrehung in die Welt setzen wie im Artikel "Europlatz Frankfurt: Keine Target-Falle und keine Inflationsgefahr" in der F.A.Z. vom 17. Dezember? Dort heißt es: "Seit die EZB im August klargestellt hat, dass sie einen deflationären Kollaps des Euro mit aller Macht verhindern würde, ebbt die(se) Kapitalflucht ab. Die Negativsalden Spaniens und Italiens haben sich bereits . . . zurückgebildet." Das ist doch gerade das Phänomen, das ich beschreibe und das meinem Buch den Namen gegeben hat: Die Target-Salden werden durch Ersatzinterventionen zurückgedrängt, die wegen der Pfadabhängigkeit der Politik als alternativlos gelten. In diesem Fall besteht die Ersatzintervention in der Ankündigung der EZB, dass die Steuerzahler der noch gesunden Länder im Zweifel für die Rückzahlung toxischer Staatspapiere der südlichen Länder geradestehen, indem ihnen der Notenbankgewinn beschnitten oder sie zur Rekapitalisierung ihrer ins Trudeln kommenden Notenbank herangezogen werden.

Die Bankenunion, die dazu dient, die EZB vor Abschreibungen auf toxische Refinanzierungskredite zu schützen, die den Banken Südeuropas gewährt wurden und die Target-Salden begründen, entspringt der gleichen Logik. Damit die goldene Kreditkarte nicht im Übermaß genutzt wird, muss die Platinkarte her. Alles wurde ausführlich in meinem Buch "Die Target-Falle" beschrieben. Der semantische Trick von Holger Schmieding liegt auf der gleichen Ebene wie seinerzeit die Sinnverdrehung bei der Basarökonomie. Meine These war, dass es wegen hoher Löhne für die einfache Arbeit zu einer Überspezialisierung auf die kapital- und wissensintensiven intensiven Exportsektoren, hier speziell auf die kundennahen Endstufen der Produktion komme, also zu einer überhöhten Wertschöpfung im Export (pathologischer Exportboom), der eine zu geringe Wertschöpfung bei den Binnensektoren gegenübersteht. Mir wurde damals entgegengehalten, es gebe gar keinen Basareffekt, weil die Wertschöpfung im Export nicht zurückgehe, wie ich angeblich behaupten würde. Der Basareffekt im engeren Sinne besteht in einer Aufblähung der Exportmengen relativ zur (überhöhten) Wertschöpfung. Dass es sich dabei um ein eindeutiges statistisches Phänomen handelt, ist überhaupt nicht bestreitbar. Die Umdeutung dieses Effekts in die Unterstellung, ich hätte ein Wegbrechen der Wertschöpfung im Export behauptet, gehört zu den Meisterleistungen der modernen Scholastik.

Immer das gleiche Spiel: Man unterstellt dem Kritisierten ein falsches Argument und widerlegt es dann. Was soll nur werden, wenn der gesellschaftliche Diskurs so verflacht?

PROFESSOR DR. HANS-WERNER SINN, PRÄSIDENT DES IFO INSTITUTS FÜR WIRTSCHAFTSFORSCHUNG, MÜNCHEN

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