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Großer Scherbenhaufen

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, Wirtschaftswoche, 28.04.2008, Nr. 18, S. 52

Die kranken Landesbanken brauchen ein neues Geschäftsmodell. Besser als Zusammenschlüsse untereinander wäre die vertikale Fusion mit Sparkassen, sagt Hans-Werner Sinn.

Die Finanzkrise zieht immer weitere Kreise. Viele deutsche Kreditinstitute sind in Mitleidenschaft gezogen - und im besonderen Maße gilt dies für die Landesbanken. Bei der Sachsen LB mussten Abschreibungen von 1,8 Milliarden Euro realisiert werden. Die Bank gehört jetzt der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Bei der WestLB rechnet man mit Abschreibungen von zwei Milliarden Euro, die BayernLB verzeichnet einen Abschreibungsbedarf von 4,3 Milliarden Euro. Insgesamt rechnen Experten bei den Landesbanken mit Abschreibungen von mindestens zwölf Milliarden Euro, was 19 Prozent ihrer aggregierten Eigenkapitalsumme von 63 Milliarden Euro entspricht. Wie groß die Vergleichszahlen bei den privaten Banken sind, ist nicht bekannt. Ihre Verluste müssten sich im Bereich von 45 Milliarden Euro bewegen, wenn der Prozentanteil die gleiche Größenordnung haben sollte. Die bislang geschätzten Werte bewegen sich indes nicht annähernd auf diesem Niveau.

Dass die Landsbanken so stark von der Subprime-Krise betroffen sind, ist kein Zufall, sondern systembedingt. Sie waren auch bei der Asienkrise Ende der Neunzigerjahre in besonderem Maße dabei. Die WestLB konnte sich damals noch auf - von der EU bemängelte - Sonderhilfen des Landes Nordrhein-Westfalen stützen. Auch die Krise der Helaba Mitte der Siebzigerjahre oder die Krise der Bankgesellschaft Berlin 2001, die den Staat teuer zu stehen kamen, nähren den Verdacht unguter Geschäftsmodelle. Landesbanken sind reine Staatsbanken, doch sie helfen dem Mittelstand und der Wirtschaft insgesamt weniger mit günstigen Krediten, wie man es vermuten könnte. Die Landesbanken tummeln sich im internationalen Großkreditgeschäft und legen ihr Geld im großen Stil in risikobehafteten Wertpapieren an. Wegen des Schutzes der staatlichen Gewährträgerhaftung und der staatlichen Anstaltslast hatten sie dennoch lange Zeit Triple-A-Ratings. So ausgestattet konnten sie ein Geschäftsmodell entwickeln, das im Wesentlichen darin bestand, sich billig auf den internationalen Kapitalmärkten zu refinanzieren und das Geld dann hochverzinslich und riskant in die ganze Welt weiter zu verleihen. Man investierte in englische Reisegesellschaften, kaufte sich bei der ungarischen Außenhandelsbank ein, beteiligte sich an französischen Versicherungen, erwarb Reedereien und eröffnete ein weltweites Filialnetz. Die aufstrebenden Staaten Asiens gehörten genauso zu den Kunden wie die Investmentbanken der USA, die dubiose Kreditpakete loswerden wollten. Aus der Zinsspanne zogen die Landesbanken ihre Gewinne. Daneben waren sie noch als Girozentralen tätig und reichten Kredite an Großkunden aus, bei denen sich kleinere Institute verhoben hätten. Erstaunlicherweise haben die Staatsbanken trotz ihrer Privilegien meist nur unterdurchschnittliche Eigenkapitalrenditen verdient. Dass sie ihren Marktanteil gegenüber den Privaten halten konnten und so schnell wuchsen wie diese, lag vor allem daran, dass sich die staatlichen Eigentümer mit geringeren Ausschüttungen begnügten.

Das Geschäftsmodell der Landesbanken ist inzwischen zusammengebrochen. Seit 2005 hat der Europäische Gerichtshof die Gewährträgerhaftung und die Anstaltslast verboten, weil er darin ein ungerechtfertigtes Privileg gegenüber den Privatbanken sah. Nur noch eine Nachwirkungsfrist beim Staatsschutz, die sich bis 2015 auf Altpapiere erstreckt, erhält in einer Übergangszeit einen Teil des Zinsgewinns. Wegen dieser Frist hatten sich die Landesbanken vor 2005 noch kräftig mit Risikopapieren eingedeckt und damit ihren Anlagenotstand erhöht. Auch die Funktion als Girozentralen der Sparkassen hat sich überlebt, weil die Sparkassen alle untereinander vernetzt sind. Mit immer gewagteren Anlagen haben manche Vorstände gegenzusteuern versucht. Das Resultat ist ein großer Scherbenhaufen. Die Landesbanken sind am Ende - und suchen nun ihr Heil offenbar in Großfusionen. Die WestLB liebäugelt mit der Helaba, die LBBW hat ein Auge auf die BayernLB geworfen. Ein Zusammenschluss macht aber noch kein neues Geschäftsmodell. Die horizontale Verbindung gleichermaßen vom Verlust der Gewährträgerhaftung betroffener Institute wird die notwendige Eigenkapitalrendite nicht erbringen. Kranke werden nicht dadurch gesund, dass man sie im gleichen Zimmer versammelt.

Ein mögliches Geschäftsmodell bietet die italienische Unicredit. Sie ist aus einem Verbund italienischer Sparkassen entstanden. Die Kommunen als Eigentümer der Sparkassen haben ihr Eigenkapital in eine Stiftung eingebracht, und die Stiftung wurde zum Eigentümer einer neuen Großbank, in die die ehemaligen Sparkassen als Filialbetriebe eingegliedert wurden. Ähnliches könnten die Sparkassen mit den Landesbanken machen. Der Charme dieser Lösung bestünde darin, dass hier nicht Gleiches mit Gleichem zusammenkommt, sondern zwei Typen von Banken, die sich trefflich ergänzen. Die Sparkassen sind in der Fläche vertreten, sammeln Spargelder ein und vergeben Mittelstandskredite, doch für das Großkundengeschäft und das Kapitalmarktgeschäft sind sie zu klein. Das wiederum beherrschen die Landesbanken. An die Stelle billig auf den Kapitalmärkten aufgenommener Mittel, die nach dem Ende der Gewährträgerhaftung wegfallen, können niedrigverzinsliche Gelder treten, die Sparkassen bei Kleinkunden einsammeln. Den Sparkassen ihrerseits winken bessere Renditen, als ihnen der Mittelstand und ein begrenztes Kapitalmarktgeschäft allein gewähren könnten. So profitieren beide Seiten von einer vertikalen Fusion. Die Sparkassen wollen ihre Unabhängigkeit zwar nicht verlieren und opponieren heftig gegen solche Modelle. Aber den Widerstand muss man überwinden. Der Steuerzahler kann nicht immer mehr Geld in ein zerstörtes Altmodell pumpen.

Hans-Werner Sinn ist Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung und Direktor des Center for Economic Studies (CES) der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

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