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«Der Euro ist ein Gefängnis»

Interview mit Hans-Werner Sinn, Weltwoche, Nr. 51/52 2014, S. 58-62.

Hans-Werner Sinn ist einer der einflussreichsten Wirtschaftstheoretiker der Welt. Was er sagt, hören Europas Politiker nicht gern. Seine Prognose zur Euro-Krise: Das dicke Ende kommt noch. Von Wolfgang Koydl und Martin Kreuzer.

Im Münchner Stadtteil Bogenhausen sitzt das alte Geld der Stadt: prächtige Gründerzeitvillen, beschauliche Uferpromenaden entlang der Isar, mächtige Eichen und Buchen. In einem Palais allerdings redet man über neues Geld: Das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung gehört zu den angesehensten ökonomischen Think-Tanks Europas – nicht zuletzt wegen seines Leiters Hans-Werner Sinn. Der Ökonom bezieht Stellung und nimmt kein Blatt vor den Mund. Dass mit dem Euro einiges von Anfang an schieflief, hat er schon immer angeprangert.

Herr Sinn, Ebola, Islamischer Staat, Ukraine – das waren die Krisen des vergangenen Jahres. Der Euro war nicht dabei. Haben Angela Merkel, Mario Draghi und all die anderen ihre Arbeit also gut gemacht?

Die Euro-Krise hat zwei Aspekte. Sie ist zum einen eine Krise der Finanzmärkte, und sie ist zum anderen eine Krise der Realwirtschaft. Diese Krise wütet nach wie vor, sie ist überhaupt noch nicht überwunden. Die Finanzkrise hat man beruhigt durch viel Geld aus den Druckerpressen und durch Garantien der Europäischen Zentralbank (EZB) gegenüber privaten Investoren.

Mit anderen Worten also: Das dicke Ende kommt noch?

Das dicke Ende kommt mit Sicherheit noch. Die Frage ist nur, wie es aussieht: ein Crash der Euro-Zone oder ein fortgesetztes Siechtum. Ich vermute, dass es eher das Zweite sein wird.

Wie in Japan?

Ja, aber auch wieder anders. Das Problem der Euro-Zone liegt ja darin, dass die Länder Südeuropas ihre Wettbewerbsfähigkeit verloren haben durch den billigen Kredit, den der Euro brachte. Die Zinsen fielen damals für viele Länder um fünf Prozentpunkte. Dieser Kredit löste einen Bauboom aus und veranlasste zudem die Regierungen, die Beamtengehälter zu erhöhen. Im Endeffekt kam es zu kreditfinanzierten Lohnerhöhungen im Bau- und im Staatssektor. Das hat sich auf die ganze Wirtschaft übertragen und die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Länder vernichtet. Sie wurden alle zu teuer, eine extreme Inflation wurde ausgelöst, weil die Lohnsteigerungen nicht durch Produktivitätssteigerungen gedeckt waren. Heute sind sie mit ihren Löhnen und Preisen im Himmel, und sie wissen nicht, wie sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkommen können.

Und wie können sie das?

Es gibt drei Möglichkeiten: Deutschland tut ihnen den Gefallen, im Euro zu inflationieren, so dass der Euro anschliessend abwerten kann. Zweitens, die Südländer deflationieren, und drittens, man tritt aus dem Euro aus, kehrt zur alten nationalen Währung zurück und wertet diese ab. Ich glaube, dass alle drei Dinge passieren müssen. Länder wie Griechenland sollten sicher lieber austreten, um abzuwerten. Denn der Weg über Lohn- und Preissenkungen innerhalb des Euro ist zu hart. Andere Länder können diesen Weg wählen, wie Frankreich und Italien...

Sie halten es für möglich, dass diese Länder im Euro gesunden?

Doch, das ist denkbar. Theoretisch und praktisch, weil der Weg nicht so weit ist. Und Deutschland müsste ein bisschen mehr Inflation akzeptieren.

Aber das ist politisch kaum umsetzbar: Inflation in Deutschland ist doch Anathema?

Wir hatten in den siebziger Jahren Inflation in Deutschland. Wenn die Deutschen das wieder tolerieren würden, wäre das ein Beitrag zur Lösung. Aber eine ganz andere Frage ist: Selbst wenn man es tolerieren würde, wie macht man überhaupt eine solche Inflation? Die EZB hat ja ihr Pulver verschossen.

Die hat keine Pfeile mehr im Köcher?

Sie hat noch dieses quantitative easing-Programm. Aber das würde nicht Deutschland inflationieren, sondern die Deflation in Südeuropa verhindern. Das würde die notwendige Anpassung nur aufschieben, und deshalb hat die EZB also keine wirklichen Pfeile.

Liegt das Problem nicht darin, dass man die Inflation trotz aller Bemühungen gar nicht hinbekommt?

So ist es. Aber man darf sie auch gar nicht «machen» in dem Umfang, in dem sie nötig wäre. Nach unserer Berechnung müsste man Deutschland um siebzig Prozent inflationieren, um Griechenland und Co. ohne Preissenkungen wettbewerbsfähig zu machen. Das ist politisch nicht möglich und ökonomisch nicht ratsam, weil die deutschen Sparer dann vierzig Prozent ihres Vermögens verlieren.

Mit dem anderen Punkt, einem Austritt aus der Euro-Zone, laufen Sie doch Gefahr, in eine rechte Ecke mit halbseidenen Figuren wie etwa denjenigen der Alternative für Deutschland (AfD) abgeschoben zu werden.

Was die AfD möchte, ist ihre Sache, aber ich halte die AfD nicht für halbseiden. Dieses Etikett wird der Partei nicht gerecht. Ich habe, schon bevor es die AfD gab, den Standpunkt vertreten, dass es besser ist, wenn Länder auch aus der Euro-Zone austreten können. Ein Euro, in den man nur reinkann und nicht raus, ist ein Gefängnis. Es ist nicht gut, ein solches Gefängnis zu betreiben, sondern man muss ordentliche Austrittsmöglichkeiten eröffnen.

Sind solche Möglichkeiten eigentlich vorgesehen?

Nein, und genau das ist ein Teil des Problems. Aber man könnte solche Möglichkeiten schaffen und den Ländern das Recht gewähren, nach einer gewissen Zeit wieder in den Euro zurückzukehren. Wenn Griechenland austreten und wieder die Drachme einführen würde, dann würde die Drachme vermutlich um die Hälfte abwerten. Griechenland wäre im Nu wieder wettbewerbsfähig. Die griechischen Verbraucher würden wieder eigene statt importierte Agrarprodukte kaufen. Die reichen Griechen würden zurückkehren und zu Hause auf Schnäppchenjagd gehen, Immobilien kaufen und diese in Ordnung bringen. Sie würden Firmen gründen, um die billigen Arbeitskräfte dort einzusetzen.

Was sagen Sie zu den Leuten, die meinen, dass Austritte aus der Euro-Zone dieses ganze politische Projekt sprengen würden?

Ich glaube, das ganze politische Projekt wird scheitern, wenn man diese Möglichkeit nicht zulässt. Das krampfhafte Festhalten an einem Euro-Verbund mit allen Ländern bedeutet umgekehrt, dass man in eine Transferunion hineingeht. Dort wird man den Ländern, die nicht wettbewerbsfähig sind und denen man eine Abwertung der Preise nicht zumuten kann, dauernd unter die Arme greifen müssen. Das wird aber allein von der Quantität her nicht möglich sein, denn wir reden ja hier von vierzig Prozent der Bevölkerung der Euro-Zone, die in der Krise sind. Es können nicht sechzig Prozent vierzig Prozent finanzieren. Die politischen Widerstände, die das hervorruft, werden noch grösser sein. Das mündet in einen Konflikt zwischen der wachsenden Rettungsmüdigkeit der Nordländer und der Austeritätsmüdigkeit der Südländer.

Nun gab es vor kurzem einen Vorschlag der – südländischen – Franzosen: Wir sparen mehr, und ihr Deutschen prasst zur Ausnahme mal mehr. Ist das nicht eine Lösung?

So ist das in der Öffentlichkeit verkauft worden. Aber kein Mensch in der französischen Regierung will wirklich sparen. Was sie sparen nennen, ist lediglich ein weniger hohes Defizit, als es vielleicht in irgendeinem Schubladenplan einmal angedacht wurde. Das ist alles. Sie wollen sich noch immer mehr verschulden, als es der Stabilitäts- und Wachstumspakt erlaubt.

Ist Frankreich der kranke Mann Europas?

Frankreich und Italien stehen derzeit im Fokus der Aufmerksamkeit. Krank sind aber auch Spanien, Griechenland, Portugal. Der ganze Mittelmeerraum ist in der Krise.

Auch Deutschland ist nicht mehr wirklich kerngesund. Die deutsche Wirtschaft lahmt. Das ist eine konjunkturelle Schwäche, die auch wieder vorbeigeht. Es hat insofern mit der Euro-Krise zu tun, weil wir ja alle zusammenhängen. Die deutsche Wirtschaft liefert natürlich auch nach Südeuropa. Am Horizont stehen zudem die finanziellen Probleme des deutschen Staates, die daraus entstehen, dass wir Kredite geben, die nicht wieder zurückkommen werden. Das alles trägt zur Schwächung des Standortes Deutschland bei. Aber was die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands betrifft, da sehe ich vorläufig kein Problem.

Ein Problem in Deutschland ist allerdings die Infrastruktur: kaputte Strassen, Brücken und so weiter. Könnte man nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, wenn man grosse staatliche Investitionsprogramme zur Verbesserung der Infrastruktur auflegen würde?

Ich glaube nicht, dass die deutsche Infrastruktur so schlecht ist, wie sie gemacht wird. Richtig ist, dass wir generell zu wenig investieren, aber das betrifft auch den privaten Sektor. Ich habe schon vor zehn Jahren darauf hingewiesen, dass Deutschland die niedrigste Netto-Investitionsquote unter den OECD-Ländern hatte. Wir müssen die Investitionen stärken. Dafür hat die Politik zwei Methoden: Man kann sie bezuschussen oder selber vornehmen, oder man kann damit aufhören, das deutsche Sparkapital künstlich aus dem Land herauszulocken.

Wie meinen Sie das – herauslocken?

Das geschieht durch den Geleitschutz, den die EZB diesem Sparkapital gibt: Man lockt es in die Staaten Südeuropas und wundert sich dann, dass in Deutschland nicht investiert wird. Mit dem Euro ist sehr viel deutsches Sparkapital aus Deutschland in andere Länder abgeflossen. Wir waren jahrelang der grösste Netto-Kapitalexporteur der ganzen Welt. Da ist sehr viel Kapital verbrannt worden. Es ist verbraucht worden für Transfers in südeuropäische Staatssysteme und für Investitionen in zweitklassige Immobilienprojekte. Als private Kapitalgeber in der Finanzkrise ihre Fehler erkannten und korrigieren wollten, hat die EZB gesagt: Nein, nein, das wollen wir nicht. Geht bitte weiter dorthin, wir geben euch Geleitschutz. Die EZB hat den Investoren Sicherheit für ihre Geldanlagen in Südeuropa versprochen. Schon in den ersten zehn Jahren des Euro ist Sparkapital ineffizient verwendet worden, und in den nächsten zehn Jahren, in denen wir uns im Moment befinden, geht das weiter, indem Sparkapital mit öffentlichem Geleitschutz in zweitklassige Verwendungen gelenkt wird. Das kostet uns sehr viel Wachstum.

Man versucht ja, mit niedrigen, mit negativen Zinsen Sparkapital lockerzumachen. Ist das ein Weg?

Negativzinsen führen dazu, dass das Sparkapital dann eben in diese zweitklassigen Verwendungen geht. Man saugt weiterhin in Südeuropa dieses Sparkapital auf, insbesondere in jenen Staaten, die sich gar nicht an den Fiskalpakt halten wollen. Höhere Zinsen würden für eine bessere Verwendung des Sparkapitals sorgen und letztlich mehr Wachstum produzieren.

Ist absehbar, dass die Zinsen wieder steigen?

Nein. Denn die Mehrheit der Länder, die im EZB-Rat vertreten sind, haben Schuldenprobleme. Eine Rückkehr der Zinsen zu normalen Niveaus könnten sie gar nicht verkraften. Sie werden alles tun, um das Zinsniveau niedrig zu halten.

Hat im EZB-Rat jedes Mitglied gleich viel Gewicht, unabhängig von der wirtschaftlichen Grösse?

So ist es, und das ist nicht gut. Es ist vor allem ungewöhnlich. Der vergleichbare Internationale Währungsfonds beispielsweise staffelt die Stimmrechte nach der Haftung der Länder. Deutschland hat ein Stimmrecht, das seiner Haftung – sechs Prozent – entspricht. Aber im EZB-Rat haben wir nur eine Stimme von achtzehn nationalen Zentralbankpräsidenten. Ein Achtzehntel. Die Notenbankchefs von Malta und Zypern haben genauso viel zu sagen wie der deutsche. Aber Deutschland übernimmt 26 Prozent der Haftung. Das heisst: Wenn eine griechische Bank pleitegeht und der griechischen Notenbank ihre Kredite nicht zurückzahlen kann, dann liegt der Verlust zu 26 Prozent bei der Bundesbank. Das ist freilich auch der Grund, weshalb Griechenland ungern aus dem Euro austreten würde. Das wäre zwar sinnvoll, um Arbeitsplätze zu schaffen. Aber dann müssten sie mit den Problemen ihrer Banken letztlich allein fertig werden.

Seit kurzem werden die Geldinstitute in Europa von der Europäischen Zentralbank überwacht. Ein richtiger Schritt?

Die Zentralbank kommt in einen schwerwiegenden Interessenkonflikt, wenn sie einerseits die Banken überwachen soll, ihnen aber andererseits relativ wertlose Wertpapiere abkaufen will, damit das Überleben der Banken gesichert wird. Wie das mit dem geldpolitischen Mandat vereinbar ist, ist ein Rätsel. Unguter Vorbote war schon das Ergebnis des Banken-Stresstests, wo das zu zahme Herangehen, vor allem der Verzicht auf die Überprüfung von Deflationsgefahren, dazu geführt hat, dass die Geschäftsbanken nur knapp zehn Milliarden Dollar an Eigenkapital zusätzlich aufnehmen müssen. Es wäre besser gewesen, eine andere, unabhängige Institution wäre geschaffen worden, um die tatsächlich notwendige einheitliche Bankenaufsicht in Europa sicherzustellen.

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