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"Griechenland ist pleite"

Interview mit Hans-Werner Sinn, derstandard.at, 28.04.2010

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn über die griechische Staatspleite, warum Athen den Sparkurs nicht durchhalten kann und die Utopie einer Sanierung

Für Hans-Werner Sinn, Präsident des deutschen ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, ist Griechenland pleite. Warum das eine Katastrophe ist und wie schwierig - bis nahezu unmöglich - eine Sanierung wird, erklärt er im derStandard.at-Interview.

derStandard.at: Standard & Poor's hat Griechenland auf BB+, also auf den "Ramsch-Status" herabgestuft. Zahlungsausfälle sind somit unvermeidbar. Auf was müssen sich die Euro-Länder jetzt noch einstellen?

Hans-Werner Sinn: Machen wir uns nichts vor. Die Katastrophe ist da, Griechenland ist pleite - nichts anderes bedeutet diese Abstufung. Je eher man das akzeptiert, desto eher wird man eine Lösung finden.

derStandard.at: Bis zum Jahr 2015 muss Griechenland Staatsanleihen in Höhe von 140 Milliarden Euro zurückzahlen und 90 Mrd. für Zinsen auftreiben...

Sinn: ...Das entspricht dem griechischen BIP. Nie im Leben werden die Griechen in der Lage sein, eine solche Summe aufzutreiben, zumal ihnen jetzt eine Phase der Stagnation, wenn nicht Schrumpfung bevorsteht.

derStandard.at: Was bedeutet es konkret, wenn ein Land in Europa pleite geht?

Sinn: Griechenland muss ein Schulden-Moratorium erklären, die Gläubiger kriegen ihr Geld nur zum Teil wieder. Ich nehme an, dass der IWF das Griechenland bereits vorgeschlagen hat.

derStandard.at: Raus mit Griechenland aus der Eurozone?

Sinn: Nein, das hat damit nichts zu tun. Ich bin nicht dafür, dass man Griechenland aus der Eurozone wirft. Das Land ist autonom und kann selbst entscheiden. Die Frage des Austritts stellt sich nur im Hinblick auf das gewaltige Außenhandelsdefizit des Landes. Das Land ist nicht mehr wettbewerbsfähig und muss billiger werden. Das Ziel kann es innerhalb des Euro durch eine sogenannte reale Abwertung auf dem Wege von Lohn- und Preissenkungen erreichen. Es kann aber auch austreten und dann formell abwerten. Soweit ich höre, will Griechenland den ersten Weg gehen. Das halte ich für sehr, sehr schwierig. Es wird zur politischen Destabilisierung des Landes führen.

derStandard.at: Griechenland wird zum Fass ohne Boden. Sollen die Europäer überhaupt helfen?

Sinn: Die Frage erübrigt sich. Die Entscheidungen sind bereits gefallen. Aber wie immer bei einem Konkurs sollten die Kreditgeber, die zu Hilfe eilen, eine vorrangige Sicherheit erhalten. Das heißt, die Kredite sollten nicht verwendet werden, um die Altforderungen gegenüber Griechenland zu bedienen.

derStandard.at: Experten sprechen in Zusammenhang mit dem Hilfspaket von einem "Blankoscheck".

Sinn: Man braucht in jedem Fall eine Sicherung, ansonsten bezahlen wir praktisch nur die französischen Banken, die bei weitem am stärksten in griechische Staatsanleihen investiert sind.

derStandard.at: Hält Athen den vorgesehenen Sparkurs durch?

Sinn: Im Euro-Raum ist das fast ein Ding der Unmöglichkeit, weil dieser Sparkurs Griechenland in eine Depressionsspirale drückt. Wir stehen vor einem kaum lösbaren Problem, vor einer echt griechischen Tragödie. Griechenland fehlt ein Geschäftsmodell, Griechenland ist zu teuer geworden. Schuld daran ist der schuldenfinanzierte Boom der letzten Jahre. Jahrelang befanden sich die Griechen in einem Rauschzustand, jetzt folgt der Kater. Eine Heilung zum jetzigen Zeitpunkt ist schwierig.

derStandard.at: Wird Griechenland gerettet, ist ein Domino-Effekt zu befürchten. Länder wie Portugal, Spanien und Irland scharren schon in den Startlöchern.

Sinn: Dominoeffekte wird es in jedem Fall geben. Hilft man Griechenland nicht, kommen die anderen Länder in Schwierigkeiten, Kredite aufzunehmen. Hilft man, wird bei ihnen die Sorglosigkeit bei der Kreditaufnahme gefördert. Keine Lösung ist schön, aber die Disziplinierung der Schuldnerländer durch die Kapitalmärkte ist die weniger schlechte Lösung, weil ja die Disziplinierung durch den Stabilitäts- und Wachstumspakt nicht funktioniert hat. Die Lehre, die man auf jeden Fall aus der Krise ziehen muss, ist ein Verbot des Schuldenmachens im Vornherein. Gefordert sind dabei wirksame Schuldenbremsen mit automatischen Strafen, die auch nicht außer Kraft gesetzt werden können.

derStandard.at: Sind die Maastricht-Kriterien nicht mehr als eine Farce?

Sinn: Ja, von allen EU-Ländern erfüllt im Moment nur Bulgarien diese Kriterien.

Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Werner Sinn ist deutscher Ökonom und Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung. Er hat ein umfangreiches wissenschaftliches Oevre aufzuweisen und gilt als einer der international bekanntesten deutschsprachigen Ökonomen

von Sigrid Schamall

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