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Gewinner der Krise

Interview mit Hans-Werner Sinn, Manager Magazin, 25.06.2010, Nr. 7/2010, S. 92

Deutsche Firmen kommen wieder leichter an Geld, sagt Hans-Werner Sinn. Noch besser: Er prophezeit einen Boom.

Herr Professor Sinn, der Mittelstand klagt seit Langem über die restriktive Kreditvergabepraxis der Banken. Zu Recht?

SINN Diese Klagen waren gerechtfertigt. Unsere Umfragen zeigen, dass die Kredithürde 2009 stark gestiegen ist. Mehr noch als kleine und mittlere Firmen waren freilich Großunternehmen betroffen, weil sich die großen Banken, allen voran die sehr aktiven britischen Banken, aus der Industriefinanzierung in Deutschland zurückgezogen hatten.

Hätten die Kreditinstitute mehr Geld an Unternehmen ausleihen müssen?

SINN Nein, das konnten sie gar nicht. Die Banken konnten sich nicht viel anders verhalten, denn sie haben sehr viel Eigenkapital verloren durch Abschreibungen auf toxische amerikanische Papiere, gigantische Summen. Die Deutsche Bank musste ihr Bilanzvolumen in der Krise von 2,2 auf 1,5 Billionen Euro reduzieren. Wenn man Eigenkapital verliert, muss man seine Ausleihungen verringern. So haben das alle gemacht.

Viele Großunternehmen konnten auf die Anleihemärkte ausweichen. Und wenn man sich die Werte der Ifo-Umfragen ansieht (siehe Grafik), so lag die Kredithürde für den Mittelstand sogar im Krisenjahr 2009 nicht höher als 2005. Ist der Begriff Kreditklemme nicht etwas übertrieben?

SINN Die Kredithürde für die Großunternehmen war in dieser Flaute wesentlich höher als in der letzten Flaute, und die Kredithürde für mittlere Unternehmen war ungefähr genauso hoch wie damals. Es gab eine Kreditklemme. Richtig ist aber, dass sich das Thema inzwischen erheblich entschärft hat. Seit mehreren Monaten fällt die Kredithürde für alle Größenklassen.

Die Lage entspannt sich - trotz Euro-Krise und weiter drohender Abschreibungen?

SINN Die Banken entdecken Deutschland wieder - das ist eine Folge der Schuldenkrise in Europa und auch in den USA. In den vergangenen Jahren wurde viel Geld anderswo in vermeintlich sichere Anlagen investiert: in amerikanische Subprime-Papiere, griechische Staatsanleihen oder spanische Immobilienfinanzierungen. Jetzt zeigt sich, dass diese Investments hochgradig risikobehaftet sind. Deshalb konzentrieren sich die Banken verstärkt auf Deutschland und vergeben hierzulande wieder mehr Kredite, obwohl ihr Gesamtgeschäft zurückging. Die Kreditklemme wird durch die Umlenkung der Kapitalströme überkompensiert.

Die deutsche Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren viel Kapital exportiert. Wenn wir Ihrer Argumentation folgen, kehrt sich diese Entwicklung nun um.

SINN Von den deutschen Ersparnissen fließt nicht mehr so viel ins Ausland ab. Und irgendwo müssen diese Gelder ja hin - sie bleiben in Deutschland, weil Deutschland als sicherer Hafen gilt. Das kommt unseren Staatsanleihen zugute, deren Zinsen bereits sehr stark gesunken sind. Das kommt aber auch Projekten in der Realwirtschaft zugute: Investitionsgüter in der Industrie, Immobilien. Ich erwarte übrigens, dass in Deutschland und in der Schweiz jetzt ein Bauboom beginnt. Ein solider Aufschwung bei den Immobilien. Das ist hierzulande ohnehin überfällig. Nun kommt er - als Folge der Krise.

Sie sagen ja rosige Zeiten voraus. Wie sollten sich die Unternehmen denn unter diesen Umständen verhalten?

SINN Sie sollten die günstigen Konditionen nutzen und in Zukunftsmärkte investieren. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Seit Mitte der 90er Jahre leidet Deutschland unter einer ausgeprägten Investitionsschwäche. Geht diese Phase vorüber?

SINN Davon gehe ich aus. Wir haben gute Chancen, einen dauerhaft höheren Wachstumspfad zu erreichen. Ich rede jetzt über einen Trend der kommenden 10 bis 15 Jahre, nicht über dieses und nächstes Jahr. Wenn Sie so wollen, ist Deutschland der Gewinner dieser Krise.

Das Interview führte mm-Redakteur Henrik Müller.

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