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"Besser oder billiger"

Interview mit Hans-Werner Sinn, MANforum, 06/2005, 01.06.2005, 20-23

MAN Forum: Herr Professor Sinn, Produktionsverlagerung, Gastarbeiter, Globalisierung - die Wirtschaftswelt wächst immer stärker zusammen. Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft der Arbeit aus?

Sinn: Die Arbeitsmärkte werden mehr und mehr vom Gesetz des Ausgleichs der Faktorpreise bestimmt. Das heißt, wir haben praktisch einen einheitlichen Weltarbeitsmarkt, auf dem sich Sonderkonditionen nur schwer verteidigen lassen. Lohnkosten und Kapitalerträge bewegen sich allmählich auf einen gemeinsamen Durchschnitt hin. Der Anpassungsprozess schreitet mit einer Halbwertszeit von 35 Jahren sehr langsam, aber unaufhaltsam voran.

Was sind die Ursachen für diese Tendenz?

Zum einen die Wanderung des Finanzkapitals und der Direktinvestitionen, zum anderen aber auch der zunehmende Handel von kapital- und arbeitsintensiven Gütern. In Deutschland beobachten wir die Tendenz zur so genannten Basarökonomie. Das bedeutet, dass man arbeitsintensive Teile der Vorproduktkette in Niedriglohnländer verlagert, hier zusammenschraubt und dann an die Weltmärkte weiterverkauft.

Wird eine nationale Arbeits- und Personalpolitik künftig noch möglich sein?

Daran zweifle ich, denn die zunehmende Konkurrenz erzwingt eine Annäherung der Bedingungen. Es entsteht vielmehr ein globaler Arbeitsmarkt, auf dem die Knappheitsverhältnisse zwischen Arbeit und Kapital andere sind als bislang. Es wird mehr einfach ausgebildete Arbeitskräfte geben, die zur Industriearbeit befähigt sind, als Menschen mit dispositiven Fähigkeiten und hohem technischen Ausbildungsstand. Deshalb wird der Lohn für einfache Arbeit unter Druck geraten.

Wie könnte man hier gegensteuern?

Wenn man versucht, dem Druck durch künstliche Lohnschranken zu begegnen - seitens des Sozialstaats oder seitens der Gewerkschaften -, entsteht noch mehr Arbeitslosigkeit bei den Geringqualifizierten. Das hat die Vergangenheit bewiesen. Wenn die Wertschöpfung in der Industrie nicht mehr genug Arbeit und Einkommen schafft, dann sieht es für eine Volkswirtschaft schlecht aus. Deshalb gilt es zu verhindern, dass durch Outsourcing und Offshoring eine allzu große Arbeitsverlagerung entsteht. Diesen Trend können nur Reformen des Sozialstaats und des Arbeitsrechts wieder verbessern.

Welche Herausforderungen sehen Sie in den kommenden zehn Jahren auf weltweit agierende Unternehmen in puncto Arbeit zukommen?

Ich bin kein Prophet, aber ich glaube, um international bestehen zu können, müssen die Unternehmen stärker in die Forschungsoffensive gehen. Bestehen wird, wer immer wieder innovative Produkte entwickelt, mit denen sich eine hohe Wertschöpfung erzielen lässt. Die Diffusion von technischem Wissen ist zwar hoch, aber mit intensiven Forschungsaktivitäten kann man sich noch immer einen Vorsprung erarbeiten, der einen im Geschäft hält.

Worin liegen aus Ihrer Sicht die Gründe für die derzeitige Entwicklung zur Massenarbeitslosigkeit in Deutschland?

Allein in der Industrie gingen von 1995 bis Ende letzten Jahres ungefähr 1,3 Millionen Vollzeitarbeitsplätze verloren, während im Rest der Wirtschaft das Arbeitsvolumen nicht zunahm. Das liegt zum einen an der weltwirtschaftlichen Umwälzung durch den Fall des Eisernen Vorhangs mit zunehmender Niedriglohnkonkurrenz seitens der exkommunistischen Länder; zum anderen aber auch an den Gewerkschaften und am Sozialstaat im Inneren. Die Gewerkschaften haben überzogene Ansprüche durchgesetzt, und der Sozialstaat musste die dadurch entstandene Arbeitslosigkeit abfedern. Diese Ansprüche werden jetzt mit der Konkurrenz von Hunderten Millionen Menschen konfrontiert, die so gut wie keine Ansprüche haben.

Sie plädieren für eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich. Wie profitiert der Arbeitsmarkt davon?

Die Verkürzung der Arbeitszeit hat nachweislich zur Zunahme der Arbeitslosigkeit geführt. Im ersten Schritt zieht eine längere Arbeitszeit einen sofortigen Wachstumsschub nach sich. Im zweiten induziert sie auch eine Zunahme der Beschäftigung, weil die Produktivität der Menschen bei gleichem Lohn steigt. Das heißt, sie arbeiten jeden Tag länger, kosten aber nicht mehr. Die Unternehmen werden mehr investieren und Leute einstellen, die bislang nicht so viel erzeugten, wie sie kosteten, es aber nach der Verlängerung der Arbeitszeit tun.

Wie ließe sich das mit den Flächentarifverträgen vereinbaren, und was fordern Sie von der Politik?

Die Politik sollte mit gutem Beispiel bei den Lohnverhandlungen im öffentlichen Sektor vorangehen. Vor allem sollte die Tarifautonomie durch mehr betriebliche Mitspracherechte gestärkt werden. Der Flächentarifvertrag wurde viel zu lange als Kartellvereinbarung der Arbeitnehmervertreter missbraucht. Mit betrieblichen Öffnungsklauseln ließe sich das Kartell brechen. Wenn die Mehrheit der Belegschaft eines Betriebs andere Löhne will, als Gewerkschaft und Arbeitgeberverbände auf Branchenebene vereinbaren, dann muss das etwa über den Betriebsrat möglich sein.

Sie fordern die Verleihung der Ein-Euro-Jobber an die private Wirtschaft. Was versprechen Sie sich davon?

Wenn man das konsequent macht, gibt es im andere Löhne will, als Gewerkschaft und Arbeitgeberverbände auf Branchenebene vereinbaren, dann muss das etwa über den Betriebsrat möglich sein. In Schweden wurde die Lohnsteigerung gesenkt, nachdem die Unternehmen den Arbeitgeberverband auflösten. In Holland hat Niedriglohnsektor keine Arbeitslosigkeit mehr. Die Kommunen können die Leute nicht sinnvoll beschäftigen, deshalb muss der erste Weg immer direkt in die Wirtschaft führen. Dazu brauchen wir die Verbesserung des Hinzuverdienstes beim Arbeitslosengeld II. Das Arbeitslosengeld II sollte von einer Lohnersatzleistung in ein Lohnzuschusssystem umgewandelt werden.

Wie kann Deutschland wieder wettbewerbsfähiger werden?

Die Produktionsverlagerung trägt ja dazu bei, dass wir durch die Mischkalkulation bei den Löhnen international mithalten können. Als Standort für Unternehmenszentralen ist Deutschland nach wie vor interessant, aber die Attraktivität als Produktionsstandort verringert sich. Es gibt nur zwei Wege, um wettbewerbsfähig zu bleiben - entweder wir werden besser, oder wir werden billiger. Besser werden ist leichter gesagt als getan. Wir können unser Bildungssystem optimieren, dann haben wir aber auch erst in 20 Jahren perfekt ausgebildete Arbeitskräfte. Daher bleibt es uns nicht erspart, billiger zu werden - und das ist unangenehm.

Wie gehen andere Nationen mit diesem Dilemma um?

In Schweden wurde die Lohnsteigerung gesenkt, nachdem die Unternehmen den Arbeitgeberverband auflösten. In Holland hat der Staat die Tarifpartner zu moderaten Löhnen gezwungen. Die Dänen schafften den Kündigungsschutz ab, und die Briten zerschlugen die Gewerkschaftsbewegung.

Sie stellen Ihre Forderungen nahezu ausschließlich an den Staat. Was erwarten Sie von Arbeitnehmern und Unternehmen?

Man sollte die Anreize in der Wirtschaft so setzen, dass gewinnmaximierende Firmen und nutzenmaximierende Haushalte das Richtige tun. Haushalte maximieren unter dem heutigen System ihren Nutzen, indem sie die Sozialhilfe dem Arbeitsverhältnis vorziehen. Viele Firmen maximieren ihren Gewinn und damit das Vermögen ihrer Aktionäre, wenn sie in die Türkei oder nach Polen gehen. Unter anderen institutionellen Rahmenbedingungen würden sich die Unternehmen wieder mit deutschen Arbeitern zusammentun und hier produzieren.

Welche Auswege sehen Sie?

Die wichtigsten Forderungen sind tarifrechtliche Öffnungsklauseln, aktivierende Sozialhilfe, Wahlfreiheit beim Kündigungsschutz, Frühverrentung bei freiem Hinzuverdienst, Mitbeteiligung der Arbeitnehmer im Ausgleich für Lohnverzicht, Entlastung der Arbeitseinkommen durch Rücknahme des Staatsanteils. In meinem Buch "Ist Deutschland noch zu retten?" habe ich sie beschrieben. Die Reformagenda ist wohldefiniert. Jetzt fehlt nur noch der politische Mut für die Umsetzung.

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