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Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn trauert um Frank Schirrmacher

15.06.2014

Frank Schirrmacher hat das Feuilleton neu erfunden, indem er es für die großen gesellschaftlichen und naturwissenschaftlichen Themen unserer Zeit öffnete. Die letzte große Debatte zum Internet ist in frischer Erinnerung. Er hat es verstanden, die geisteswissenschaftlichen Traditionen Europas mit den Erkenntnissen der modernen Natur- und Gesellschaftswissenschaften zu verbinden. Dabei hat er auch die Ökonomie einbezogen, der gegenüber die Vertreter der europäischen Geisteswissenschaften normalerweise eher Berührungsängste haben. Was er zur Demographie und zur Rentenproblematik schrieb und schreiben ließ, überlappte sich mit den volkswirtschaftlichen Analysen und gab ihnen eine neue, tiefere Bedeutung. Und seine Kritik des Kasino-Kapitalismus stand nur scheinbar im Widerspruch zur Sicht der Ökonomie. Sie deckte sich in Wahrheit mit dem, was auch viele Ökonomen vorgebracht hatten, war aber noch radikaler und grundsätzlicher.

Persönlich bin ich Frank Schirrmacher dankbar für eingehende Gespräche zum Thema Euro sowie zur Thematik der fiskalischen Rettungskredite des EZB-Systems, konkret der Target-Kredite der Deutschen Bundesbank, die er geistig vollständig durchdrang und dann sehr prominent in seinem Feuilleton ausbreiten ließ. Er hatte bei dem Thema Feuer gefangen und war in heller Aufregung. Er wollte, wie er mir sagte, das Feuilleton einsetzen, um diese Erregung einer Leserschicht zu vermitteln, die den Wirtschaftsteil der FAZ zu überblättern pflegt.

Frank Schirrmacher hat sich nie in der Tagespolitik verloren, sondern er war den großen Themen unserer Zeit auf der Spur. Dabei war es ihm ein intellektuelles Anliegen, die anstehenden Probleme umfassend und aus dem Blickwinkel alternativer Disziplinen zu begreifen. Er war einer der letzten Universalgelehrten, die uns verblieben waren, einer, der die Zusammenhänge wirklich verstand.

Auch das ifo Institut und viele deutsche Ökonomen trauern um ihn.

Hans-Werner Sinn

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Harald Schultz

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