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Telekommunikation: Nachfrage zeigt noch Luft nach oben

13.08.2013

Die deutsche Telekommunikationspolitik trug in den vergangenen Jahren zur Entstehung innovativer Dienste sowie neuer Netze bei und förderte zugleich die Verfügbarkeit von schnellen Internetzugängen. Doch gleichzeitig entwickelte sich die Nachfrage nach den High-Speed-Anschlüssen alles andere als imposant. In einer aktuellen ifo Studie zeigen Wissenschaftler, wie wichtig die Nachfrageseite für den Telekommunikationsmarkt ist, und fordern, diese stärker in den Fokus der Politik zu rücken. Dafür müssten jedoch vor allem die Hindernisse bei bisher nur wenig genutzten Anwendungsbereichen, wie z.B. Cloud Computing, E-Health oder E-Learning, beseitigt werden.

Vor 15 Jahren wurden die Telekommunikationsmärkte in Deutschland liberalisiert. Die Verbraucher profitierten damit nicht nur von sinkenden Preisen, sondern auch von der Verfügbarkeit immer schnellerer Netze. Gab es Anfang 2005 beispielsweise noch so gut wie keine Internetanschlüsse mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von mehr als 3 Mbit/s, kann heute jeder zweite in den Genuss eines Hochgeschwindigkeitsanschlusses mit mindestens 50 Mbit/s kommen, Zugänge mit 16 Mbit/s sind für knapp 75% der Bevölkerung verfügbar und rund 85% der Bevölkerung haben die Möglichkeit, zumindest eine Leitung mit 6 Mbit/s nutzen zu können.

Allerdings hinkt die Nachfrage hinterher. 70% aller Internetanschlüsse in Deutschland weisen eine Zugangsgeschwindigkeit von nur 6 Mbit/s oder weniger auf, und lediglich 10% der Haushalte mit Internetanschluss haben eine Leitung mit 16 Mbit/s. „Auch wenn in ländlichen Gebieten die Verfügbarkeit von schnellen Breitbandanschlüssen sicher noch zu wünschen übrig lässt, zeigt dies, dass ein Großteil der Bevölkerung hohe Anschlussgeschwindigkeiten verhältnismäßig wenig nachfragt“, erklärt Prof. Dr. Oliver Falck, Stellvertretender Leiter des ifo Zentrums für Bildungs- und Innovationsökonomik. Des Weiteren ist auch das Datenvolumen pro Nutzer nicht in dem Maße gestiegen wie erwartet. Bei leitungsgebundenen Internetanschlüssen lag es in den vergangenen Jahren bei 12 %, die prophezeite Explosion im Datenverkehr pro Nutzer lässt also weiterhin auf sich warten.

Ein ähnliches Bild zeigt sich im Mobilfunk. Auch dort ist die Nachfrage nach den schnellen LTE-Tarifen eher verhalten. So verfügt zwar die Hälfte der Haushalte an ihrem Wohnort über LTE-Netzabdeckung, aber die Zahl der LTE-Kunden beträgt gerade mal 1,12 Mio., bei aktuell 40 Mio. Nutzern mobiler Datendienste.

Anwendungen mit Wachstumspotenzial können Nachfrage stimulieren

Eine Erklärung für die geringe Nachfrage ist, dass noch zu wenige überzeugende Anwendungen für Nutzer existieren. Der Blick auf die Inhalte des Datenverkehrs offenbart, dass in Europa sowohl im Fest- als auch im Mobilfunknetz ca. 40% des Datenverkehrs auf Streaming-Dienste entfallen, in den USA sind es sogar 70%. „Geht man davon aus, dass die Nachfrage nach schnellen Anschlüssen vor allem auf Unterhaltungsdienste zurückzuführen ist, könnte dies die Zurückhaltung der Verbraucher erklären. So sehen Internetznutzer mit Satelliten- oder Kabelfernsehen eventuell nur wenig Nutzen darin, über internetbasierte Dienste fernzusehen“, kommentiert Falck.

Doch Unterhaltungsangebote sind nicht alles. In zahlreichen Bereichen, wie z.B. dem Cloud Computing, E-Health oder E-Learning, birgt das Internet großes Potenzial. Cloud Computing beispielsweise ermöglicht Datenverarbeitung im Internet und bietet insbesondere Unternehmen erhebliche Effizienzgewinne, da weniger physische IT-Struktur vorhanden sein muss. Auch im Bereich E-Health schlummern ungenutzte Möglichkeiten: Durch einen verbesserten Informationsaustausch zwischen Akteuren im Gesundheitswesen wäre eine effizientere medizinische Versorgung möglich, gerade in ländlichen Regionen könnte z.B. die Zahl der Arztbesuche reduziert und so die Lebensqualität der Patienten gesteigert werden. Und das E-Learning eröffnet durch interaktive Elemente wie Online-Tests insbesondere Hochschulen neue Möglichkeiten der Bildungsförderung. All dies könnte schließlich die Nachfrage ankurbeln.

Doch momentan läuft die Verbreitung der Dienste in Deutschland eher schleppend. So herrschen im Cloud Computing noch Unsicherheiten beim Datenschutz, im Gesundheitswesen bestehen Anreizprobleme, die die Verbreitung von E-Health behindern, und das E-Learning leidet an einer mangelhaften Infrastruktur sowie an einer unzureichenden Ausbildung des Lehrpersonals. „Eine wachstumsorientierte Telekommunikationspolitik sollte die Hemmnisse auf der Anwenderseite jedoch ernst nehmen. Denn Produktivitäts- und Wachstumschancen liegen nicht mehr so sehr in Diensten wie E-Mail oder Suchmaschinen. Daher sollte ein umfassender Politikansatz gewählt werden, der sowohl unterschiedliche Sektoren wie Bildung, Energie und Gesundheit, als auch verschiedene politische Ebenen, wie z.B. EU, Bund oder Länder, umfasst“, führt Falck aus.
 

Publikation

  1. Falck, Oliver, Justus Haucap, Jürgen Kühling und Constantin Mang, "Alles Regulierung oder was? Die Bedeutung der Nachfrageseite für eine wachstumsorientierte Telekommunikationspolitik", ifo Schnelldienst 66 (15), 2013, 42-46 | Details | PDF Download

Kontakt

Prof. Dr. Oliver Falck

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ifo Zentrum für Industrieökonomik und neue Technologien
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Fax: +49(0)89/9224-1460
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