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Bilaterale Handelssalden mit nur begrenzter Aussagekraft

14.03.2013

Die Außenhandelsstatistik ist von großer Bedeutung für die Wirtschaftspolitik. So zeigt der Außenhandelsbeitrag unter anderem, wie sich ein Land gegenüber seinen Handelspartnern positioniert. Doch ist die amtliche Statistik heutzutage immer noch so aussagekräftig? In einem Forschungsprojekt verglich das ifo Institut die Zahlen der Außenhandelsstatistik mit der tatsächlichen Wertschöpfung. Das Ergebnis: Die deutschen Überschüsse gegenüber den GIPS-Staaten (Griechenland, Italien, Portugal, Spanien) schrumpfen, zugleich wird das US-Defizit mit China kleiner. Die Wettbewerbsfähigkeit einzelner Länder erscheint in einem anderen Licht, mit Folgen für die Wirtschaftspolitik.

Immer wieder kommt es zu erhitzten Debatten über den deutschen Exportüberschuss, der 2012 mit 188 Milliarden Euro die Obergrenze von 6 % des Bruttoinlandsproduktes überschritten hat und diese Marke auch dieses Jahr knacken dürfte. Für die EU-Kommission ist das deshalb ein Problem, weil hinter dem Gesamtüberschuss hohe Ungleichgewichte innerhalb Europas stehen. Allerdings enthalten die offiziellen Exportdaten auch den Wert von Zwischenprodukten, die deutsche Firmen aus dem Ausland einkaufen und zur Herstellung ihrer eigenen Exportprodukte benötigen. „Dieses Phänomen führt dazu, dass hinter einem Euro deutscher Exporte längst nicht auch ein Euro deutscher Wertschöpfung steht. Ein realistisches Bild vom Außenhandel ergibt sich, wenn man heimische Wertschöpfung isoliert und importierte Vorleistungen herausrechnet“, erklärt Gabriel Felbermayr, Leiter des Bereiches Außenhandel am ifo Institut.

Für die Bestimmung des Außenhandels anhand der Wertschöpfung nahmen die Forscher um Felbermayr eine sogenannte Welt-Input-Output-Tabelle ins Visier. Diese zeigt, welche Güter und Dienstleistungen aus einem bestimmten Herkunftsland in welchem Ausmaß als Zwischenprodukte bei der Produktion anderer Güter und Dienstleistungen eingesetzt werden. Anhand dieser Informationen berechneten die Wissenschaftler bilaterale Wertschöpfungsexporte und -importe. Damit können Aussagen über Handelsbilanzen auf bilateraler Ebene getroffen werden, die keine Drittländereffekte beinhalten.

Deutschland mit sinkendem Handelsüberschuss, Verzerrungen beim US-Defizit

Die Betrachtung des Wertschöpfungsgehalts für das Jahr 2007 anstelle der offiziellen, unbereinigten Handelsbilanz-Zahlen ergab, dass der Handelsüberschuss Deutschlands mit den Defizitländern der Eurozone um 20 % geringer ist. Das amerikanische Defizit mit China wurde hingegen um etwa 21 % zu hoch ausgewiesen (271 Milliarden US-Dollar, nach Wertschöpfung: 172 Milliarden US-Dollar). Da die chinesischen Exporte jedoch unter anderem einen hohen Wertschöpfungsanteil aus Japan enthalten, wird das amerikanische Defizit mit Japan wiederum um rund 34 % unterschätzt.

Nimmt man Europa unter die Lupe, so springen insbesondere die Handelssalden mit den Niederlanden ins Auge. Hier stellten die ifo-Experten eine Überschätzung des bilateralen Saldos mit Deutschland um etwa 71 % fest, in absoluten Zahlen wäre dies ein Rückgang von 27 auf rund 8 Milliarden Dollar. Ferner werden die bilateralen Exportströme Deutschlands in die direkten Nachbarländer stark überschätzt, insbesondere betrifft das den Handel mit mittel- und osteuropäischen Ländern wie Polen (-52 %), Tschechien (-65 %), Ungarn (-62 %) und auch Österreich (-56 %). Gleichzeitig wird die Summe der importierten Güter Deutschlands zu groß ausgewiesen, unter anderem da der Wertschöpfungsanteil der mittel- und osteuropäischen Länder an diesen Waren sehr niedrig ist. „Je näher das Partnerland liegt, desto intensiver der Zwischengüterhandel, und desto weiter geht die Schere zwischen Import und Wertschöpfungsimport auseinander“, kommentiert Felbermayr.

Lohn- und Wechselkurspolitik nur beschränkt wirksam

Die Ungleichheit in Handelssalden wird oftmals als Rechtfertigung für wirtschaftspolitische Maßnahmen herangezogen, die die Wettbewerbsfähigkeit verbessern sollen, z.B. durch Veränderung von Lohnkosten oder Abwertung des nominalen Wechselkurses. Gegenüber Deutschland trat vermehrt die Forderung auf, die Importnachfrage durch höhere Löhne anzukurbeln und damit den Ungleichgewichten in Europa entgegenzuwirken. Vor dem Hintergrund der tatsächlichen Wertschöpfung wäre damit jedoch nur der Anteil der heimischen Wertschöpfung am Export betroffen. Zudem würden sich auch die Importe deutscher Zwischenprodukte verteuern. Auch die Effektivität einer Euroabwertung darf hinterfragt werden. Inwieweit ein Land innerhalb der Währungsunion davon profitieren würde, hängt letztendlich von der Struktur des Zwischengüterhandels ab. „Insbesondere Länder, deren Exporte hauptsächlich in der Eurozone verbleiben und die gleichzeitig viele Vorleistungen aus Nicht-Euroländern beziehen, könnten benachteiligt werden“, ergänzt Felbermayr.

Artikel

  1. Aichele, Rahel, Gabriel Felbermayr und Inga Heiland, "Der Wertschöpfungsgehalt des Außenhandels: Neue Daten, neue Perspektiven", ifo Schnelldienst 66 (05), 2013, 29-41 | Details | PDF Download

Pressekontakt

Harald Schultz

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