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So gut wie ein Arzt

Presseecho, Süddeutsche Zeitung, 20. Juli 2012, Nr. 166, S. 18.

Wirtschaftsprofessor Sinn erklärt den Ökonomen-Aufruf

Von Hans-Jürgen Jakobs

Es ist ein Dementi, das mehr aufhorchen lässt als handelsübliche Dementis. Es meldet sich das Münchner ifo Institut für seinen Präsidenten – das ist Deutschlands bekanntester Volkswirt, Hans-Werner Sinn. Es sei mehrfach in der Presse geschrieben worden, dass Sinn den Aufruf der deutschsprachigen Ökonomen gegen die Ausweitung des Euro-Rettungsschirms ESM initiiert habe, heißt es da: „Diese Behauptung ist falsch. Der Aufruf wurde von Prof. Walter Krämer, Technische Universität Dortmund, initiiert und formuliert.“ So beginnen Gegendarstellungen, und ifo stellt richtig, dass Sinn „als einer von mittlerweile 250 deutschsprachigen Ökonomieprofessoren unterschrieben“ und wie andere Vorschläge zur Textänderung gemacht habe. An der Anwerbung von Mitunterzeichnern sei er nicht beteiligt gewesen. Die Bitte: „diese Tatsache – auch in Ihren Archiven – zu korrigieren“.

Dieser Aufruf hat hohe Wellen geschlagen und auch Kritik erzeugt. Meist wurde er mit Professor Sinn, der Medienfigur, verbunden, und nicht mit dem weithin Unbekannten aus Dortmund. Von Independent bis Irish Times – oft war Sinn der Anführer. Und das stört womöglich nach all den kritischen Reaktionen, auch von anerkannten Kollegen. Wenn etwa der Bonner Professor Manfred Neumann von „schillernden Aussagen“ mit „xenophobem Anklang“ sprach oder der Professor Michael Burda das Vorgehen sogar „nationalistisch“ nannte, war das ungewöhnlich. Dabei ist Sinn ein streng faktenorientierter Verfechter der Nationalökonomie, der die Euro-Politik als kräftig falsch empfindet. Ein Warner vor dem Währungsschlamassel, der in der Zeit als „Euro-Fighter“ bezeichnet wird, der seinen Ruf als Ökonom riskiere. Die Kanzlerin nehme ihn nicht mehr ernst, der Finanzminister rede intern von „Professor Unsinn“. Der Spiegel wiederum schilt ihn „Prof. Propaganda“. Das alles ist vermutlich gewöhnungsbedürftig für einen Wissenschaftler, der Lust am intellektuellen Diskurs hat. Das alles könnte der Karriere des Bestsellerautors („Ist Deutschland noch zu retten“), dessen Buch Die Target-Falle im Herbst erscheint, schaden.

Auch die Debatte um die Krise der Ökonomie nervt ihn. Er habe nie „das Modell des effizienten Marktes propagiert“, und ohnehin unterstelle der Mainstream seines Faches, dass Märkte ineffizient sind: „Die Analyse von Marktfehlern ist der Kern dessen, was wir in unserem Fach machen.“ Sinn erwähnt externe Effekte, Monopole, Informationsasymmetrien – das beherrsche seit Dekaden die ökonomische Debatte. Volkswirte seien „Systemanalytiker“, die Systemfehler untersuchten, „so wie der Arzt die Krankheiten untersucht“. Die traditionellen Instrumente der Ökonomie könnten das Geschehen sehr gut erklären. Und Sinn sagt: „Alles muss sich immer weiter entwickeln, nur wegen der Finanzkrise brauchen wir ganz bestimmt keine neue Theorie.“ Die neue Theorie auf Basis neuer psychologischer Erkenntnisse sei sicher nützlich. Sie zeige, dass der Mensch vielfach nicht rational sei. Auch rund um den Ökonomen-Aufruf ist vermutlich einiges irrational.

Hans-Jürgen Jakobs

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