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Euro-Krise spaltet Ökonomen

Presseecho, Handelsblatt, 06.07.2012, S. 8

160 Volkswirte rufen zum Protest auf - und ernten damit großen Widerspruch in der eigenen Zunft.

Frankfurt, London.

-- Die EU-Gipfelbeschlüsse erfüllen Volkswirte mit Sorge.

-- Sie wollen Bürger und Politiker zu Widerspruch aufrufen.

-- Die Form des Briefes verärgert prominente Kollegen.

Die Beschlüsse des EU-Gipfels aus der vergangenen Woche haben einen heftigen Streit unter prominenten deutschen Ökonomen ausgelöst. 160 Wissenschaftler haben in einem offenen Brief, den die "FAZ" gestern im Internet veröffentlicht hat, vor allem den Schritt in die Bankenunion verurteilt. Sie bedeute "eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems".

Ganz ähnlich hatte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, der ebenso wie IZA-Chef Klaus Zimmermann und Harald Uhlig aus Chicago zu den Unterzeichnern des Briefes zählt, zu Wochenbeginn in einem Interview mit dem Handelsblatt argumentiert. Nicht der Euro, sondern ausländische Banken seien durch den Gipfel gerettet worden.

Ökonomen unterschiedlichster Denkrichtungen wie der ehemalige Vorsitzende des Sachverständigenrates Bert Rürup, der Chef des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, und der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, distanzierten sich in einer Stellungnahme, die dem Handelsblatt vorliegt, deutlich von den Aussagen ihrer Kollegen. In deren Text würden Ängste und Emotionen vor einer Bankenunion geschürt, ohne dass dies mit den erforderlichen Fakten unterlegt werde.

Schon vor seiner Veröffentlichung in der "FAZ" hatte der erste Aufruf unter deutschen Volkswirten heftige Diskussionen ausgelöst. So hatte der konservative Bonner Geldpolitiker Manfred J.M. Neumann die Unterzeichnung des Aufrufs abgelehnt. "Abgesehen von der Tonlage hat der Aufruf klare Schwächen der Argumentation", schrieb Neumann in einer Mail an die Initiatoren.

Bert Rürup betonte, der Text genüge "nicht den Ansprüchen, die Ökonomen, die meines Erachtens einer rationalen Argumentation und dem Denken in Alternativen verpflichtet sind, an einen öffentlichen Aufruf stellen sollten". Auch Dennis Snower, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, kritisierte den zuerst veröffentlichten Aufruf: "Er schürt Angst und ist in keiner Weise konstruktiv."

Der Mannheimer Volkswirt Hans Peter Grüner bemängelte, ihm sei nicht klar, auf welche Entscheidung der Kanzlerin der Aufruf Bezug nehme. Im Gipfelbeschluss sei von der Möglichkeit der Rekapitalisierung von Banken die Rede - "das ist etwas anderes als die kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems".

ZITATE FAKTEN MEINUNGEN

"Unsere Volksvertreter sollen wissen, welche Gefahren unserer Wirtschaft drohen."

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