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Der Mann, der Deutschland retten will

Presseecho, Manager Magazin online, 12.07.2007

Von Cornelia Knust

Wird er heute auf einem Symposium zur Energiewende in München tatsächlich über Energiepolitik reden? Eigentlich treibt Professor Hans-Werner Sinn, Chef des Münchener Ifo-Instituts, derzeit nur eines um: die europäische Zahlungsbilanzkrise.

München - Er ist der mit den Target-Salden. Beharrlich erklärt der Ökonom Hans-Werner Sinn landauf landab diese Salden-Mechanik zwischen den europäischen Notenbanken, die (vielleicht unnötig kompliziert) beschreibt, wie die Europäische Zentralbank (EZB) die Defizite der europäischen Peripheriestaaten finanziert.

Deutlich wie wenige kritisiert der Professor, dass die einst so unabhängige EZB zur Partei geworden ist, dass sie für Fiskalpolitik schließlich gar kein Mandat hat, dass Europa an den Summen zerbrechen wird, die hier im Spiel sind.

Sinn zitiert die griechische Tragödie, bei der es drei Möglichkeiten gibt, die alle schrecklich enden: Fortdauernde Hilfsprogramme etwa für Griechenland vertagen und verschlimmern nur das Problem; eine interne Abwertung (Senkung aller Löhne und Preise um 20 bis 30 Prozent) ist nicht realistisch; da bleibt wohl nur der Austritt aus dem Euro.

Dabei bejubelte Sinn eben noch den explodierenden deutschen Aufschwung, ausgelöst durch Kapital im Überfluss, das einen Baumboom und eine Investitionskonjunktur ermöglichte, die uns Deutsche für die nächsten zehn Jahre beglücken dürften. Allerdings nur, wenn wir unsere gute Bonität nicht weiter an andere Länder verschenken.

"Ist Deutschland noch zu retten?" Diese Frage hat der Professor schon oft gestellt und gleich beantwortet, auf ungezählten Podien, stets im Dreiteiler, die Arme über Bauch mit Weste verschränkt, den lichten Kopf mit weißem Backenbart kühn zurückgelegt. Ob in Talk-Runden oder in den Spätnachrichten - er erklärt dem Volk die Wirtschaft, die bei dem Westfalen wie Würtschaft klingt.

Die Bücher des gelernten Finanzwissenschaftlers, obwohl durchaus anspruchsvoll, sind so provozierend plakativ und prägnant formuliert, dass sie tatsächlich in großer Zahl gekauft und gelesen werden. Und wenn er wieder ein Thema für sich entdeckt hat, die aktivierende Sozialhilfe, die Basar-Ökonomie, eine illusionsfreie Klimapolitik oder eben jetzt die Target-Salden, dann überzieht er damit die Republik. Er ist ein Ökonom auf allen Kanälen.

Die einen halten ihn für Deutschlands bestem Wirtschaftsprofessor, die anderen nennen ihn ironisch "Hans-Werner von Sinnen" und belächeln seine Thesen als zu platt. Aber das ficht Sinn nicht an. "Ich will Deutschland retten", sagte er vor Jahren und will es offenbar immer noch, ganz Deutscher, ganz Patriot.

Mit Ressortforschung für dieses oder jenes Ministerium, meint er, erreiche man da nicht sehr viel. Man müsse dem Volk ökonomische Sachverhalte zur Kenntnis bringen, den Weg bereiten, den Druck erhöhen. Denn: "Politiker wagen es nicht, das Richtige zu tun." Deshalb sucht Sinn die Medien.

2. Teil: Zweifel werden nicht formuliert

Bei Sätzen wie "Das ist eine triviale Logik" nimmt der Professor gerne Daumen und Zeigefinger zusammen und schleudert sie nach vorne. In der Fragerunde legt er beim Zuhören manchmal die gewölbte Hand auf die Nasenwurzel. Mit Strenge pariert er manchen Einwand, aber immer mit Respekt vor dem Fragenden, ja mit Freude an der Debatte. Dünkel scheint nicht durch. Selbstzweifel allerdings auch nicht: "Über die Dinge, an denen ich zweifle, rede ich nicht", pflegt er zu sagen.

Der selbstbewusste Professor kommt aus einfachen Verhältnissen, vom Lande, aus einem kleinen Dorf bei Bielefeld. Vater Taxifahrer, Mutter Arbeiterin in einer Fahrradfabrik. Einzelkind, kärgliches Leben. Bei Steckrüben-Eintopf, Mettendchen, Hefepickert. Da leuchten Sinns Augen noch heute. Als Kind sei er eher schüchtern gewesen, erzählt er über sich selbst. Heute würden ihn sicherlich viele eitel nennen.

Auf jeden Fall ein anderes Kaliber als Karl-Heinrich Oppenländer. Der war 23 Jahre Chef des Ifo-Instituts gewesen - bevor 1999 Sinn erschien, auf besonderen Wunsch des damaligen bayerischen Wirtschaftsministers Otto Wiesheu. Damals, als der Wissenschaftsrat das renommierte Forschungsinstitut zu einer Service-Einrichtung degradiert und so um einen Teil der öffentlichen Zuschüsse gebracht hatte, war ein Ordinarius vom Kaliber Sinns gefragt.

Netzwerk von 700 Wissenschaftlern

Der stellte dem Ifo Institut, einem 1949 gegründeten Verein, flugs die neue CES-Ifo GmbH zur Seite, verschränkte so die Empiriker des Instituts mit den Theoretikern der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität und ihrem "Center for Economic Studies", wo Sinn nach wie vor Professor ist.

So schuf er den Rahmen für ein internationales Netzwerk von heute 700 Wissenschaftlern. Die zaubern die Flut von Working Papers und bestücken die vielen Konferenzen, mit denen man als Wirtschaftsinstitut Furore machen kann.

Gleichzeitig hat Sinn die verschlafene Ifo-Villa in München-Bogenhausen in ein offenes Haus verwandelt: mit freundlicher Halle, schicker Bar, modernem Konferenzraum und französischem Garten. Schon 2006 empfahl die Leibniz-Gemeinschaft, das Ifo-Institut wieder in den Kreis der deutschen Forschungseinrichtungen aufzunehmen und ihm mehr Geld zur Verfügung zu stellen.

Die frühere Kritik am angeblichen Theoriedefizit der Einrichtung erklang nicht wieder. Sinn hielt sein Institut schon vorher für fast das beste in Deutschland und bestimmt das internationalste - auf jeden Fall das am häufigsten zitierte.

3. Teil: Seehofers vergiftetes Lob

Abgelegt hat Sinn augenscheinlich die anfängliche Distanz zu den Unternehmern, deren Befragung regelmäßig in den Ifo-Konjunkturtest mündet - das in Deutschland jeden Monat heiß erwartete Wachstumsbarometer.

Eng ist die Zusammenarbeit mit der Quandt-Stiftung, mit der er einmal im Jahr einen Wirtschaftsgipfel in München veranstaltet. Die hauseigenen Gremien sind hochkarätig besetzt: An der Spitze des Ifo-Verwaltungsrats hat erst im Juli dieses Jahres der Chemie-Unternehmer Peter-Alexander Wacker den ehemaligen Eon-Chef Wilhelm Simson abgelöst.

Der Wahrheit verpflichtet

In die Politik hat Sinn nie gehen wollen, weil man "da nicht mehr sagen kann, was man denkt". Der Wissenschaftler sei der Wahrheit verpflichtet. Werden denn seine Ratschläge befolgt oder zumindest gehört? Das ist schwer zu sagen. Beobachter meinen, Sinn habe es sich mit den konservativen Parteien verscherzt.

CSU-Chef Horst Seehofer lobte unlängst im Kreis von Familienunternehmern die scharfe Analyse des Professors zum Thema Euro-Krise und fügte hinzu: "Das meine ich nicht ironisch". Sinn habe einen Schuldenschnitt empfohlen, allerdings nicht gesagt, was für ein Cut, wann, wo und wie viel, sagte Seehofer: "Damit war das für mich eine nicht verwertbare Antwort".

Mit derlei vergiftetem Lob dürfte Sinn klarkommen. Feinde hat er sich schon vor 14 Jahren mit seinem Buch "Kaltstart" gemacht, worin er das Missmanagement der Wiedervereinigung anprangerte. Seine Frau Gerlinde, Ex-Kommilitonin, damals Mitautorin, redigiert seine Texte auch heute noch; hat zudem drei Kinder großgezogen, engagierte sich ehrenamtlich für das Wirtschaftswissen von Lehramtskandidaten.

Für Sinn, 63, kommt nach dem Ifo nur noch die Pension, wofür er nicht mehr ganz so bestimmt wie noch vor ein paar Jahren das Datum 2013 nennt. Vielleicht wird es 2016. Dann könnte er in seinem Haus in Gauting etwas basteln oder ein paar alte Filmrollen zusammenkleben. Aber wahrscheinlich wird er wieder schreiben, wie Deutschland zu retten ist.

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