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Was bewegt... Hans-Werner Sinn?

Presseecho, DIE ZEIT, 31.03.2005

Löhne runter, Arbeitszeit rauf. Seine Rezepte begeistern die Arbeitgeber und entsetzen die Gewerkschaften. Dabei ist der Münchner Ökonom alles andere als ein Handlanger des Kapitals. Er will nicht weniger als das Land retten.

An dem Taxifahrer ist nichts Ungewöhnliches. Ein junger Mann mit Bart, der sich hinter dem Steuer sein Studium finanziert. Wie viele Studenten jener Zeit bewundert er Rudi Dutschke, liest Marcuse und diskutiert bei Sit-ins über die Neigung der Kapitalisten zum Krieg. Nachts und an den Wochenenden setzt er sich hinter das Steuer, um Geld zu verdienen. Hunderttausende Kilometer fährt er im Lauf der Jahre. Später wird er sagen: "Im Taxi habe ich das wirkliche Leben kennen gelernt. Die Gesellschaft mit all ihren Schattierungen, von der Hure bis zum Fabrikbesitzer." Und noch etwas wird ihm in Erinnerung bleiben: "Dass man manchmal sehr hart arbeiten muss, um ökonomisch zu überleben."

Mehr als drei Jahrzehnte später steigt in München ein Mann im dunklen Anzug in ein Auto. Auch er ist es gewohnt, darin zu arbeiten, auch er trägt Bart. Sonst ist alles anders. Vorne sitzt sein Fahrer, er selbst nimmt auf der Rückbank Platz. Dort liegt ein Stapel Akten, der Mann im Anzug steckt ein schwarzes Kabel in den Laptop, den er immer bei sich trägt, dann schreibt er E-Mails, redigiert Aufsätze und feilt an seinen Vorträgen. Vorträge, für die er quer durch die Republik fährt, zu einem Kongress für Sozialarbeit in Nürnberg, zur Volksbank in Zeven oder zu einer Konferenz des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Berlin. Vorträge, in denen er verkündet, wie das Land zu retten ist: durch niedrigere Sozialhilfe und niedrigere Löhne, durch weniger Geld fürs Nichtstun und durch mehr harte Arbeit.

Hans-Werner Sinn, einst Taxifahrer in Bielefeld, ist heute Professor an der Universität München. Er leitet das ifo-Institut. Er gehört dem wissenschaftlichen Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium an. Und - das vor allem - er ist in Talkshows und Nachrichtensendungen, in Zeitungsspalten und Pressekonferenzen so präsent wie kaum ein zweiter Ökonom. Sein Buch Ist Deutschland noch zu retten? wurde zum Bestseller. Seine Thesen provozieren wütende Kritik und begeisterten Zuspruch. Während die einen seine "messerscharfe Analyse" loben (Siemens-Chef Heinrich v. Pierer) oder den Fachmann, der "Klartext" rede (Lothar Späth), beschimpfen ihn die anderen als "Scharlatan" (Albrecht Müller, Autor von Die Reformlüge) oder als "agent provocateur für die Unternehmerverbände" (der bayerische DGB-Chef Fritz Schösser).

An Sinn scheiden sich die Geister. Spricht er nur unbequeme Wahrheiten aus? Ist er ein gnadenloser Ideologe? Oder bloß ein begnadeter Selbstdarsteller?

Halb zehn an einem Montagmorgen im schmucklosen Hörsaal R 225 der Ludwig-Maximilians-Universität. Professor Sinn, dunkler Anzug, Weste, Krawatte, Manschettenknöpfe, geht langsam die Bankreihen entlang. Immer wieder bleibt er stehen und blickt einen der knapp 300 Studenten an, als wolle er ihm persönlich seinen Vortrag widmen. Es ist die einzige Veranstaltung, die er noch anbietet, Geld von der Uni bekommt der ifo-Präsident dafür nicht.

Schon als Student fällt er dadurch auf, dass er sich tiefer in den Stoff vergräbt als andere. Manchmal bis zur Besessenheit

Sinn spricht über Fahrräder. Über ihren praktischen Nutzen und den Preis, den Käufer deshalb für sie zu zahlen bereit sind. Und über die Nachteile, die anderen aus ihrer Produktion entstehen - vom Grubenarbeiter, der Eisenerz aus einem Berg holen muss bis zum Monteur in der Fahrradfabrik. Sie verlangten für ihre Mühe eine Entschädigung, sagt Sinn, das sei der Lohn. Nur wenn der Erlös aus dem Fahrradverkauf größer sei als die Summe aller Entschädigungsleistungen, erhöhe ihre Produktion den Wohlstand. "Wenn Unternehmer also einen Gewinn realisieren, dann realisieren sie auch eine entsprechende Nutzensteigerung für die Gesellschaft". Dies sei, resümiert der Professor, "das Grundprinzip der unsichtbaren Hand."

So einfach erklärt er in den folgenden eineinhalb Stunden noch viele ökonomische Konzepte. Immer wieder baut er Aktuelles ein: den Lohnabschluss bei VW, die Erhöhung der Tabaksteuer oder den Handel mit Verschmutzungsrechten. Das gehört zu Sinns Stärken: Er kann Ökonomie anschaulich erklären, und er zeigt ihre politische Relevanz. Das macht ihn bei seinen Studenten beliebt, die ihm bei der jährlichen Professorenbeurteilung gute Noten geben. Das hat seinem Buch den Erfolg gebracht. Und das hilft ihm - der mit seinem eigenwilligen Bart und dem manchmal fast grimmigen Gesichtsausdruck eigentlich kein geschmeidiger Medientyp ist - bei seinen Auftritten in Talkshows oder Fernsehinterviews.

Auch die einfache Sprache habe er im Taxi gelernt, sagt Sinn: "Da kann man sich nicht so kompliziert ausdrücken, wie es in intellektuellen Kreisen oft üblich ist." Er selbst kommt auch gar nicht aus solchen Kreisen. Seine Eltern besaßen ein Taxi und fuhren selbst, nach Jahren kam ein zweites Auto hinzu. Mit 14 vermittelte ihr Sohn am Telefon die Touren, später half er hinter dem Steuer aus. Der ifo-Präsident, der für seine Forderung nach Niedriglöhnen bekannt ist, sagt: "Ich bin das klassische Arbeiterkind, das es geschafft hat."

Als Student fällt Sinn dadurch auf, dass er sich tiefer in den Stoff vergräbt als andere. Manchmal bis zur Besessenheit. "Es war typisch für ihn, dass er sich in irgendeine Frage verbiss", sagt Roland Seeling, ein alter Studienfreund, der jahrelang mit Sinn zusammenwohnte. In ihrer privaten Arbeitsgruppe, in der sie sich auf das Examen vorbereiteten, fühlte sich eine junge Studentin manchmal schon genervt von dieser Detailversessenheit. Sinn hat das nicht geschadet. Die Studentin, Gerlinde Zoubek, ist heute seine Frau. Und Sinns Diplomarbeit, in die er sich "unheimlich vertiefte" (Seeling), wurde zu seiner ersten wissenschaftlichen Veröffentlichung. Thema: Das Marxsche Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate.

Später Vormittag, Center for Economic Studies (CES) in München. Das CES ist das Forschungsinstitut, das sich Sinn Anfang der neunziger Jahre im Gegenzug dazu einrichten ließ, dass er auf einen Ruf an die Universität Bern verzichtete. In einem kleinen Besprechungszimmer tagt das Direktorium. An der Wand steht ein Regal mit einem Dutzend verschiedener Ausgaben des Buches, mit dem Sinn und seine Frau 1991 für Aufsehen sorgten. Kaltstart hieß der Titel, unter dem die Sinns damals schon die verfehlte Vereinigungspolitik anprangerten - und warnten, Ostdeutschland erlebe die "schärfste Depression in der Geschichte der Industrienationen". Das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt, auf den Buchrücken im Regal steht Jumpstart und Delmarrage à froid, andere sind mit asiatischen und kyrillischen Zeichen betitelt.

Sinn und die anderen Mitglieder des CES-Direktoriums haben keinen Blick für die Bücher, sie sitzen um einen kleinen Tisch herum und studieren Bewerbungsunterlagen. "Kennt den jemand?", fragt einer. "Nein", heißt es aus der Runde. "Interessante papers, gute Journals", sagt Sinn, ohne aufzusehen. Nach wenig mehr als einer Minute lautet das allgemeine Fazit: "Der ist gut, o.k." Dann ist die nächste Mappe dran. Es geht um Forschungsaufenthalte. Ein paar Wochen oder Monate als Gast am CES. Die Bewerber sind Professoren - aus den USA, aus Kanada, den Niederlanden, Indien und Korea.

Sinns erklärtes Ziel bei der Gründung des CES war es, die Münchner Uni besser mit der internationalen Forschung zu vernetzen. Das hat er geschafft. Mehr als 400 Ökonomen sind zu Konferenzen und Gastaufenthalten nach München gekommen, Nobelpreisträger wie Nachwuchswissenschaftler. Sinn selbst, der mehrfach als Forscher im Ausland war, gehört schon lange zum Herausgeberkreis internationaler Fachzeitschriften, er hat zahllose Aufsätze in den angesehenen Journals seines Fachs veröffentlicht.

Zugleich ist Sinn ein talentierter Wissenschaftsmanager. Er hat das CES aufgebaut und den altehrwürdigen Verein für Socialpolitik umgekrempelt. Dieser 1873 gegründete Zusammenschluss deutscher Ökonomen hatte Züge eines Honoratiorenclubs angenommen, in dem oft der Name oder der Status als C4-Professor darüber entschied, wer einen Vortrag halten oder Mitglied eines Ausschusses werden durfte. Unter Sinns Präsidentschaft änderte sich das. Heute gehören dem Verein viermal so viele "Jung-Mitglieder" ohne Habilitation an wie zuvor, und heute bewerben sich Professoren wie Doktoranden mit Manuskripten um Vorträge.

Auch das ifo, das er 1999 als Sanierungsfall übernommen hatte, steht wirtschaftlich wieder gut da, und es ist, nicht zuletzt dank der Medienpräsenz seines Präsidenten, an den öffentlichen Debatten vernehmbar beteiligt. Zwar hieß es kürzlich in einem Bericht des manager magazins, Sinn kümmere sich bloß um diese Außendarstellung und vernachlässige das Tagesgeschäft im ifo. Doch aus dem Institut hört man eher das Gegenteil. "Wir haben ihm schon vorgeworfen, er sei ein Kontrollfreak", sagt Paul Kremmel, der Betriebsratsvorsitzende des Instituts. "Er schreibt Unmengen von E-Mails, nimmt praktisch jede Broschüre ab und kümmert sich selbst um Details des Internet-Auftritts - bis zur Frage, wo ein Komma hingehört." Kremmel, ein Deutsch-Amerikaner, der im ifo als Übersetzer arbeitet, hat einige englischsprachige Reden für Sinn verfasst, "aber er hat sie total umgeschrieben". Das sei manchmal ernüchternd, sagt der Betriebsratschef, fügt aber an: "Die Leute bewundern sein Arbeitspensum, er ist schon ein Workaholic."

Mittag, in der Bibliothek des CES. Zwei Dutzend Gastwissenschaftler, Doktoranden und Professoren sitzen an einem langen Tisch. Lunchtime Seminar heißt die Zusammenkunft. Sinn isst einen Tunfisch-Bagel. Seine Mitarbeiterin Silke Übelmesser stellt ein gemeinsames Forschungspapier vor. Sie haben hochgerechnet, wie sich die Zahl der Empfänger von Sozialhilfe, Rente, Arbeitslosengeld und anderen Transfers in Deutschland langfristig entwickeln könnte. Auf einer an die Wand projizierten Grafik ist das Jahr 2030 markiert - zu diesem Zeitpunkt könnte erstmals die Mehrheit der Wähler vom Sozialstaat leben. "Warum berechnen Sie das?", fragt eine Zuhörerin. Sinn antwortet grinsend: "Wir wollen wissen, wann die nächste kommunistische Revolution stattfindet." Gelächter. Doch dann wird Sinn ernst, spricht von "schwindender Reformfähigkeit" und drohendem "politischen Kollaps". Einwände, dass das wohl zu einfach gedacht und eine Koalition aus Rentnern und Bafög-Empfängern nicht eben wahrscheinlich sei, ignoriert Sinn. Und selbst das Datum 2030, auf das seine Mitarbeiterin nur unter allerlei methodischen Vorbehalten hinweisen mochte, verteidigt der Professor. "Nur wenn Sie ein konkretes Jahr nennen", sagt er, "dringen Sie mit Ihrer Botschaft durch."

Hartz IV, sagt Sinn, müsste besser ifo IV heißen, denn die Reform basiere vor allem auf den Ideen seines Instituts

Auch das ist typisch. Sinn spitzt seine Thesen extrem zu, er polemisiert und provoziert. Will er anprangern, dass der Staat zu viel umverteilt, dann sagt er: "Wenn die Staatsquote in einer reinen Marktwirtschaft bei null wäre und im Kommunismus bei 100 Prozent, dann sind wir mit 57 Prozent schon dem Kommunismus näher als der freien Marktwirtschaft." Und wenn er deutlich machen will, dass hinter Deutschlands Exportrekorden in wachsendem Maße bloß importierte Vorprodukte stecken, dann erfindet er dafür den abfälligen Begriff der "Basar-Ökonomie". Für ein solches Bild - das er selbst manchmal, aber nicht immer, als "Karikatur" bezeichnet - handelt er sich dann heftige Proteste ein. Mit einem einzigen Begriff löst er eine ganze Debatte aus, in der sich vom Statistischen Bundesamt bis zum Sachverständigenrat zahllose Experten mit Gegenstimmen zu Wort melden und einige ihm vorwerfen, er verbreite "Schauergeschichten" (so der frühere Wirtschaftsweise Jürgen Kromphardt).

Doch bei allen inhaltlichen Divergenzen äußern sich selbst einige der schärfsten Kontrahenten voller Respekt über den Münchner Professor. Die Vizechefin des DGB, der Sinn süffisant ein Kapitel seines Deutschland-Buches widmete ("Für Ursula Engelen-Kefer, die glaubt, den deutschen Arbeitern Gutes zu tun"), sagt: "Natürlich ist er provozierend, natürlich sucht er sich die Fakten, die zu seinem Standpunkt passen, aber persönlich kann er umgänglich und ein ernsthafter Diskussionspartner sein." Und Peter Bofinger, der Wirtschaftsweise, der regelmäßig die Gegenposition zu Sinn vertritt, findet es "gut, dass er polarisiert, wie ich das ja auch mache". Viele Dinge würden erst dann richtig ausgeleuchtet, wenn man von zwei unterschiedlichen Standpunkten einen grellen Scheinwerfer auf sie richte. "Außerdem", sagt der Würzburger Ökonom, "wird man mit seinen Thesen in unserer Mediengesellschaft einfach nicht wahrgenommen, wenn man nicht polarisiert"

Und Sinn will wahrgenommen werden. Das mag zum Teil an einer gewissen Streitlust liegen - "er hatte schon immer Spaß an der Auseinandersetzung", sagt sein Studienfreund Roland Seeling, und Klaus Zimmermann, einst Kollege von Sinn als Assistent in Mannheim und heute Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, erinnert sich: "Wenn er mit seiner Meinung gegen ein ganzes Seminar stand, hat ihn das eher beflügelt, nach weiteren Argumenten zu suchen, statt verunsichert." Wahrscheinlich ist auch Eitelkeit dabei - während VW-Personalvorstand Peter Hartz bedauert, dass sein Name untrennbar mit Hartz IV und Massenprotesten verbunden ist, schreibt Sinn in einem Zeitungsartikel, die Reform müsste eigentlich den Namen seines Instituts tragen, denn sie basiere auf ifo-Ideen. Vor allem steckt hinter Sinns Hang zur Provokation aber eines: Er will gehört werden, weil er etwas bewegen, weil er Politik machen will.

Sinn hat eine Mission. Die ist nicht einfach zu beschreiben. Manchmal wird ihm unterstellt, er betreibe Politik im Auftrag der bayerischen Staatsregierung. Bayern gehört zu den Finanziers des ifo-Instituts und bestellt dort auch Gutachten. Doch Sinns Positionen passen nicht einfach auf eine weiß-blaue Parteilinie: Er wettert gegen das dreigliedrige Schulsystem ("ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert, es gehört in den Orkus") oder warnt so vehement vor neuen EU-Einwanderungsregeln, dass die bayerische Regierung Dementis veröffentlicht. Seine Thesen lassen sich nicht schlicht einer bestimmten Ideologie zuordnen. Es ist nicht neoliberal, Kinderlose stärker an der Rentenfinanzierung beteiligen zu wollen oder gegen die Privatisierungspolitik der Treuhand Sturm zu laufen.

Sinn ist kein Ideologe, der sich einer Richtung anschließt und dann einfach deren Glaubensbekenntnis herunterbetet. Sinn hat seine eigene Glaubensrichtung. Wenn er sich zu einem Thema eine Meinung gebildet hat, dann wird daraus eine Überzeugung, von der er kaum noch abzubringen ist, die er gegen Widerstände und Einwände ungeheuer hartnäckig vertritt und für die er manchmal mit wahrem Sendungsbewusstsein kämpft. Als Konfirmand, erzählt Sinn gelegentlich, wollte er Missionar werden. "Aber das bist du doch geworden", sagt seine Frau dann.

Er selbst formuliert sein Anliegen so offen, fast naiv, dass er es riskiert, sich billigem Spott auszusetzen. "Ich will ja wirklich Deutschland retten", sagt er in tonlosem Ernst. Der reißerische Titel seines Buchs ist kein Marketing-Gag, sondern für ihn eine existenzielle Frage. Etwas, für das er kämpfen will. "Wenn ich einmal eineinhalb Stunden im Fernsehen hätte, um den Menschen zu erklären, was wir tun müssen", sagt Sinn, "dann würde sich das Land bewegen, davon bin ich überzeugt."

Nun ist Sinn schon auf allen Kanälen präsent und schreibt Artikel für die Süddeutsche wie für Bild. Doch er klagt: Mehr als ein paar Stichworte könne er so nicht vermitteln. Und oft würden seine Thesen im Medienapparat verstümmelt. Wenn er etwa fordere, die Sozialhilfe müsse gekürzt, dafür aber jedem eine Arbeit (und dadurch unter dem Strich mehr Geld) angeboten werden, dann bliebe am Ende nur übrig: Sinn will die Sozialhilfe kürzen.

Der Mann aus dem Taxi hat viel erreicht, aber er will die ganze Republik verändern. Sein Studienfreund Rolf Seeling, der heute beim Verband der Chemieindustrie in Frankfurt arbeitet, warnt: "Der Einfluss, den man hat, ist gering, viel bewegen kann man nicht." Doch solche Warnungen, sagt er, "interessieren Sinn nicht".

DIE DEUTSCHE DISKUSSION

Worüber wird gestritten?

Die Zahl der offiziell registrierten Arbeitslosen ist so hoch wie nie, die deutsche Wirtschaft wächst kaum noch - doch von einem staatlichen Konjunkturprogramm hält Hans-Werner Sinn nichts. Die Massenarbeitslosigkeit in Deutschland sei kein konjunkturelles Problem, sondern habe sich über Jahrzehnte aufgebaut, sagt der Münchner Ökonom. Um sie zu verringern, sei es nötig, den Einfluss der Gewerkschaften zu beschneiden, Lohnzurückhaltung zu üben und mehr Anreize zur Aufnahme von Arbeit zu schaffen. Statt Arbeitslosen Geld für das Nichtstun zu geben, solle der Staat besser niedrige Einkommen bezuschussen. Dafür hat das ifo-Institut das Modell der "Aktivierenden Sozialhilfe" entworfen.
Die bekanntesten Gegenspieler Sinns in dieser Debatte sind Peter Bofinger, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Wirtschaftsweiser), und Gustav Horn, Leiter des vor kurzem von den Gewerkschaften ins Leben gerufenen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Ihrer Ansicht nach leidet der Arbeitsmarkt in Deutschland vor allem unter der extrem schwachen Binnennachfrage. Sie verweisen darauf, dass die Löhne in Deutschland schon seit Mitte der neunziger Jahre geringer gestiegen sind als in fast allen anderen Industriestaaten.
Ihre Forderung: Der Staat soll die Konjunktur durch kurzfristig durch kreditfinanzierte Ausgabenprogramme in Schwung bringen. Bei den Lohnabschlüssen seien stetige Erhöhungen, entsprechend dem Produktivitätswachstum, sinnvoll, um die Kaufkraft der Arbeitnehmer zu erhalten. Über mehr Nachfrage steige dann die Investitionsbereitschaft der Unternehmen, das Wachstum werde angeregt und am Ende auch mehr Beschäftigung erreicht. Nur bei anziehender Konjunktur lasse sich schließlich auch die Staatsverschuldung reduzieren.

KOLJA RUDZIO

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