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Experten erwarten neues Dollar-Tief

Presseecho, Financial Times Deutschland, 22.03.2004, 16

Volkswirte rechnen mit Abwertung gegenüber dem Yen - Entwicklung zum Euro umstritten

Von Sebastian Dullien, Berlin

Dem Dollar könnte schon bald eine neue Abwertung bevorstehen. Diese Einschätzung äußerten führende Volkwirte auf der Frühjahrskonferenz des CESifo-Instituts in Berlin. "Der Dollar wird wegen des weiterhin enormen US-Leistungsbilanzdefizits weiter fallen", sagte Jim O'Neill, Chefvolkswirt von Goldman Sachs. Ähnlich äußerte sich John Llewellyn, Chefvolkswirt von Lehman Brothers.

Allerdings blieb unter den Volkswirten umstritten, ob der Dollar weiter vor allem gegenüber dem Euro oder künftig stärker gegenüber Asiens Währungen abwerten werde.

Zuletzt hatte eine Stabilisierung des Dollar gegenüber Yen und Euro Hoffnungen genährt, die kräftige Dollar-Abwertung hätte ein Ende gefunden. Die Dollar-Schwäche ist nach Einschätzung von Experten bereits jetzt ein Problem für die europäische Exportwirtschaft.

O'Neill sagte, dass der Dollar derzeit nach gängigen Bewertungsmaßstäben - wie etwa dem Vergleich von Güterpreisen zwischen Europa und den USA - nicht mehr überbewertet sei. Allerdings habe der Dollar noch nicht genug abgewertet, um das amerikanische Leistungsbilanzdefizit soweit zu reduzieren, dass es langfristig stabil bleibt. Zwar bestünden dank der Liberalisierung internationaler Kapitalmärkte heute für die USA mehr Möglichkeiten, ein großes Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren als noch in den 80er Jahren. Allerdings sei das aktuelle Niveau von rund fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu groß. "Die Auslandsschulden der USA wachsen schneller als das BIP", so O'Neill. Bereits Ende 2002 hätten die Nettoauslandsverbindlichkeiten der USA mehr als 2500 Mrd. $ oder 22 Prozent des US-BIP ausgemacht. Langfristig sei deshalb lediglich ein Defizit von etwa drei Prozent nachhaltig.

Nach den Simulationen von Goldman Sachs sei eine rund 20-prozentige Abwertung des Dollar gegenüber den wichtigsten Handelswährungen notwendig, um diese drei Prozent zu erreichen. Zwar hat der Dollar seit Anfang 2003 zum Euro bereits rund 20 Prozent seines Wertes verloren, handelsgewichtet aber nur zehn Prozent. "Chinas Renminbi und Mexikos Peso sind zusammen für die USA genauso wichtig wie der Euro", so O'Neill. Diese beiden Währungen hätten aber kaum aufgewertet, unter anderem, weil Chinas Notenbank mit Dollar-Käufen den Renminbi stabil hält.

Der Chefökonom sagte, dass in den kommenden Monaten der Dollar vor allem gegenüber den asiatischen Währungen an Wert verlieren könnte - vor allem, weil die Asiaten eine Wende in ihrer Währungspolitik einleiten könnten. "Es sieht so aus, als fände in Japan ein Umdenken statt." Die Dollarkäufe würden den Japanern auf Dauer zu teuer.

Sollten die Asiaten an ihren Währungsinterventionen festhalten, so ist laut O'Neill eine Aufwertung des Euros auf 1,50 $ notwendig, um eine 20-prozentige handelsgewichtete Abwertung des Dollar zu erreichen. "Für Europas Wirtschaft wäre das überaus schmerzhaft".

Laut Lehman-Brothers-Chefvolkswirt Llewellyn dürfte es nicht ganz so weit kommen. Er prognostiziere zum Jahresende einen Dollar-Kurs von 1,35 $. Allerdings lehre die Erfahrung, dass diese Prognose mit enormen Risiken verbunden sei, sagte Llewellyn. Von Mitte der 80er Jahre bis 1992 hätten die europäischen Währungen gegenüber dem Dollar von einem Kurs, der rund 0,7 $ pro Euro entspreche, unerwartet auf mehr als 1,50 $ aufgewertet.

Optimistischer äußerte sich der Präsident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn. Die Euro-Aufwertung sei weitgehend abgeschlossen, sagte Sinn. Das Euro-Hoch sei Folge einer verstärkten Nachfrage nach europäischen Bargeld in Osteuropa, die vor der Einführung der Euro-Münzen und Scheine eingebrochen war. Inzwischen liege der Bargeldumlauf aber im langjährigen Trend, eine weitere Korrektur sei nicht mehr zu erwarten.

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