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Go, Sinn, go!

Presseecho, Handelsblatt, 22.05-23.05.2003, 4

OLAF STORBECK

Der Besitzer des Wagens gibt dem "Herrn Professor" noch einen Rat mit auf den Weg: "Vorsicht, der Wagen hat 'ne kurze Kupplung." Hans-Werner Sinn nimmt es gelassen: "Ach, das kriegen wir schon hin." Sagt es, hievt sich in den Trabant 1.1, dreht den Zündschlüssel um - und würgt den Motor ab: "Oh, die Kupplung kommt wirklich sehr schnell." Zweiter Versuch: Zündschlüssel Gang, Kupplung und los. Langsam, gaaaaaanz langsam ruckelt der Personenkraftwagen aus volkseigener Produktion vom Hofe. Schnell hat der Volkswirt die tückische Kupplung im Griff - mit Autos kennt sich schließlich aus.

Schon als Kind faszinierte ihn das Autofahren. Und nach nur drei Fahrstunden hatte Deutschlands bekanntester Ökonom - im Hauptberuf Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung - den Führerschein in der Hand. Da war er 18. Sein gesamtes Studium hat er sich als Taxifahrer finanziert. "Hunderttausende Kilometer bin ich gefahren", erinnert er sich. Damals, Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, im ostwestfälischen Bielefeld. Selbst mit dem Trabi hat Sinn schon Erfahrung - nach der Wende war der Zweitakter einige Jahre sein Zweitwagen. Das hatte sich zufällig ergeben: Zusammen mit seiner Frau hatte Sinn 1992 das viel beachtete Buch "Kaltstart" über die Wiedervereinigung geschrieben. Auf dem Titelbild sollte ein Mercedes einem Trabi im Schneetreiben Starthilfe geben. Eigentlich wollte sieh Sinn das Ost-Gefährt nur ausleihen. Aber der Vermieter bot es ihm für 1 000 Mark zum Kauf an. Sinn schlug ein: "Ich habe schon weit dümmere Anschaffungen für 1 000 Mark gemacht." Ein paar Jahre knatterte er mit dem Wagen durch München, dann bekam ihn sein Sohn Philipp zum 18. Geburtstag." Der hat ihn dann bald gegen einen Uralt-Golf eingetauscht."

Dem Vater blutete das Herz. Denn der Trabi weckt bei dem rationalen Ökonomen nostalgische Erinnerungen: "Er erinnert mich an den Lloyd 400 Kombi, den mein Großvater fuhr. Die Reisen, die ich als Kind im Laderaum mitmachen durfte, waren unvergessliche Erlebnisse."

Das gilt auch für den Trabant 1.1: Der Wagen ist so eng, dass sich Fahrer und Beifahrer auf fast intime Weise nahe kommen. Dabei stehen die Knie des Beifahrers zugleich in engem Kontakt zum Armaturenbrett. Auch sonst hat sich gegenüber dem 35 Jahre früher entwickelten Trabant 601 nicht viel verändert: Die Türverkleidung ist liebevoll mit braunem Kunstleder verkleidet, das liebreizend mit dem grau-braunen Filz des Himmels harmoniert .

Dabei sitzt Sinn in einer Luxus-Version des VEB Sachsenring - einem der sehr raren Trabant 1.1 Universal, einem Kombi mit Viertakt-Motor. Als die DDR schon in den letzten Zügen lag, implantierten die DDR-Ingenieure dem 1964 entwickelten Wagen einen in Lizenz gebauten Otto-Motor, der beim Klassenfeind den VW Polo antrieb. Bis ins Frühjahr 1991 rollte das Modell im Werk Mosel bei Zwickau vom Band. Dieser hier wurde im Februar 1991 gebaut - als einer der letzten Trabanten.

"Hier hat schon die westliche Dekadenz Einzug gehalten", flachst Hans-Werner Sinn: H-Schaltung statt des typischen Krückstocks am Armaturenbrett, Leuchtdioden für Tank- und Temperaturanzeige. Und der heutige Besitzer, der Trabi-Liebhaber Johann Benkner, rüstete sogar eine Einspritzanlage und einen Drei-Wege-Katalysator nach.

Aber trotzdem: "Man hat hier das Fahrgefühl der fünfziger Jahre", meint Sinn. Auf der Landstraße heult der Motor bei Tempo 80 im vierten Gang wie eine Sirene. "Ich habe den Eindruck, die Drehzahl liegt schon am oberen Ende", ruft Sinn gegen die Geräuschkulisse an.

Stimmt nicht, wird Besitzer Benkner später berichten: Die offizielle Höchstgeschwindigkeit liegt bei 125 km/h, Benkner will es schon mal bis auf 160 geschafft haben. "Das ist aber nicht besonders empfehlenswert", gesteht er. Mit nur 700 Kilogramm Gewicht könnte der Wagen leicht ausbrechen.

Selbst die Konstrukteure waren unzufrieden

Im Stadtverkehr kann der Viertakt-Trabi Sinn ebenfalls nicht überzeugen: Der zieht nicht toll. Der Polo-Motor bringt keinen besonderen Fortschritt gegenüber dem Zweitakter. Der roch authentischer und war eher spritziger." Ein bisschen liegt das auch an Sinns verhaltener Fahrweise: Mit Vollgas kann man wegen des Leichtgewichts des Wagens an der grünen Ampel andere Autos stehen lassen, berichten Trabi-Fans. Wenn man denn will Sinn will nicht: Wie verrückt Gas geben und bremsen, das ist seine Sache nicht. "Ich habe beim Taxifahren gelernt, gleichmäßig zu fahren."

Außerdem versucht er, ganz Ökonom, beim Fahren den Energieaufwand zu minimieren. Privat bei seiner Mercedes-S-Klasse, Baujahr 91. Natürlich könnte er sich einen neuen Wagen leisten. Aber: "Das war das letzte richtig gute Auto." Diese ganzen neumodernen Wagen, die sehen vielleicht toll aus und haben viel Schnickschnack - aber die Verarbeitung? "Sie wissen schon. Dünnes Blech, geschickt gefaltet." Er habe eben lieber ein tolles, altes Auto als ein neues, billiges.

Wie soll ihn da der Trabant 1.1 begeistern? Ein Auto, mit dem schon seine Entwickler im höchsten Maße unzufrieden waren. "Das traurige Kapitel Pkw hat seinen Höhepunkt im Trabant 1.1 gefunden", sagte einer der Chef-Ingenieure später. "Es ist uns wie befohlen gelungen, mit außerordentlich hohem Aufwand ein ungewöhnlich unbefriedigendes Ergebnis zu erzielen."

Mit dem Trabant 1.1 -mache sich VEB Sachsenring schlicht zum Gespött der Leute, fürchteten sie: "Die Kraftfahrzeugingenieure der Welt werden über uns lachen, die Käufer in der DDR verdammen uns und halten die Fahrzeugbauer der DDR für völlig unfähig." Dabei war der Wagen ein Beleg für die Findigkeit der Autoentwickler der Arbeiter- und Bauern-Republik. Zwar durften sie Karosserie und Innenraum auf Geheiß der Staatsführung nicht anrühren. Doch enorm war der Konstruktionsaufwand, um der Plaste-Karosse den Polo-Motor einzupflanzen.

Mit diesen Ingenieuren hätte die DDR-Industrie nach 1989 Chancen gehabt, sinniert Sinn bei Tempo 80 auf den bayerischen Landstraßen, "natürlich nicht mit den alten Produkten, Maschinen und Managern" - und die Löhne hätten nicht so schnell und stark steigen dürfen. Heute hat Sinn den Osten weitgehend abgeschrieben: "Der Zug ist abgefahren." Sein Urteil über den Trabi an sich ist salomonischer. "Der Wagen ist einfach unverwüstlich."

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