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Hans-Werner Sinn: Der öffentliche Lektor

Presseecho, Financial Times Deutschland, 24.05.2002

Von Christian Schütte, Berlin

Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchener Ifo-Instituts, ist mit seinen Vorschlägen zur Reform des Sozialstaats einer der einflussreichsten Ökonomen Deutschlands. Zuletzt ist ihm auch noch die Rolle des Schiedsrichters in der Aufschwungsdebatte zugewachsen: Am Montag stellt das Ifo-Institut die neueste Stimmungsumfrage aus der deutschen Wirtschaft vor.

Eigentlich ist so einer für die Politik kaum zu gebrauchen. Zeitungsbeiträge illustriert der Professor schon mal mit ausgefeilten Diagrammen. Seine Kompromisslosigkeit ist notorisch, und vor allem ist er immer für eine Überraschung gut.

Kritisiert die hohen Löhne als Grundübel der deutschen Jobkrise - und fordert trotzdem nach dem 11. September ein keynesianisches Notprogramm. Verlangt Strukturreformen in Deutschland, legt sich aber gleichzeitig mit der Europäischen Zentralbank an, deren Inflationsziel zu niedrig bemessen sei.

Wo soll man sich da politisch festhalten? Welche Partei soll mit so jemandem klarkommen?

Hans-Werner Sinn, 54, Wirtschaftsprofessor, Ifo-Chef und Direktor des Center for Economic Studies (CES) an der Universität München hat es trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, geschafft, Gehör zu finden. Für seinen Kollegen Wolfgang Wiegard, den Vorsitzenden des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR), ist Sinn der politisch einflussreichste Ökonom in Deutschland. "Sinn kann Themen setzen, auf die Politiker reagieren müssen", sagt David Milleker vom Initiativkreis Wirtschaft, einem SPD-nahen Diskussionsforum junger Führungskräfte.

Sinns Nähe zu den Entscheidungsträgern spielt dabei nur am Rande eine Rolle. Sicher, man trifft sich, in München etwa im Aufsichtsrat der HypoVereinsbank, dem Sinn seit zwei Jahren angehört, oder auch demnächst beim ersten Munich Economic Summit, einem hochrangig besetzten internationalen Wirtschaftsforum Anfang Juni, das Sinn mit organisiert hat.

Edmund Stoiber wird dort natürlich auch auftreten. Seine Staatsregierung hat sich 1998 sehr bemüht, den international renommierten Ökonomen für das damals schlingernde Ifo-Institut zu gewinnen. Ein Dauerabo im Terminkalender der Regierenden hat der Ökonom deswegen aber nicht. "Meine Plattform ist die Öffentlichkeit", sagt Sinn, dessen philosophische Grundausrichtung viele für eher sozialdemokratisch halten.

Anders als manche seiner Kollegen sieht Sinn das Problem der deutschen Wirtschaft nicht im Wohlfahrtsstaat per se. Marktversagen und Verteilungsziele sind für den Finanzwissenschaftler keine Fremdworte: Sein Metier ist seit je die Ökonomie des öffentlichen Sektors.

Dessen aktuelle Regeln kritisiert er allerdings umso schärfer. Zum Beispiel bei der Sozialhilfe. Wie die zu "aktivierender Hilfe" umgebaut werden kann, ist momentan Hans-Werner Sinns Hauptthema: "Gerade wenn man den Schwachen helfen will, ist es Unsinn, Menschen dafür zu bezahlen, dass sie nicht arbeiten."

Er sei ein "Großhändler auf dem Markt der Ideen", sagt der Professor, der seine Produkte entsprechend strategisch entwickelt und platziert. Sinn predigt nicht zeitlose Grundsätze, sondern lanciert konkrete Themen, die er dann Schritt für Schritt weiterentwickelt. "Es ist vielleicht etwas naiv, aber ich glaube daran, dass gesunder Menschenverstand sich letztlich durchsetzt."

Schon die Rentenreform, die zu einer teilweise kapitalgedeckten Altersversorgung führen soll, hat er so mit vorbereitet. An der kompromissreichen Umsetzung in konkrete Gesetzestexte war er dann freilich nicht mehr beteiligt. Für die richtige Politik ist der Mann dann doch nicht zu gebrauchen.

 

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