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Der Netzwerker

Presseecho, Süddeutsche Zeitung, 22.-23.06.2002, 1

Hans-Werner Sinn, der Präsident des Ifo-Instituts, ist Deutschlands meist zitierter Ökonom

Die Wissenschaft der Ökonomie bezieht, soweit sie anwendungsorientiert ist, ihre Legitimation aus einer möglichst effizienten Politikberatung. Ökonomen sollen Politikern dazu verhelfen, wohlinformierte Entscheidungen zu treffen. Das ist in der Praxis oft schwierig, weil ökonomische Ratschläge meist unpopulär sind und Politiker zu Beratungsresistenz neigen. Deshalb suchen Ökonomen mehr und mehr auch Rückhalt in der Öffentlichkeit und speziell in den Medien. Einer der Meister auf diesem Gebiet ist Hans-Werner Sinn, der 54-jährige Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München. Sinn ist heute - vielleicht zusammen mit seinem Kollegen Horst Siebert vom Kieler Weltwirtschaftsinstitut - der in den Zeitungen am meisten zitierte und politisch einflussreichste Wirtschaftswissenschaftler in der Bundesrepublik.

Bundesweit bekannt wurde Sinn 1991, als er zusammen mit seiner Frau Gerlinde eine kritische Analyse der deutschen Vereinigung unter dem Titel Kaltstart veröffentlichte. Später entwarf er das Modell einer Gewinnbeteiligung für Arbeitnehmer, das darauf hinauslief, dass die Unternehmen die Arbeitsplatzinhaber aus ihren zu hohen Tariflohn-Positionen herauskaufen. Seither wurden unbequeme, politisch unkorrekte und manchmal auch neben der ökonomischen Orthodoxie liegende Analysen zu einem Markenzeichen Sinns. Während Linke und Rechte heute darauf setzen, dass durch Wachstum neue Arbeitsplätze entstehen, dreht er den Spieß um: "Es kommt darauf an, durch mehr Beschäftigung Wachstum zu erzeugen." Deshalb hat das ifo Institut im eigenen Auftrag das Modell einer Sozialhilfe-Reform entwickelt, das die Arbeitsanreize für Sozialhilfeempfänger drastisch erhöhen soll. Motto: Sozialhilfe gibt es nicht dafür, dass man vom Arbeitsmarkt fernbleibt, sondern dass man seine Arbeit anbietet."

Die Fachwelt beschäftigt Sinn mit einer eigenwilligen Erklärung für die Euro-Schwäche der Vergangenheit und die Euro-Stärke dieses Jahres: Die Mehrheit der Professoren und Analysten deutete die Euro-Stärke als Dollar-Schwäche, die mit Zweifeln an den amerikanischen Aktienmärkten zu tun hat. Sinn glaubt, dass hinter den Kursschwankungen vor allem Osteuropa steht: Vor dem Bargeld-Umtausch ist Schwarzgeld aus der DM in den Dollar geflohen, jetzt kehrt es langsam in den Euro zurück.

Das zweite Charakteristikum Sinns ist sein Talent als Wissenschaftsmanager und Netzwerker. An der Universität München gründete er 1991 das Center for Economic Studies (CES) mit dem Zweck, renommierte internationale Ökonomen auf Zeit nach München zu holen. Am 1. Februar 1999 wurde er Ifo-Präsident und musste dem Institut eine schmerzhafte Schrumpfkur verordnen. Trotzdem steht Ifo, vor allem dank des Ifo-Index Geschäftsklima, häufiger in den Zeitungen denn je. Zwischen CES und Ifo schuf Sinn ein Joint-Venture namens CESifo, das ebenfalls der Vermittlung von Wissenschaftskontakten dient. Anfang Juni organisierte CESifo einen "Münchner Wirtschaftsgipfel" zur EU-Osterweiterung, auf dem Ministerpräsident Stoiber eine Grundsatzrede hielt. Der größte Coup des CES jedoch war für Fachökonomen ein "Finanzgipfel", auf dem Sinn 1998 den Nestor der Finanzwissenschaft, Richard Musgrave, und den Nobelpreisträger James Buchanan nach München holte.

Einfluss auf die Politik

Die Netzwerkerei bringt es mit sich, dass Sinn auch direkten Einfluss auf die Politik nehmen kann. Ifo lieferte ein Gutachten zur Reform des Länderfinanzausgleichs, das die bayerische Staatsregierung in ihrer Position bestärkte. Von Ifo kamen auch pessimistische Prognosen zur Arbeitskräftewanderung nach der EU-Osterweiterung, die der CSU Argumente in der Einwanderungspolitik lieferte und zu einem öffentlichen Schlagabtausch zwischen Ifo und dem Berliner Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) führte, das Sinns Freund Klaus Zimmermann leitet. Und schließlich hat Sinn mit seinem Institut auch die rot-grüne Politik beeinflusst. Niemand bestätigt dies, es gilt aber als sicher, dass Experten des Ifo-Instituts die Riester-Rente maßgeblich mitgestaltet haben.

"Im Wahlkampf würde ich mir von den Parteien mehr Mut zu institutionellen Reformen wünschen," sagt Sinn. Sein Sozialhilfe-Modell wäre für ihn ein geeignetes Beispiel, an dem sich solcher Mut zeigen könnte. Die Begründung zeugt von Selbstbewusstsein: "Man tut immer so, als sei die Arbeitslosigkeit ein Schicksal, das uns begleitet. Aber das stimmt nicht. Man kann das Problem angehen, und es wäre sogar eine einfache Reform, denn es gibt ein Patentrezept für das Problem."

Nikolaus Piper

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