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ifo Standpunkt

ifo Standpunkt Nr. 159: Deutsche Gerontokratie

München, 10. Juni 2014

Deutschlands demographische Zeitbombe tickt. Die Babyboomer, die 1964 geboren wurden, sind jetzt 50 Jahre alt und wollen in 15, wenn nicht 13 Jahren ihre Rente beziehen. Doch durch die Kombination besonders vieler Alter mit besonders wenigen Jungen entsteht ein fast unlösbarer, aber jetzt schon genauestens vorhersehbarer Generationenkonflikt. Im Jahr 2000 mussten 100 Personen im Erwerbsalter (15 - 64 Jahre) 24 Personen im Rentenalter (ab 65 Jahre) finanzieren – 2011 waren es schon 31 Personen. In 15 Jahren werden knapp 47 und in 20 Jahren schon 55 Personen zu finanzieren sein, mehr als doppelt so viele wie zum Beginn dieses Jahrhunderts.

In der Geburtenstatistik der OECD steht Deutschland weit unten: Mit 8,4 Geburten pro 1000 Einwohner hat es sich 2012 vom letzten Platz, den es sehr lange innehatte, vor Japan auf den zweitletzten Platz vorgerobbt. Und auch dies gelang nur wegen der Einwanderer, deren Kinder mittlerweile ein Drittel der Neugeborenen in Deutschland ausmachen. Ohne sie lägen wir weit abgeschlagen auf dem letzten Platz der Geburtenstatistik.

Noch ahnen die Babyboomer nicht, was ihnen blüht, weil sie von einer glücklichen und historisch einmaligen Konstellation profitieren. Noch nie hat es in der Geschichte Deutschlands eine Gruppe von 50-Jährigen gegeben, die relativ gesehen so wenige alte und junge Menschen miternähren musste wie heute. Vorläufig wird es sie auch nie wieder geben. Die Finanzierung der Eltern können sich die Babyboomer mit ihren vielen Geschwistern teilen, und die Finanzierung der Kinder entfällt mangels Masse. Deshalb bleibt viel Geld für einen beispiellosen Konsumstandard übrig. Aber das schöne Leben wird in etwa 15 Jahren jäh in Verzweiflung umschlagen, wenn alle Babyboomer gleichzeitig in die Rente gehen und von Kindern ernährt werden wollen, die es nicht gibt. Der Sturz vom Konsumhimmel in die Altersarmut wird jäh, tief und schmerzlich sein.

Die politischen Gefahren dieser Entwicklung sind immens. Die Babyboomer werden ihre politische Macht einsetzen, um der absehbaren Altersarmut zu entkommen, indem sie ihren wenigen Nachkommen immer mehr Lasten aufbürden. Wie Silke Übelmesser und ich selbst bereits 2002 prognostiziert hatten, kippt die rechnerische politische Mehrheit der Jungen bereits um das Jahr 2015. Danach haben jene Wähler, die hinreichend alt sind, um von Renten- und Beitragserhöhungen zu profitieren, mehr Stimmen als diejenigen, die dabei per Saldo, über das ganze Leben gerechnet, verlieren. Deutschland wird also zur Gerontokratie.
Auch wenn sie in der Minderheit sind, werden sich die jungen Menschen freilich nicht widerstandslos ausbeuten lassen. Wenn sie einen immer größeren Anteil ihres Einkommens an den Staat abführen sollen, um die Renten der Alten zu finanzieren, werden sie auswandern oder auf die Straße gehen, um ihren Unmut kundzutun. Der deutschen Demokratie droht somit eine gefährliche Zerreißprobe. Dass dann gleichzeitig die vielen ungedeckten Schecks aus der Rettung der südeuropäischen Krisenstaaten präsentiert werden, macht die Sache nicht einfacher.

Aber was lässt sich gegen die demographische Misere tun? Eine Teillösung liegt in höheren Einwanderungszahlen. Die Massenimmigration, die Deutschland wegen der Krise in Südeuropa bereits erlebt, wird sich von ganz allein verstärken, wenn immer mehr Arbeitsplätze frei werden. Auch dürfte das Rentenalter wieder erhöht werden, ungeachtet der rückwärtsgewandten Koalitionsbeschlüsse der letzten Zeit. Die Schätzungen des bei der Erhöhung des Rentenalters und der Immigration Nötigen überschreiten freilich die Vorstellungskraft und Toleranz der Bevölkerung um ein Vielfaches.

Deshalb führt auch an einer Steigerung der Geburtenzahlen kein Weg vorbei. Dazu muss die Ausbeutung und Diskriminierung der Familien beendet werden. Wenn die Rentenformel um eine Kinderkomponente ergänzt wird, die den Eltern wieder mehr Anteil an den Ergebnissen ihrer Erziehungsarbeit belässt, wird es sicherlich mehr Kinder geben. Je mehr Kinder jemand großzieht, desto mehr Zuschläge zur Rente sollte er erhalten. Schließlich sind es ja die Kinder selbst, die diese Zuschläge einmal werden bezahlen müssen.
Besonders wirksam wäre ein rascher Krippenausbau, um die Wartelisten junger Familien zu verkürzen. Wie das ifo Institut jetzt in einer umfangreichen Studie gezeigt hat, führen der Bau und die Besetzung von 100 neuen Krippenplätzen derzeit statistisch gesehen zur Geburt von etwa zehn weiteren Kindern.

Wenn es wieder mehr Kinder in Deutschland gibt, besteht eine größere Chance, die Gerontokratie und die absehbare demographische Krise friedlich zu überwinden.

Hans-Werner Sinn
Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft
Präsident des ifo Instituts

Erschienen unter dem Titel “Deutsche Gerontokratie”, Wirtschaftswoche, Nr. 24, 7. Juni 2014, S. 37.


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