Main Content

ifo Standpunkt

ifo Standpunkt Nr. 156: Die Ruhe vor dem Sturm

München, 06. Mai 2014

Die Euro-Krise hat sechs Phasen durchlaufen: 1. die vom Euro verursachte inflationäre Kreditblase, die 2007 platzte, 2. die Selbstbedienung der Südländer mit der lokalen Druckerpresse, ermöglicht durch eine dramatische Absenkung der Sicherheitsstandards für die Pfänder, die die Banken zu hinterlegen hatten, 3. der Kauf von Staatspapieren durch die EZB im Rahmen ihres SMP-Programms, um den Wert ebendieser Pfänder zu erhalten, 4. die Ablösung der EZB durch “alternativlose” fiskalische Rettungsschirme, 5. das Versprechen unbegrenzter Staatspapierkäufe durch die EZB im Rahmen des OMT-Programms und 6. die Begrenzung der Gläubiger- und Anlegerhaftung auf nur noch acht Prozent der Bilanzsumme der Banken im Rahmen der Bankenunion.

Jetzt kommt als Siebtes die Phase des moralischen Risikos in Form eines neuen Schubs bei der Staatsverschuldung. Weil die Anlagerisiken durch die Rettungsaktionen der EZB und der Staatengemeinschaft weitgehend kollektiviert wurden, geben sich die Gläubiger wieder mit niedrigen Zinsen zufrieden, und die Schuldner nutzen die neuen Möglichkeiten.

Sicher, es wurde im Jahr 2011 ein Fiskalpakt verabschiedet, mit dem genau das vermieden werden sollte. Darin haben sich die EU-Länder außer Großbritannien und der Tschechischen Republik unter anderem verpflichtet, ihre (geglätteten) Schuldenquoten jährlich um ein Zwanzigstel des Abstandes zu 60 Prozent zu verringern. Doch auch hier gibt es wieder Ausnahmeregeln, die eine Umgehung erlauben. Sonst müsste Italien seine Schuldenquote vom Jahr 2011 bis 2014 von 121 auf 112 Prozent reduzieren. Tatsächlich wird die Quote aber nach Schätzung der EU Kommission Ende 2014 bei 134 Prozent liegen. Spaniens Quote müsste nach der gleichen Rechnung von 71 auf 69 Prozent zurückgehen, steigt aber wohl auf 99 Prozent. Griechenlands Quote steigt trotz eines Schuldenschnitts von 58 Prozentpunkten von 170 auf 177 Prozent; Portugals Quote steigt von 108 auf 127 Prozent, Frankreichs von 86 auf 96 Prozent.

Statt ihre Versäumnisse reumütig einzugestehen, verabschieden sich die betroffenen Regierungen offensiv von der Austeritätspolitik. Renzi ist damit in Italien an die Macht gekommen, Samaras versucht so, dem Rivalen Tsipras entgegenzutreten, in Portugal hat das Verfassungsgericht die Sparanstrengungen ausgebremst. Auch Frankreichs Premier Valls will von Sparen nichts wissen. Alle reden von Wachstum, meinen aber mehr Staatsverschuldung. Sicher, ein Zuwachs der Staatsverschuldung führt kurzfristig zu einem Nachfrageschub, der die Auslastung des Produktionspotenzials erhöht und auch die Arbeitslosigkeit verringert. Aber er ist ein bloßes Aufputschmittel, das den Reformdruck vermindert und das Wachstum des Produktionspotenzials behindert.

Zur neuerlichen Erosion der Schuldenmoral kam es, weil die Haftung für die Schulden im Euroraum kollektiviert wurde. Das hat die Gläubiger veranlasst, sich wieder mit niedrigeren Zinsen zufriedenzugeben, und wegen der niedrigeren Zinsen wollen Renzi, Samaras, Valls & Co. jetzt neue Schulden machen. Wie immer, wenn ein Entscheidungsträger die Vorteile einer Maßnahme für sich verbuchen und die Nachteile vergemeinschaften kann, ergreift er diese Maßnahme eher, rascher und in größerem Umfang, als wenn er die Nachteile allein zu tragen hätte. Bemerkenswert ist nur, mit welcher Selbstverständlichkeit es den Missetätern gelingt, sich das Mäntelchen eines neuen gesellschaftlichen Aufbruchs umzuhängen.

Wie gefährlich, ja unhaltbar der Weg der Euro-Zone ist, zeigt ein Blick auf die USA. Wenn dort einer der Staaten zu viele Schulden aufnimmt, werden die Gläubiger nervös, und drakonische Sparmaßnahmen werden eingeleitet, um den Konkurs abzuwenden. Aber das geschieht bereits bei minimalen Schuldenquoten unter zehn Prozent des BIP, weil die Gläubiger wissen, dass ihnen niemand zu Hilfe kommt. Die Fed kauft ihnen keine Staatspapiere ab, und der Bundesstaat übernimmt keine Garantien.

In Europa hingegen lässt der leichte Zugang zur Druckerpresse vor und nach der Gründung der EZB die Märkte erst nervös werden, wenn die Schuldenquoten zehn- bis zwanzigmal so hoch wie in den USA sind. So steigt die Verschuldung, bis sie nicht mehr beherrschbar ist. Die kritische Grenze, an der die Gläubiger unruhig werden, wurde durch die Rettungsarchitektur der letzten zwei Jahre deutlich ausgeweitet. Das schafft nun einige Jahre Ruhe, weil die Schulden nun an diese Grenze heranwachsen können, aber es ist nur die Ruhe vor dem Sturm.


Hans-Werner Sinn
Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft
Präsident des ifo Instituts

Erschienen unter dem Titel “Die Ruhe vor dem Sturm”, Handelsblatt, Nr. 86, 6 Mai 2014, S. 56; sowie unter dem Titel “Europe’s Next Moral Hazard”, Project Syndicate.
 


Short URL: www.ifo.de/de/w/4UjfRGeWR