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ifo Standpunkt

ifo Standpunkt Nr. 135: Weimar in Athen

München, 02. Juli 2012

Der Austritt Griechenlands aus der Europäischen Währungsunion rückt immer näher. Das ist für die Euro-Zone kein Unglück – und für die Griechen erst recht nicht. Zwölf Fragen und Antworten zu den ökonomischen Vorteilen und dem möglichen Ablauf eines Abschieds von Athen.

1. Warum ist der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone unvermeidlich?

Weil das Land durch den günstigen Kredit, den der Euro brachte, zu teuer wurde. Schätzungen zufolge muss Griechenland 30 Prozent billiger werden, damit es wieder wettbewerbsfähig ist. Nach ifo-Berechnungen ist eine Abwertung von 37 Prozent nötig, allein um mit der Türkei gleichzuziehen.

2. Warum geht das nicht, indem Griechenland im Euro bleibt und die Preise und Löhne entsprechend senkt?

Die Gewerkschaften machen das nicht mit, und selbst wenn sie es täten: Die Bankschulden der Firmen lassen sich nur abwerten, wenn alles auf Drachme umgestellt wird.

3. Ist es nicht Deutschland gelungen, im Euro-Raum billiger zu werden?

Deutschland hat für eine reale Abwertung von 22 Prozent gut 13 Jahre gebraucht, und auch das ging mit Massenarbeitslosigkeit einher. Aber während Deutschlands Abwertung durch Inflation im Rest Europas zustande kam, muss Griechenland tatsächlich mit den Preisen runter – eine Inflationsstrategie in Europa trägt Deutschland nicht mit. Die griechische Situation ist eher mit der Weimarer Republik vergleichbar. Deutschland musste von 1929 bis 1933 um 23 Prozent deflationieren, weil es an den Goldstandard gebunden war und die anderen Länder abwerteten.

4. Sollte die Staatengemeinschaft Griechenland mit einem neuen Marshall-Plan helfen?

Geht man von der gleichen Proportion zum Bruttoinlandsprodukt aus wie bei Deutschland nach dem Krieg, müsste Griechenland aus einem solchen Aufbauprogramm rund vier Milliarden Euro erhalten. Tatsächlich sind den Griechen über die Rettungsschirme, die Staatspapierkäufe der Europäischen Zentralbank (EZB), die Target-Kredite der EZB und den Schuldenschnitt bereits 460 Milliarden Euro an Hilfen gewährt worden. Das sind 116 Marshall-Pläne. Geholfen hat es wenig.

5. Helfen andere Maßnahmen wie die Senkung der Lohnstückkosten oder Strukturreformen?

Ja, aber sie verbessern die Wettbewerbsfähigkeit nur in dem Maße, wie sie die Preise senken. Bislang sind die griechischen Preise trotz Krise sogar gestiegen.

6. Drohen nicht Ansteckungseffekte, wenn Griechenland austritt?

Ansteckungseffekte gibt es in beide Richtungen. Wenn Griechenland im Euro bleibt und weiter gestützt wird, müssen die starken Länder am Ende auch Portugal, Spanien, Italien und letztlich auch Frankreich finanzieren. Dann stützt die eine Hälfte der Euro-Zone die andere, ein Ding der Unmöglichkeit. Eine solche Politik verhindert die reale Abwertung der überteuerten Länder und zieht die noch gesunden Staaten in den Abgrund.

7. Die Finanzwirtschaft betont immer wieder die Ansteckungsgefahr bei einem Austritt. Warum?

Die Banken beschwören mögliche Ansteckungseffekte, um ungeschoren davonzukommen und die Steuerzahler zur Kasse zu bitten. Griechenland hat ja schon eine Teilinsolvenz hingelegt, und im Gegensatz zu den Horrorszenarien, die vorher beschworen wurden, ist an den Märkten nichts passiert. Den Politikern Angst zu machen ist Interessenpolitik.

8. Wie teuer wird der Austritt der Griechen für uns?

Ein griechischer Konkurs kostet den deutschen Staat 80 Milliarden Euro. Der Austritt kostet nichts, im Gegenteil. Nur wenn Griechenland die Euro-Zone verlässt, kann es abwerten, wettbewerbsfähig werden und überhaupt etwas zurückzahlen. Die Notwendigkeit, Verluste beim Austritt zu verbuchen, sollte man nicht mit dem Entstehen von Kosten verwechseln. Das Geld ist längst verloren. Jeden Tag, den man wartet, steigen die Verluste.

9. Bricht beim Austritt nicht Chaos in Griechenland aus?

Das Chaos ist ja schon da. Die Massenarbeitslosigkeit, die der Euro gebracht hat, ist unerträglich. Nur der Austritt kann den jungen Griechen wieder Arbeitsplätze und Hoffnung auf eine Zukunft verschaffen. Die Hilfen sollte man verwenden, um einen geordneten Austritt zu ermöglichen. In den vergangenen Jahrzehnten hat es Dutzende von Staatskonkursen gegeben. Stets gesundete die Wirtschaft erst durch eine Abwertung.

10. Muss Griechenland die Grenzen schließen, um Kapitalflucht zu verhindern?

Das ist nur im Vorfeld der Umstellung zu erwägen. Nach der Abwertung der Drachme bringen die reichen Griechen ihr Geld wieder nach Hause und investieren in Immobilien und Arbeitsplätze.

11. Wann und zu welchem Kurs sollte umgestellt werden?

Die Umstellung sollte überraschend an einem Wochenende stattfinden, wenn die Banken geschlossen sind. Ab Montag lauten Konten, Schuldkontrakte, Preisschilder und Lohnkontrakte auf Drachme. Die Ziffern bleiben dieselben, nicht aber deren ökonomischer Wert. Ich vermute, er fällt auf die Hälfte.

12. Wie lässt sich verhindern, dass Euro-Bargeld aus dem Land geschmuggelt wird?

Die Euro-Banknoten in Griechenland sollte man abstempeln. Wie viel Geld der EZB auf diese Weise durch die Lappen geht, ist sekundär. Das bisschen Bargeld, das die Griechen halten, ist wirklich nicht das Problem.

Hans-Werner Sinn
Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft
Präsident des ifo Instituts

Erschienen unter dem Titel „Weimar in Athen“, WirtschaftsWoche, Nr. 22, 26.5.2012, S. 28.


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