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ifo Standpunkt Nr. 119: Währungskrieg - Nicht nur China trägt die Schuld

München, 2. November 2010

Da China seine unterbewertete Währung mit dem Dollar verklammert hat, bedeutet die Abwertung des Dollar im Zuge der amerikanischen Finanzkrise eine Abwertung des Yuan gegenüber den anderen Währungen dieser Welt. Die Notenbanken Südkoreas, Brasiliens, Taiwans, Japans, der Schweiz und vieler anderer Länder versuchen dagegen zu halten, indem sie Dollars kaufen, um ihre eigene Währung auf diese Weise gegen eine Aufwertung zu schützen und ihre Exporte zu verteidigen: Auch Europa wird nervös, nachdem der Eurokurs bereits temporär auf 1,40 Dollar gestiegen war, weit über die Kaufkraftparität von 1,17 Dollar hinaus. Die USA gehen nun massiv gegen China vor und treffen Vorkehrungen für einen Handelskrieg. Der Kongress hat den Präsidenten ermächtigt, Importzölle für chinesische Waren zu verhängen, falls China nicht bereit ist, seine Währung substanziell gegenüber dem Dollar aufzuwerten.

Wie kommt es, dass die USA plötzlich so aggressiv agieren, wo doch die Unterbewertung des Yuan, derzeit circa 45%, schon viele Jahre angehalten hat? Warum sind sie nicht schon früher dagegen vorgegangen? Der Grund liegt beim Kapitalverkehr. China ist nämlich nicht länger Willens, seine Einnahmen aus dem Güterhandel mit den USA weiterhin in US-amerikanische Staatspapiere zu investieren. Die Unterbewertung des Yuan wurde von den USA akzeptiert, solange China die verdienten Dollars wieder in die USA zurückbrachte und mit ihnen das Staatsdefizit finanzierte, doch nun, da die Chinesen es vorziehen, ihr Geld in Afrika und anderswo in Rohstoffe zu investieren, trifft sie der volle Zorn der amerikanischen Politik.

Der Umschwung Chinas ist in der Tat dramatisch. In den Jahren 2008 und 2009 hatte China pro Monat für etwa 17 Milliarden Dollar US-Staatspapiere gekauft. Doch etwa seit dem November 2009 hat das Land von dieser Politik Abstand genommen. Im Durchschnitt der ersten sieben Monate des Jahres 2010 hat es nichts mehr gekauft, sondern sogar begonnen, sich von seinen vorhandenen Papieren zu trennen. Pro Monat hat China netto für etwa 7 Milliarden Dollar US-Staatspapiere verkauft. Dass in Amerika die Nerven nun blank liegen, ist verständlich.

Die Londoner City ist in die Bresche gesprungen und hat ihre Nettokäufe, die 2008 und 2009 bei monatlich nur etwa 1 Milliarde Dollar gelegen hatten, in den ersten sieben Monaten dieses Jahres auf durchschnittlich 28 Milliarden Dollar hoch katapultiert. Da Großbritannien selbst ein großer Kapitalimporteur ist, kann man davon ausgehen, dass die City die Papiere nicht selbst hält, sondern sie nur umstrukturiert und dann unter neuem Namen und mit dem Londoner Stempel versehen in die Welt verkauft. China ist indes trotz des Ausstiegs aus der amerikanischen Staatsfinanzierung immer noch vor Deutschland der größte Nettokapitalexporteur der Welt. Das Land hat diese Position seit 2006 inne. Vor der Krise, im Durchschnitt der beiden Jahre 2007 und 2008 hat es jährlich etwa 400 Milliarden Dollar an Kapital exportiert. Die USA, die damals einen jährlichen Kapitalimport in der Größenordnung von 800 Milliarden Dollar benötigten, um das nahezu vollständige Versiegen ihrer privaten Ersparnis auszugleichen, haben von diesem Kapital den Löwenanteil erhalten. Der chinesische Konsumverzicht ermöglichte es den USA, mit geliehenem Geld über viele Jahre hinweg neue Häuser zu bauen und sich einen Konsumstandard zu leisten, den die eigene Volkswirtschaft nicht zu finanzieren in der Lage war.

Zwar haben die Chinesen sich bei der privaten Immobilienfinanzierung in den USA immer zurückgehalten. Sie kauften nur Staatspapiere und solche verbrieften, immobilienbasierten Wertpapiere, die von den halbstaatlichen Gesellschaften Fannie Mae und Freddie Mac ausgegeben worden waren. Die direkte Immobilienfinanzierung über private Kanäle wurde maßgeblich von anderen Ländern vorgenommen, allen voran Deutschland. Doch verhalf China den USA insofern zu einem höheren Lebensstandard, als es den staatlichen Instanzen Mittel zur Verfügung stellte, die sonst von den amerikanischen Bürgern selbst hätten kommen müssen.

Es ist ein bisschen billig, China nun seine Wechselkurspolitik vorzuhalten, denn diese Politik war die Grundvoraussetzung dafür, dass die USA so lange über ihre Verhältnisse leben konnten. Die Unterbewertung des Yuan ging beileibe nicht zu Lasten der USA, wie immer wieder behauptet wird, sondern war die Grundvoraussetzung dafür, dass die USA den American Dream, dass sich jeder ein Haus würde leisten können, haben träumen können. Der Import billiger chinesische Produkte hat in den USA das Kapital und die Arbeitskräfte freigemacht, die für eine dramatische Ausweitung des Immobilienbestandes und des amerikanischen Lebensstandards eingesetzt wurden.

Dass die Chinesen heute davor zurückschrecken, noch mehr Geld in den USA zu investieren, muss man verstehen. Sie hatten versucht, über den Kauf der Firma Unocal in die amerikanische Energiewirtschaft einzusteigen und wurden von politischer Seite abgeblockt. Auch einige andere Direktinvestitionen wurden unter dem Hinweis auf die nationale Sicherheit vom Kongress verhindert. Man erinnere sich nur an Angebote für Emcore oder Firstgold. Die USA wollten zwar das chinesische Geld, doch waren sie nicht bereit, dafür mehr als strukturierte Wertpapiere fragwürdiger Bonität anzubieten sowie Staatspapiere, die nun erkennbar dem Risiko von Inflation und Abwertung ausgesetzt sind. Das war ein Geschäft, auf das sich China nicht mehr einlassen konnte.

Es täte dem Frieden in der Welt gut, wenn die USA aufhören würden, China mit billigen moralischen Vorwürfen zu kommen. Die Wahrheit ist häufig doch etwas subtiler als das, was im politischen Interesse so alles behauptet wird.

Hans-Werner Sinn
Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft
Präsident des ifo Instituts

Weltweit übersetzt und an nationale Tageszeitungen verteilt durch Project Syndicate (www.project-syndicate.org), 22. Oktober 2010; Börsen-Zeitung, 26. Oktober 2010.


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