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ifo Standpunkt

ifo Standpunkt Nr. 88: Tanken statt essen?

München, 16. Oktober 2007

Die Nahrungsmittelpreise steigen in Europa. Sie steigen, weil es zu heiß war und zu wenig geregnet hat. Und weil zunehmend landwirtschaftliche Flächen statt für die Nahrungsmittelproduktion für die Produktion von Biosprit genutzt werden. Aus Raps gepresstes Öl kann man wie Diesel verwenden, und aus Mais oder Zuckerrüben kann man Ethanol machen, das Benzin ersetzt. Der Präsident des Bauernverbandes Helmut Born erwartet, dass die Preise für Nahrungsmittel langfristig an die Energiepreise gekoppelt sind.

Ähnlich war es bei der so genannten Tortilla-Krise, die zu Jahresbeginn in Mexiko City zu Ausschreitungen geführt hatte. Dass der Preis des zur Hälfte aus den USA importierten Mais sich binnen Jahresfrist mehr als verdoppelt hatte, lag vor allem an der Verwendung des Mais für die Produktion von Bioethanol. Die mexikanische Hungersnot konnte nur durch eine staatlich ausgehandelte Preisobergrenze für die aus Mais hergestellten Tortillas verbunden mit der Zulassung zollfreier Importe von Mais gemildert werden.

Der Sachverhalt offenbart auf geradezu sarkastische Weise ein Erklärungsdefizit der deutschen Umweltpolitik, die den Treibhauseffekt auch durch die Förderung biologischer Brennstoffe verringern möchte, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel zuletzt beim EU-Klimagipfel im März 2007 deutlich machte. Das Erklärungsdefizit besteht darin, dass Aussagen darüber fehlen, welchen anderen Verwendungen das für Biosprit und andere natürliche Brennstoffe verwendete Land entzogen werden soll. Bevor diese Aussagen nicht auf dem Tisch liegen, kann man die Rationalität einer Förderung von Biotreibstoffen und anderen natürlichen Brennstoffen kaum nachvollziehen.

Prinzipiell gibt es nur drei Möglichkeiten, das für die biologischen Brennstoffe benötigte Land zu beschaffen. Erstens kann es der Produktion von Nahrungsmitteln entzogen werden. Zweitens der Produktion von natürlichen Baustoffen, insbesondere der Holzproduktion. Und drittens der Natur. Die Perversität des ersten Weges ist offenkundig, er kann nicht guten Gewissens gegangen werden, denn es gibt auf der Welt keine überschüssige Nahrungsmittelproduktion.

Wer Biosprit und andere biologische Brennstoffe auf Flächen erzeugen möchte, die bislang für die Nahrungsmittelproduktion verwendet wurden, muss wissen, dass er die Nahrungsmittelpreise hochtreibt und damit gerade die Ärmsten der Armen in besonderer Weise belastet. Brot soll man nicht wegwerfen, aber verbrennen sollte man es auch nicht.

So bleiben eigentlich nur die beiden anderen Wege, doch auch die sind kaum überzeugend. Biosprit auf Flächen zu erzeugen, die sonst für Baustoffe verwendet worden wären, treibt die Preise dieser Baustoffe hoch und regt ihren Ersatz durch andere Materialien an. So wird weniger Holz verbaut und dafür mehr Beton und Stahl. Das ist zwar ethisch und sozialpolitisch unbedenklich, nur hilft es der Umwelt nicht.

Holz speichert Kohlenstoff, der auf dem Wege der Fotosynthese aus der Luft geholt wird. Je größer der Bestand an Holz auf der Erde ist, sei es in Form von lebenden Bäumen oder in Form von verbautem Holz, desto geringer ist der Anteil des Kohlendioxids in der Luft und desto kühler bleibt die Erde.

Gewiss: Biotreibstoff könnte Treibstoff ersetzen, der aus Erdöl gewonnen wird. Dann würde möglicherweise doch weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen. Doch setzt dies voraus, dass die Ölscheichs wegen der Produktion von Biotreibstoff weniger Öl extrahieren, als sie es sonst getan hätten. Wenn sie ihr Öl weiterhin so schnell aus der Erde herausholen wie bislang geplant, dann tritt der Biotreibstoff additiv zum Öl hinzu, und für die Umwelt ist nichts gewonnen. Im Gegenteil: Wegen der Senkung der Holzbestände muss per Saldo mehr Kohlendioxid in der Luft sein, sodass sich die Erderwärmung beschleunigt.

Es bleibt die Verwendung von natürlichen Landflächen, die bislang nicht kommerziell genutzt waren. Aber auch hier ist die Analyse kaum eine andere, denn solche Flächen sind normalerweise bewaldet. Der Ersatz des Waldes durch Mais, Raps und andere Ölsaaten verringert den Bestand an Biomasse auf der Fläche und führt deshalb ebenfalls zu einer Vermehrung der Konzentration von Kohlendioxid in der Luft. Brasilien hat riesige Waldflächen zum Zwecke der Produktion von Bioethanol gerodet, und heute steuert dieser Brennstoff bereits ein Viertel der vom Verkehr verwendeten Energie bei. Dem Weltklima hat das Land damit einen Bärendienst geleistet.

Pro Jahr geht der Welt derzeit eine Waldfläche in der Größe der Insel Irland verloren. 18 Prozent der jährlichen Kohlendioxidemissionen sind hierauf zurückzuführen, mehr als durch den gesamten Verkehr auf der Erde emittiert wird. Diese Entwicklung darf nicht beschleunigt, sondern muss umgedreht werden.

Die Analyse zeigt, dass es wenig Sinn macht, Landflächen für die Produktion von Biotreibstoffen anderen Verwendungen zu entziehen. Allein die Möglichkeit, Biotreibstoff ohne die Verwendung von Land zu erzeugen, lässt sich umwelt- und sozialpolitisch rechtfertigen. Dabei geht es vor allem um die Verwendung landwirtschaftlicher Abfälle, die sonst verrotten und dabei etwa zur Hälfte Kohlendioxid und Methan, ein noch viel gefährlicheres Treibhausgas, erzeugen würden.

Alle Möglichkeiten, die in diese Richtung gehen, sind auszuschöpfen und können auch vom Staat gefördert werden. Aber Hände weg von der gezielten Erzeugung des Biosprits auf Landflächen, die man anderweitig hätte verwenden können!

Hans-Werner Sinn
Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft
Präsident des ifo Instituts

Revidierte Version. Erschienen unter dem Titel "Tanken statt essen?", WirtschaftsWoche, Nr. 36, 3. September 2007, S. 162; in ähnlicher Form auch erschienen in Daily Times (Pakistan) und bei Project Syndicate.


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