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ifo Standpunkt

ifo Standpunkt Nr. 84: Frankreich und Deutschland

München, 27. Juni 2007

Nicolas Sarkozy wird es nicht leicht haben, die französische Wirtschaft wieder auf Vordermann zu bringen. Seit vier Jahren schon boomt die Weltwirtschaft mit einer Wachstumsrate von etwa 5%, was ein historisch einmaliges Ereignis ist, aber die französische Wirtschaft macht nicht mit.

Im Jahr 2006 expandierte sie nur um 2,0%, und für 2007 erwartet das ifo Institut in seiner jüngsten Prognose nur wenig mehr als das. Das Land liegt beim Wachstum derzeit deutlich unter dem Durchschnitt der alten EU-Länder, wo im letzten Jahr 2,8% realisiert wurden und in diesem Jahr 2,6% erwartet werden kann.

Gegenwärtig ist Frankreich eines der Schlusslichter Europas, knapp vor Italien und Portugal. Sogar Deutschland wächst jetzt schneller. Mit einer Wachstumsrate von 2,8% schaffte es die deutsche Wirtschaft im Jahr 2006, wieder den Durchschnitt der alten EU-Länder zu erreichen, und für das Jahr 2007 wird eine Wachstumsrate von 2,6% prognostiziert. Die deutsche Wirtschaft wächst derzeit um einiges schneller als die französische.

Das niedrige Wachstum der französischen Wirtschaft überrascht, denn bis vor kurzem zeigte das Land noch gute Leistungen und überflügelte viele EU-Staaten. Während Deutschland in den Jahren 1995 bis 2005 nur um 14% wuchs und auf dem zweitletzten Platz knapp vor Italien rangierte, wuchs Frankreich um 23,6%. Das war fast der Durchschnitt der alten EU (24,3%). Im Jahr 2001 hat Frankreich Deutschland sogar beim Niveau überholt, und noch heute liegt das französische Bruttonationaleinkommen pro Kopf um 4% über dem deutschen. Nun aber scheint sich dieser Trend umgedreht zu haben.

Die Beschäftigtenzahlen in Frankreich waren schon des Längeren schlecht. Im Jahr 2006 betrug die Arbeitslosenquote 9,4% und war damit einen ganzen Prozentpunkt höher als in Deutschland. Für das Jahr 2008 wird erwartet, dass die französische Arbeitslosenquote auf 8,2% sinkt, während die deutsche auf 6,3% fällt.

Ähnliches ist bei der Staatsverschuldung zu beobachten. Deutschland verletzt den Stabilitäts- und Wachstumspakt nicht mehr und wird vermutlich schon im Jahr 2007 mit einem Defizit von 0,3% des BIP fast schon ein ausgeglichenes Budget haben. Frankreich indes könnte eine Defizitquote von 2,5% aufweisen. Wenn der Aufschwung der Weltwirtschaft ins Stocken gerät, wird Frankreich von neuem den Stabilitäts- und Wachstumspakt verletzen wie schon in den Jahren 2002, 2003 und 2004.

Was erklärt die Unterschiede in der Konjunkturentwicklung der beiden Länder? Unter den möglichen Erklärungen ist die unterschiedliche Spezialisierung beider Länder an erster Stelle zu nennen. Während Frankreich sich auf die Herstellung von Konsumgütern, vor allem Nahrungsmittel und Pharmazeutika, spezialisiert hat, ist Deutschland der führende Exporteur von Investitionsgütern. Da der gegenwärtige Boom der Weltwirtschaft größtenteils von der Nachfrage nach Investitionsgütern, und weniger von der Nachfrage nach Konsumgütern, getragen wird, profitiert nur Deutschland in vollem Maße von ihm. Deutschland ist das Land, bei dem der Rest der Welt seine Maschinen einkauft.

Deutschland hat 450 Weltmarktführer bei industriellen Nischenprodukten und weitere 500 Unternehmen in der Top-Drei-Kategorie. In Deutschland finden 15 der 20 weltweit größten Messen statt, wenn man die Ausstellungsfläche in der Halle als Maßstab nimmt. Und das Land ist bekanntlich Weltmeister bei den Güterexporten. Kein Wunder, dass das deutsche Wirtschaftswachstum anzieht, wenn die weltweite Nachfrage nach Kapitalgütern in die Höhe schießt.

Natürlich hat Deutschland auch weiterhin eine Menge Probleme. Das Land verwandelt sich schrittweise in eine Basar-Ökonomie, indem es seine Werkbänke in die Niedriglohnländer des ehemaligen Ostblocks verlagert. Dies ist auch einer der Gründe, warum der Aufschwung des Jahres 2006 nicht zu zusätzlichen Arbeitsplätzen in der deutschen Industrie geführt hat und warum Deutschland immer noch den bedenklichen Titel des Weltmeisters bei der Arbeitslosigkeit der niedrig Qualifizierten trägt.

Zwar wird sich die französische Wirtschaft mittelfristig vermutlich wieder stabilisieren, weil sie über solidere inländische Sektoren verfügt als die deutsche, doch profitiert Deutschland definitiv mehr vom gegenwärtigen Konjunkturaufschwung als Frankreich.

Vielleicht lag der Fehler der französischen Politik darin, die kleinen und mittelständischen Firmen zu vernachlässigen und sich zu sehr auf die staatlich kontrollierten Megaunternehmen zu spezialisieren. Airbus, Renault, Crédit Lyonnais und Alstom sind allseits bekannte Beispiele für fehlgeschlagene Industriepolitik, die französische Steuergelder verschwendet hat und eng mit dem Namen Sarkozy verbunden ist.

Das eigentliche Problem Frankreichs ist die hohe Zahl staatseigener Unternehmen, die zwar sehr geschäftig, aber nicht sonderlich erfolgreich auf ihren Märkten agieren. In Frankreich arbeiten 25% der abhängig Beschäftigten im Staatssektor, in der EU-15 sind es 19% und in Deutschland gar nur 12%. Die französische Staatsquote beträgt 54%, die deutsche nur 44%.

Immerhin 7% der französischen Wähler stimmen für Trotzkisten und Kommunisten, und die Sozialisten, deren Kandidatin bei der letzten Wahl 27% der Wählerstimmen auf sich vereinigen konnte, sind um einiges linkslastiger als die deutschen Sozialdemokraten. Mit Ausnahme Italiens ist Frankreich das Land mit der größten Linksorientierung der Bevölkerung und der Politik. Der staatliche Interventionismus ist dort populärer als in den meisten anderen europäischen Ländern. Und insofern, als die Linkslastigkeit zu politischen Verhältnissen geführt hat, in denen kleine und mittelständische Unternehmen nicht florieren konnten, hat sie zu den französischen Wirtschaftsproblemen beigetragen.

Es bleibt abzuwarten, ob der neue französische Präsident das Steuerrad herumreißen und das Land auf Erfolgskurs bringen kann. Sarkozy wird vermutlich einiges zur Erhöhung der Flexibilität des französischen Arbeitsmarktes tun, was für einen strukturellen Wandel und die Expansion kleiner Firmen unerlässlich ist. Aber er wird die schwerfälligen französischen Giganten wahrscheinlich auch weiterhin mit Steuergeldern päppeln, wie er es in der Vergangenheit allzu oft getan hat.

Hans-Werner Sinn
Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft
Präsident des ifo Instituts

Revidierte Version. Erschienen unter dem Titel "Sarkozys geringe Chancen", Die Welt, Nr. 110, 12. Mai 2007, S. 14; darüber hinaus veröffentlicht in Les Echos (Mali), The Australian Financial Review (Australien), The Japan Times (Japan), The Korea Herald (Südkorea), Udriin Sonin (Mongolei), Daily Times (Pakistan), The Straits Times (Singapur), Taipei Times (Taiwan), Die Presse (Österreich), L’Echo (Belgien), De Tijd (Belgien), Dnevnik (Bulgarien), Arpaev (Estland), Vilaggazdasag (Ungarn), Logos Press (Moldawien), Het Financieele Dagblad (Niederlande), Danas (Serbien), Finance (Slowenien), Expansion (Spanien), L’Agefi (Schweitz), Turkish Weekly (Türkei), The Scotsman (Großbritannien), El Cronista (Argentinien), El Siglo XXI (Guatemala), Ultima Hora (Paraguay), Jordan Times (Jordanien), Al Eqtisadiah (Saudi-Arabien), Duowei Times (USA), The New York Sun (USA).


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