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ifo Standpunkt

ifo Standpunkt Nr. 79: Weltmeister im Schrumpfen

München, 08. November 2006

Das deutsche Volk schrumpft am schnellsten von allen und weiß es nicht. Die Schrumpfungsrate der in Deutschland ansässigen Bevölkerung, ohne Berücksichtigung der Migration, lag in den Jahren 2000 bis 2005 bei 0,18 % pro Jahr, was der höchste Wert aller westlichen Länder war. Berücksichtigt man die Migration, so wird aus dem Rückgang zwar ein leichter Zuwachs von 0,09 % pro Jahr, aber auch dieser Wert ist der niedrigste unter allen westlichen Ländern.

Die Ursache liegt nicht in einer hohen Sterberate, sondern einer extrem niedrigen Geburtenrate. Mit nur 8,5 Neugeborenen pro 1000 Einwohnern und Jahr ist Deutschland das Schlusslicht in der OECD-Geburtenstatistik. Kein westliches Volk hat im Verhältnis zu seiner Größe so wenig Kinder wie die Deutschen.

Die Deutschen wissen dies nicht, weil sie die Geburtenstatistiken falsch interpretieren. Sie lassen sich nämlich durch die sogenannten Fertilitätsraten blenden. In der Tat: Zwar hatte in Deutschland eine Frau im Jahr 2004 im Schnitt nur 1,37 Kinder, 0,71 weniger als die 2,08, die zum Erhalt der Bevölkerung notwendig sind. Aber in Italien und Spanien lag der Durchschnitt noch niedriger, nämlich bei 1,33 bzw. 1,32, und Japan kommt gar nur auf 1,29 Kinder.

Die Fertilitätsrate misst aber nicht, wie viel Kinder jedes Jahr geboren werden, sondern nur, wie viele Kinder eine Frau hat. Deutschland schrumpft nicht nur deshalb so schnell, weil seine Frauen nicht gebärfreudig sind, sondern auch, weil es nur noch wenige Frauen im gebärfähigen Alter hat. Hier zu Lande fiel nämlich die Fertilitätsrate bereits in den frühen siebziger Jahren, eher als anderswo. Die italienische Rate fiel etwa sieben Jahre nach der deutschen und die spanische nochmals vier Jahre später. Die deutschen Baby-Boomer, die Mitte der sechziger Jahre geboren wurden, sind heute schon über vierzig, und die Gruppe der Dreißigjährigen, die Mitte der siebziger Jahre geboren wurde, ist bald um die Hälfte dünner besetzt. Die Kombination aus einem sehr niedrigen Anteil von Frauen im gebärfähigen Alter und einer ebenfalls sehr niedrigen Geburtenzahl pro Frau ist in dieser Form einzigartig auf der Welt. Sie erklärt die deutsche Schwindsucht.

Natürlich ist dieses Bild nur eine Momentaufnahme, ähnlich wie die Wachstumsrate einer Volkswirtschaft auch nur die momentane Dynamik darstellt. In einigen Jahren könnten andere Völker schneller schrumpfen als wir. Italien und Spanien gehören zur Gruppe jener Länder, an die Deutschland seinen unrühmlichen Rekord vermutlich abgeben wird. Aber heute schrumpfen wir nun mal schneller als die anderen.

Man kann nur spekulieren, warum es zu dem frühen Rückgang der Fertilitätsraten kam, der die heutige Schrumpfweltmeisterschaft erklärt. Es gibt viele mögliche Gründe. Ein nahe liegender ist, dass die Anti-Baby-Pille in Deutschland früher als anderswo Verbreitung fand. Schließlich wurde die Pille von der deutschen Firma Schering erfunden. Ein zweiter Grund ist die Achtundsechziger Revolution, die eine Abkehr von den traditionellen Werten der Gesellschaft im Hinblick auf die Rolle der Frau und der Familie bedeutete. Die Revolution fand zwar auch in Frankreich statt, aber die Franzosen tun extrem viel für Familien mit jungen Kindern, so dass dieser Effekt nicht so durchschlagen konnte.

Ein dritter Grund liegt in der deutschen Geschichte: Von den verlorenen Kriegen demoralisiert haben die Deutschen den Glauben an sich und ihre Zukunft verloren. Bedenkt man, dass auch die Kriegsverlierer Italien und Japan sowie das ehemals faschistische Spanien zu den Schlusslichtern der Geburtenstatistiken gehören, so kann man auch hier einen gewissen Effekt vermuten.

Ein vierter Grund ist die Rentenversicherung. Die Rentenversicherung sozialisiert die Früchte der Investition in die eigenen Kinder, weil sie die Beiträge, die diese Kinder als Erwachsene zur Versorgung der Alten zur Verfügung stellen, unter allen alten Menschen, auch den Eltern anderer Kinder und den Kinderlosen, verteilt. Da Deutschland die Rentenversicherung erfunden und früher als andere eingeführt hat, wundert es nicht, dass die Menschen hier eher als anderswo gelernt haben, dass man besser fährt, wenn man sich im Alter von den Kindern anderer Leute ernähren lässt, anstatt selbst Kinder großzuziehen.

Der Weg in die Kinderlosigkeit ist vorübergehend recht angenehm für ein Volk. Die Kraft der Frauen wird für die Erzeugung von Markteinkommen verwendet, und der Lebensstandard vervielfacht sich. Mit zwei Einkommen und ohne Kinder ist das Pro-Kopf-Einkommen fünfmal so hoch wie mit einem Einkommen und drei Kindern. Die Investition in die Zukunft der Gesellschaft, die die Erziehung von Kindern bedeutet, weicht dem Gegenwartskonsum. Hinzu tritt die Genugtuung jener Frauen, die sich nun endlich vom Joch der Mutterschaft befreit fühlen und den Rollenwechsel in die Erwerbsarbeit als Selbstverwirklichung verstehen. Die große Party kann steigen.

Freilich kann sich ein Volk eine solche Party nur einmal leisten. Danach muss die Zeche bezahlt werden, und Katerstimmung ist angesagt. Rentenkrise, Altersarmut und wirtschaftliche Stagnation sind die unvermeidbaren Konsequenzen. Das neue deutsche Gesellschaftsmodell hat viele Befürworter, aber keinen Bestand. Die Evolution und Selektion der Gesellschaftsmodelle ist weltweit in vollem Gang, und schon heute ist klar, dass das deutsche Modell mit den Deutschen sterben wird. Befindlichkeiten und ideologische Prädispositionen können daran nichts ändern.

Hans-Werner Sinn
Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft
Präsident des ifo Instituts

Erschienen unter dem Titel "Einmalige Party“, Wirtschaftswoche, Nr. 35, 28. August 2006, S. 138.


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