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ifo Standpunkt

ifo Standpunkt Nr. 77: Tourismusweltmeister Deutschland

München, 1. August 2006

Die Weltmeisterschaft beim Fußball haben wir nicht geschafft, und dass die Exportweltmeisterschaft eine Ente ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Vorne liegen wir bekanntlich nur, wenn man von den Exporten die Dienstleistungen abzieht und sich auf den Teil der exportierten Leistungen beschränkt, die man mit den Händen fassen kann. Weder die Exporte von SAP noch die Auslandsverkäufe der deutschen Ingenieurbüros darf man mitrechnen.

Dafür ist Deutschland aber Weltmeister beim Tourismus. Mit einem Import touristischer Dienstleistungen in Höhe von 73,2 Mrd. Dollar lag Deutschland im Jahr 2005 vor den USA, die auf 69,2 Mrd. Dollar kamen, und das, obwohl in den USA dreieinhalb mal so viele Menschen wie in Deutschland leben. Von den Bahamas bis Bahrein, von Phuket bis Panama, vom Nordkap bis zum Kap der guten Hoffnung reichen die Routen der deutschen Urlauber.

Trotz des miserablen Wachstums und trotz der Massenarbeitslosigkeit lassen es sich die Deutschen gut gehen. Kein anderes entwickeltes Volk dieser Erde hat in Relation zu seiner Größe so wenig Kinder, keines schrumpft so schnell wie das deutsche. Doch kein Volk gibt so viel Geld für Auslandsreisen aus wie wir. Die Deutschen investieren nicht mehr in ihre Zukunft, sondern genießen die Gegenwart. Rastlos durchkreuzen die deutschen Luxusliner die Weltmeere, die Lufthansa strebt von einem Gewinnrekord zum anderen, und die deutsche Sprache dringt in die letzten Paradiese diese Erde vor.

Man fragt sich, was die Gründe für den Tourismusboom sein mögen.

Ein erster Grund könnte sein, dass wir trotz der aktuellen wirtschaftlichen Probleme immer noch vergleichsweise hohe Einkommen haben. Dieser Grund verliert aber an Bedeutung, bedenkt man, dass wir nur noch Mittelmaß unter den europäischen Ländern sind. Nicht nur die Engländer und Franzosen haben uns beim Pro-Kopf-Einkommen überholt, auch die Iren, die Österreicher und die Holländer.

Ein zweiter Grund liegt vermutlich in den langen Ferienzeiten. Mit etwa 6 Wochen Urlaub gehört Deutschland zur Spitzengruppe der Welt, zwar hinter Schweden, Holland und Dänemark, doch vor dem Durchschnitt Westeuropas und vor Ländern wie Frankreich und England, wo man nur 5 Wochen zur Verfügung hat.

Ein dritter Grund liegt in der Einkommensverteilung. Wenngleich die durchschnittlichen Einkommen im internationalen Vergleich nicht hervorstechen, tun es doch die Einkommen derer, die über reichlich Zeit für Ferien verfügen. Die deutschen Rentner sind besser gestellt als die Rentner fast aller anderen Länder dieser Erde. Sogar die Rentner der neuen Bundesländer verfügen über Spitzeneinkommen, die denen ihrer westdeutschen Landsleute um keinen Deut nachstehen. Ja, pro Kopf liegen die gesetzlichen Renten in Ostdeutschland sogar um ein Zehntel über den Westrenten. Auch die Arbeitslosen, die über viel freie Zeit verfügen, werden in Deutschland nicht gerade knapp gehalten. Und selbst Studenten, die fünf Monate im Jahr Semesterferien haben, können in der Regel auf ein stattliches Transfereinkommen zurückgreifen. Insgesamt sind in Deutschland 41% der Erwachsenen Empfänger staatlicher Transfers. Geld und Zeit für Ferien im Ausland ist zur Genüge vorhanden. Der breite Gürtel von Hotels am Südrand Europas, von Teneriffa über Mallorca bis nach Rhodos, wäre ohne das Geld der deutschen Sozialsysteme so nicht entstanden.

Man fragt sich allerdings, warum die Deutschen ihren Urlaub im Ausland statt im Inland verbringen. Gerade auch die, die sich den Urlaub aus ihren Transfereinkommen gerade noch leisten können, zieht es in die Ferne.

Das mag am Wetter liegen, das anderswo meistens besser ist. Aber die deutschen Sommer werden dank des Global Warming auch immer schöner. Wärmer will man es gar nicht mehr haben.

Der wichtigere Erklärungsgrund liegt in den Lohnstrukturen. Touristen kaufen Dienstleistungen, und der Preis solcher Dienstleistungen hängt unmittelbar vom Lohn und den staatlichen Abgaben ab. Deutschland hat eine im internationalen Vergleich sehr stark eingeebnete Lohnstruktur mit extrem hohen Lohnkosten für einfache Dienstleistungen. Das hat die Binnennachfrage nach diesen Dienstleistungen kaputt gemacht.

Die Lohnkosten sind selbst das Ergebnis der staatlichen Transferleistungen. Einerseits erzwingen diese Transferleistungen die Abgaben, die die Arbeit verteuern. Andererseits schaffen sie eine staatliche Lohnkonkurrenz, die die Marktlöhne für einfache Serviceleistungen nach oben treibt. Die Transferleistungen sind in aller Regel als Lohnersatz definiert, fließen also nur dann in vollem Umfang, wenn man nicht arbeitet, und versiegen in dem Maße, wie man es tut. Sie bilden eine Lohnuntergrenze im Tarifgefüge, die die gesamte Lohnverteilung von unten her hochgedrückt und zusammengestaucht hat.

Die Transferzahlungen des Staates haben Massenkaufkraft geschaffen, aber zugleich haben sie die einfache Arbeit verteuert und damit die Nachfrage nach touristischen Dienstleistungen ins Ausland gelenkt. Dies ist die einfache Erklärung für die Weltmeisterschaft beim Tourismus.

Die Erhöhung der Löhne für einfache Arbeit ist auch die Erklärung dafür, dass sich die Kundschaft der deutschen Feriengebiete gewandelt hat. Während sich der Massentourismus von Deutschland abgewendet hat, nehmen die besser Verdienenden nach wie vor die hochwertigen Leistungen der deutschen Hoteliers in Anspruch. Früher konnten sich nur reiche Leute den Urlaub auf Mallorca leisten. Arme Leute fuhren, wenn überhaupt, gelegentlich einmal an die Nordsee oder in die Alpen. Heute ist es umgekehrt. Die Reichen dinieren in Norderney oder Garmisch, doch die Massen müssen nach Mallorca.

Hans-Werner Sinn
Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft
Präsident des ifo Instituts

Erschienen unter dem Titel "Sylt oder Mallorca", Wirtschaftswoche, Nr. 31, 31. Juli 2006, S. 138.


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