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ifo Standpunkt Nr. 67: Fünf Schocks, die Deutschland zum Schlusslicht machten

München, 04. August 2005

Während des vergangenen Jahrzehnts hatte die deutsche Volkswirtschaft das niedrigste Wachstum in der Europäischen Union, und Europa war der Kontinent mit der langsamsten Wirtschaftsentwicklung weltweit. Zwischen 1995 und 2005 ist die deutsche Wirtschaft lediglich um 14,6% gewachsen, während die alte EU 24%, die USA 39,9% und die Weltwirtschaft 45,6% erreichten. Warum läuft es in Deutschland derart schlecht?

Nach einer Theorie, wie sie etwa der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering vertritt, ist Deutschland bereits dort angekommen, wo alle anderen erst hinwollen. Das niedrige Wachstum in Deutschland, so Müntefering, sei ein Zeichen natürlicher Konvergenz.

Diese Theorie kann jedoch nicht überzeugen. So wurde Deutschland in letzter Zeit von einer Reihe von EU-Ländern beim Pro-Kopf-Einkommen überholt – darunter von Irland, Großbritannien, den Niederlanden und Frankreich –, doch noch immer ist das Wachstum in Deutschland geringer als in all diesen Ländern.

Eine andere, plausiblere Theorie besagt, dass während der vergangenen fünfzehn Jahre verschiedene externe Herausforderungen oder Schocks das Land gleichzeitig trafen. Unbeweglich auf Grund seines ausufernden Wohlfahrtssystems und eines überregulierten Arbeitsmarktes war Deutschland nicht in der Lage, auf diese Schocks zu reagieren, und geriet so in eine Krise. Diese Theorie erinnert ein wenig an die Ideen des britischen Historikers Arnold Toynbee, wonach Weltreiche deshalb zusammenbrechen, weil sie unfähig sind, externe Herausforderungen zu meistern.

Der erste Schock war die sich verstärkende Globalisierung, die eine massive Konkurrenz aus Niedriglohnländern brachte. Obwohl die Globalisierung allmählich vor sich geht, gewann sie deutlich an Kraft, als China auf den Weltmärkten erschien. China ist zehn Mal so groß wie Japan, und schon die Herausforderung durch Japan war nicht leicht zu bewältigen. Die deutsche Feinmechanik und Optik zum Beispiel verloren ihren Wettbewerbsvorsprung, als Japan auf den Plan trat.

Der zweite Schock war die europäische Einigung einschließlich der nördlichen und südlichen EU-Erweiterungen. Die Aufhebung der Binnengrenzen der EU vergrößerte das Marktgebiet für jedes Land und führte zu den Skaleneffekten, wie sie im Cecchini-Bericht vorhergesagt waren. Dies jedoch nutzte den kleinen Ländern Europas mehr als den großen – und bedeutete mehr Konkurrenz für Deutschland, Europas größter Volkswirtschaft.

Man denke etwa an Nokia, den Produzenten von Mobiltelefonen. Dank der Skaleneffekte des Gemeinsamen Marktes konnte Nokia seine Erfindungen im vollen Umfang zur Geltung bringen, während Siemens, der deutsche Hersteller von Mobiltelefonen, vor kurzem beschloss, sich aus dem Handymarkt zurückzuziehen.

Der dritte Schock ging vom Euro aus, der zu einer dramatischen Konvergenz der langfristigen Zinsen in Europa führte. Diese hatten in einigen Ländern zwischen fünf und sieben Prozentpunkte über dem deutschen Zinsniveau gelegen. Vom Währungsrisiko befreit, verlangten internationale Anleger von diesen Ländern nun keinen Risikoaufschlag mehr, sondern waren bereit, ihnen Finanzmittel zu denselben günstigen Bedingungen zur Verfügung zu stellen, die zuvor Deutschland vorbehalten waren.

Dies ist gut für Europa, denn es führt zu einer besseren Verwendung des Kapitals und kurbelt das Wachstum an, da deutsche Spareinlagen nun ihren Weg in abgelegene und vorher benachteiligte Regionen der Eurozone finden. Für die deutschen Arbeitnehmer jedoch, die ebenfalls gern mit diesem Kapital gearbeitet hätten, ist dies ein fragwürdiger Vorteil.

Der vierte Schock war die Osterweiterung, die außergewöhnliche Handels- und Anlagechancen im Osten eröffnete, zugleich aber eine massive Niedriglohnkonkurrenz mit sich brachte. Die Lohnkosten in den zehn Ländern, die 2004 der EU beitraten, betragen im Durchschnitt lediglich 14% des westdeutschen Niveaus. Die Niedriglohnkonkurrenz hat zu erheblichen Arbeitsplatzverlagerungen und Offshore-Aktivitäten geführt. Diese ließen deutsche Firmen konkurrenzfähig bleiben, indem sie ihren Bedarf an deutschen Arbeitskräften verringerten. Doch da weder die deutschen Gewerkschaften noch der Wohlfahrtsstaat fallende Löhne akzeptierten, waren höhere Arbeitslosigkeit und ein niedrigeres Wirtschaftswachstum die Folge.

Der fünfte Schock war die deutsche Wiedervereinigung, die in wirtschaftlicher Hinsicht ein Fehlschlag war. Das ostdeutsche BIP je Person im erwerbsfähigen Alter lag 1996 bei 61% des westdeutschen Niveaus; nun sind es 59%. Das niedrige Wirtschaftswachstum im östlichen Teil des Landes senkt den landesweiten Durchschnitt, während die enorme Nachfrage nach öffentlichen Mitteln im Osten die Staatsverschuldung steigen lässt. Die schwache Finanzlage ihrerseits hat das Vertrauen der Investoren unterminiert – mit offensichtlichen Auswirkungen für das Wirtschaftswachstum.

Alle fünf Schocks stellen historische Entwicklungen dar, die gut für die Welt insgesamt sind, aber problematisch für Deutschland. Damit das Land die Herausforderungen bewältigen und weiter wachsen kann, müsste es seinen Arbeitsmarkt flexibilisieren. Nur wenn die Löhne nach unten angepasst werden, um dem neuen internationalen Umfeld gerecht zu werden, können die deutschen Arbeitnehmer wieder konkurrenzfähig werden. Nur dann kann das Land zu einem höheren Beschäftigungsniveau zurückkehren, bei dem seine Arbeitskraft vollständig genutzt wird.

Die neue Bundesregierung, die die Deutschen aller Wahrscheinlichkeit nach im September wählen werden, steht vor der schwierigen Aufgabe, die Bevölkerung mit der tatsächlichen Lage zu konfrontieren und die notwendigen Reformen durchzusetzen. Erst dann werden wir erkennen, ob Deutschland die Toynbeesche Herausforderung bewältigt, die sich dem Land stellt.

Hans-Werner Sinn
Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft
Präsident des ifo Instituts

Erschienen unter dem Titel "Gut für die Welt“, Die Welt, Nr. 179, 3. August 2005, S. 9; ferner u.a. Der Standard, 29.7.2005.


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