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ifo Standpunkt

ifo Standpunkt Nr. 45: Neue Inflationsziele der EZB

München, 21. Mai 2003

Parturiunt montes, nascetur ridiculus mus. Die lange angekündigte Neuformulierung der Politik der EZB, von der Großes erwartet wurde, hat ein kümmerliches Ergebnis gebracht. Nichts außer ein paar Lippenbekenntnissen kam heraus. Die Obergrenze für die Euro-Inflation, die die EZB bislang schon bei 2% gesteckt hatte, bleibt erhalten. Man will nur ein bisschen näher an diese Grenze heranrücken, was immer das heißen mag. Für Deutschland ist das eine schlechte Nachricht, denn unserem Land ginge es sehr viel besser, wenn den anderen Euroländern eine gute Dosis Inflation verabreicht werden könnte.

Deutschland braucht dringend mehr Toleranz der EZB gegenüber der durchschnittlichen europäischen Inflationsrate, weil die Spannweite der Inflationsraten im Euro-Raum noch immer sehr hoch ist und Deutschland neben Frankreich aus strukturellen Gründen die niedrigste Inflationsrate hat. Die Spannweite der europäischen Inflationsraten lag im Durchschnitt der ersten vier Jahre nach Einführung des Euro immerhin bei 2,7 Prozentpunkten. Während Irland eine Inflationsrate von 4,1% hatte, betrug die deutsche Inflationsrate nur 1,4%. Die hohe Spannweite ist kein Zufall, sondern hat systematische Gründe, die auf absehbare Zeit erhalten bleiben. Zwar haben alle Länder bereits sehr ähnliche Preise bei den gehandelten Waren, doch sind die Preise bei den nicht gehandelten Waren und Dienstleistungen wie z.B. Mieten, Baumaterialien und Leistungen von Handwerkern und Gastwirten noch sehr unterschiedlich. Das ist insbesondere auf die Unterschiede beim Lohnniveau zurückzuführen, die selbst wiederum aus Unterschieden beim Entwicklungsstand erklärt werden können. Im Zuge der realwirtschaftlichen Konvergenz, die während der nächsten zwei Jahrzehnte kräftig voranschreiten wird, werden die Löhne der heute noch rückständigen Länder aufholen, und mit ihnen werden die Preise der nicht gehandelten Waren und Dienstleistungen Anschluss an die entsprechenden Preise in den schon weiter entwickelten Ländern finden, was eine überdurchschnittliche Inflationsrate für diese Länder bedeutet.

Die Inflation der Niedriglohnländer ist ein natürlicher und wünschenswerter Anpassungsprozess der relativen Preise, dem gegenüber die Geldpolitik tolerant sein sollte, zumal sie durch den Euro selbst befördert wird. Der Euro hat eine Konvergenz der Zinsen in Europa hervorgebracht und die realen Kapitalkosten insbesondere in den Ländern gesenkt, die bislang schwache Währungen hatten und hohe Risikoprämien im Zins zahlen mussten. Der Euro stimuliert deshalb in diesen Ländern die Kapitalinvestitionen, fördert das reale Wachstum, beschleunigt den Lohnauftrieb und erhöht so die Geschwindigkeit der Preisanpassung.

Versucht die EZB, die Anpassungsinflation der Niedriglohnländer durch eine restriktive Geldpolitik zu behindern, die sich an einem ehrgeizigen Ziel für die durchschnittliche Inflationsrate orientiert, so trifft sie damit auch die Hochlohnländer und zwingt sie in den Bereich sehr niedriger Inflationsraten hinein. Wegen der verbreiteten Starrheit der Preise und Nominallöhne nach unten ist es für eine Volkswirtschaft immer gut, wenn sie ein gewisses Maß an Inflation aufzuweisen hat, denn dann fällt es den schwächeren Firmen und Branchen leichter, ihre realen Löhne zu senken, ohne dass es nominaler Senkungen bedarf. Wenn die Inflationsrate zu gering ist, sind die betroffenen Sektoren zu lange hohen realen Löhnen ausgesetzt mit der Folge, dass sich die Bankrotte häufen und es zu Massenentlassungen kommt. Deutschland und Frankreich sind die ersten Opfer dieses Phänomens, denn sie haben hohe, ja für eine wachsende Zahl von Unternehmen zu hohe Löhne. Außerdem haben sie mit der Einführung des Euro ihren Zinsvorteil gegenüber den meisten anderen Euroländern verloren.

Die beiden Länder sind auch insofern betroffen, als der Euro etwas zu früh eingeführt wurde, nämlich zu einem Zeitpunkt, zu dem die D-Mark und der Franc ihre einigungsbedingte Aufwertung im Gefolge der Krise von 1992 noch nicht verdaut hatten. Die zur Wiedererlangung der Wettbewerbsfähigkeit notwendige Zurückhaltung bei den deutschen und französischen Löhnen ließe sich leichter realisieren, wenn die EZB im Durchschnitt der europäischen Länder eine höhere Inflation erlauben würde. Die Länder könnten dann nämlich durch die bloße Zurückhaltung bei weiteren Lohn- und Preissteigerungen wieder preisgünstiger werden. Sie könnten so den gleichen Effekt herbeiführen, wie er bei getrennten Währungen durch eine Abwertung erzielbar wäre. Ohne eine Lockerung der Geldpolitik wäre ein solcher Abwertungseffekt, wenn überhaupt, so nur sehr langsam erreichbar, da es prohibitive Widerstände gegen eine Senkung der nominalen Löhne gibt.

Es wird manchmal auf das amerikanische Beispiel verwiesen und argumentiert, die EZB solle sich nicht an länderspezifischen Inflationsraten orientieren, sondern nur auf den Durchschnitt der Euroländer schauen, weil sich auch die amerikanische Notenbank nicht für die Inflationsraten in einzelnen Regionen oder Staaten interessiere. Diese Argumentation kann nicht überzeugen. Erstens ist der Euro im Gegensatz zum Dollar eine junge Währung, deren Währungsraum noch mitten in einem umfassenden realwirtschaftlichen Anpassungsprozess begriffen ist. Im Dollarraum sind solche Anpassungsprozesse schon vor langer Zeit abgeschlossen worden. Zweitens gibt es in Amerika keinen Wohlfahrtsstaat europäischer Dimension, der zur Preis- und Lohnstarrheit beiträgt. Der europäische Wohlfahrtsstaat bietet Lohnersatzeinkommen für Nicht-Arbeitende wie insbesondere die von früheren Einkommen abhängigen Arbeitslosengelder und die Sozialhilfe. Beide Typen von Lohnersatzleistungen sind in nominalen Geldeinheiten fixiert und stellen Untergrenzen für die nominale Lohnverteilung dar. Es kann deshalb nur dann zu Reallohnsenkungen bei den notleidenden Branchen kommen, wenn es eine Inflation gibt und somit der Realwert der Lohnersatzeinkommen erodiert. Zwar sind politische Reformen mit dem Ziel der Senkung der Lohnersatzeinkommen eine theoretische Alternative, aber sie stoßen auf außerordentlich große Widerstände, wie die Reaktion der Gewerkschaften auf die von Kanzler Schröder vorgeschlagene Abschaffung der Arbeitslosenhilfe zeigt.

Aus diesen Gründen sollte die EZB bis zum weitgehenden Abschluss des europäischen Konvergenzprozesses eine Inflationsrate von 2,5% für den Durchschnitt der Euroländer anpeilen und dabei zugleich darauf achten, dass kein Land in den Bereich einer Inflationsrate von weniger als 1,5% gedrückt wird. Die Streuung der Inflationsraten nach unten bedarf ihres besonderen Augenmerks, denn niedrige Inflationsraten einzelner Länder sind ein ziemlich sicherer Indikator für eine aus der Sicht dieser Länder zu restriktive Geldpolitik.

Hans-Werner Sinn
Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft
Präsident des ifo Instituts

Erschienen unter dem Titel "Die Euro-Bank sollte mehr Inflation akzeptieren", Financial Times Deutschland, 16./17.5.03, S. 19; vgl. auch "A shot of inflation would be good for Europe", Financial Times, 21.5.03, S. 15, und "2,5 Prozent sind besser", Süddeutsche Zeitung, 2.5.03, S. 20.


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