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Ifo Viewpoint

ifo Standpunkt Nr. 27: Über Völker, Betriebe und Volkswirte

München, 26. September 2001

Deutschland steht im Standortwettbewerb. Der Umbau des alternden Sozialstaates, die Harmonisierung des Steuersystems, die Reform des verkrusteten Arbeitsmarktes etc. stehen auf der Tagesordnung. Der Handlungsbedarf ist groß, und ebenso groß ist der Bedarf an sachkundiger Beratung durch gut ausgebildete Volkswirte. Die Welt besteht nämlich nicht nur aus Finanzmärkten und deren Analysten.

Der typische Volkswirt ist kein Unternehmens- oder Anlageberater, sondern ein Politikberater, der in der Lage ist, sich zu grundsätzlichen und praktischen Fragen der Wirtschaftspolitik zu äußern. Die Volkswirte waren nie im Elfenbeinturm zu Hause und sind es auch heute nicht. Sie leiten Staaten, Ministerien, Behörden und Forschungsinstitute. Sie beraten Regierungen, und sie stellen die tragenden Kräfte in den internationalen Organisationen wie beispielsweise der Weltbank, dem IWF oder der OECD. Häufig werden sie auch als Betriebswirte engagiert, wenn der Blick für das Ganze erforderlich ist. Aber klar: Da es weniger Völker als Betriebe gibt, werden auch weniger Volks- als Betriebswirte gebraucht.

Es stimmt, dass speziell die internationalen Organisationen händeringend nach deutschen Volkswirten mit angelsächsischen Abschlüssen suchen. Wer jedoch daraus schließt, dass die deutschen Volkswirte hinter dem Mond leben, der weiß nicht wovon er redet. Der typische Volkswirt fährt weitaus häufiger auf internationale Konferenzen als seine Kollegen aus der Juristerei oder der Betriebswirtschaftslehre, er publiziert sehr viel mehr in internationalen Zeitschriften und verfügt über deutlich mehr internationale Kontakte. Wenn es in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg einen Rückstand der deutschen Volkswirtschaftslehre im Vergleich zu anderen Ländern gab, so ist er inzwischen überwunden. Die jungen Fachvertreter schlagen sich mit Bravour auf dem internationalen Parkett und publizieren durchaus erfolgreich in den besten Journalen. Dabei sind nicht mehr nur die Assistenten gemeint, sondern auch die jungen Ordinarien, die dem Assistentenstatus entwachsen sind und den Fakultäten neuen Glanz gebracht haben.

Die Aufbruchstimmung und die Dynamik, die das Fach in den letzen Jahren kennzeichneten, haben sich vielleicht noch nicht überall herumgesprochen, aber sie sind doch bemerkenswert. Der Verein für Socialpolitik, der traditionsreiche, schon 1872 gegründete Fachverband der Volkswirte, kann sich mit der Qualität der über 200 Fachvorträge, die auf seiner Jahrestagung gehalten werden, inzwischen mit den besten internationalen Konferenzen messen. Der Verein prämiert die Präsentation auf internationalen Tagungen und den Erfolg bei internationalen Veröffentlichungen, er publiziert mit dem German Economic Review die drittgrößte Fachzeitschrift Europas, und auf über zwanzig jährlichen Ausschusstagungen diskutiert er die neuesten Forschungsprobleme des Faches.

Die großen Forschungsinstitute wie IfW, DIW oder ifo bringen sich aktiv und mit zunehmendem Erfolg in die internationale Diskussion ein. Das Münchner CESifo Research Network mit über 300 Forschern ist weltweit eines der größten Forschernetze von Ökonomen und auf jeden Fall jenes, dessen Publikationen von der SSRN-Homepage, der am meisten frequentierten Internetseite der Profession, am häufigsten heruntergeladen werden.

Nicht nur große Fakultäten wie Bonn, Berlin, Mannheim und München haben sich international Gehör verschaffen können, auch vielen kleinen ist es gelungen, sich auf Spezialgebieten zu profilieren. Frühzeitig haben die VWL-Fakultäten ihr Studienprogramm an die internationalen Erfordernisse angepasst. Sie haben an Ihren Universitäten Vorreiterrollen bei der Einführung von Credit-Point-Systemen, von Professorenbewertungen durch die Studenten sowie von Nachdiplomstudiengängen übernommen. Es ist mittlerweile üblich, dass der junge Volkswirt während seines Studiums ein Auslandsjahr verbringt, und zumindest in München gilt, dass der werdende Professor ein Jahr in Amerika unterrichtet haben sollte. Von einem Rückgang der Studentenzahlen kann deshalb dort nicht die Rede sein. Im Gegenteil, nur durch einen Numerus Clausus kann der Ansturm der Studenten im Griff gehalten werden.

Es ist kein Zeichen von Schwäche, sondern das Ergebnis einer vergleichsweise guten Ausbildung, dass junge Deutsche im Gegensatz zu ihren südeuropäischen Kommilitonen nicht so häufig in den USA oder in Großbritannien studieren müssen. Wer in Mannheim oder München studieren kann, muss nicht unbedingt ans MIT, um etwas zu lernen.

Hans-Werner Sinn
Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft
Präsident des ifo Instituts

Der Standpunkt erschien unter dem Titel (Unsere Universitäten bieten Qualität) in Financial Times Deutschland vom 26. September 2001, S. 32.


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