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Die Schuldner entziehen sich den Forderungen der Sparer

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, Xing Klartext, 28.10.2015

Nachzulesen unter www.xing.com

  • Es verliert derjenige, der nicht in Realkapital investieren kann
  • Gigantische Mengen an Sparkapital sind fehlgeleitet worden
  • Die Notenbanken treten als Konkurrenten der Sparer auf

Den Weltspartag in diesen Tagen zu feiern ist nicht angebracht. Eher sollte man trauern, denn die Nullzinspolitik der amerikanischen und europäischen Zentralbanken enteignet jenen Teil der Sparer dieser Welt, der nicht die Möglichkeit hat, in Realkapital zu investieren, und sein Geld den Sparkassen, Banken und Lebensversicherungen anvertrauen muss. Früher konnte jemand, der sein Leben lang gespart hat, davon ausgehen, dass er im Alter zweimal so viel Rente aus Zins und Zinseszins erhielt, wie er aufgrund seiner Sparanstrengung allein zur Verfügung gehabt hätte. Heute bleibt ihm häufig nur noch das Sparkapital selbst, und vielfach nicht einmal das, weil Inflation und Scheinzinsbesteuerung durch den Staat sogar Teile des Kapitals selbst vernichtet haben.

Begründet wird die Nullzins-Politik mit der angeblichen säkularen Stagnation der Weltwirtschaft, einem Zustand, in dem die Renditen des Realkapitals so niedrig sind, dass die Investitionen trotz Nullzinsen nicht anspringen. Es sei schon so viel investiert worden, dass die natürliche Rendite des Realkapitals inzwischen so weit gefallen ist, dass selbst bei Marktzinsen von Null keine hinreichende Risikoprämie mehr erwirtschaftet werden kann.

Politische Einflüsse machen Renditen zunichte

Diese Begründung ist nicht ganz falsch, sie übersieht aber die vielfachen politischen Einflüsse auf die Investitionsentscheidungen der Realwirtschaft, durch die die Renditen kaputt gemacht wurden. So waren die Banken der USA über Jahrzehnte hinweg gezwungen gewesen, als Ersatz für die fehlende Sozialpolitik des Staates armen Leuten Immobilienkredite zu geben (Community Reinvestment Act), die sie diese letztlich nicht zurückzahlen konnten. Das führte zur Subrime-Krise, die die Welt erschütterte. Und in Europa hat die dezentrale Konstruktion des Euro-Verbundes die Investoren dazu verleitet, ihr Geld bedenkenlos in Ländern mit geringer und schwindender Wettbewerbsfähigkeit zu investieren, weil sie zu Recht davon ausgingen, dass sie im Falle eines drohenden Konkurses der Banken und Staaten ihr Geld aus den nationalen Druckerpressen zurückbezahlt bekommen würden. So wurden gigantische Mengen an Sparkapital fehlgeleitet und zum Teil auch vernichtet. Das ist der tiefere Grund dafür, dass die Banken heute keine vernünftigen Renditen mehr erwirtschaften können.

Aus Verbündeten werden Konkurrenten

Unter dem starken Einfluss überschuldeter Staaten und Banken treten die Zentralbanken heute als Konkurrenz der Sparer auf, indem sie den Schuldnern in riesigem Umfang Kredite aus der Druckerpresse zu Nullzinsen zur Verfügung stellen, um so die drohenden Konkurse abzuwehren.

Angesichts dieser Verhältnisse ist den Sparern nicht zum nach Feiern zumute. In einer Welt, in der sich die Schuldner der Zentralbanken bemächtigen und mit den selbst definierten Billigstkonditionen die legitimen Forderungen der Sparer zu unterlaufen, ist der Weltspartag ein Anachronismus aus vergangenen Zeiten. Schafft doch diesen Gedenktag endlich ab!

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