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Freihandel für den Wohlstand

Presseartikel von Gabriel Felbermayr, Die Zeit, 27.02.2014, Nr. 10, S. 35

Die Kritik am künftigen Abkommen zwischen Europa und den USA ist überzogen. Beide Seiten könnten profitieren

Das transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) steht auf der Kippe, denn die Diskussion ist unsachlich - und geprägt von Sorgen um Datenkraken, Chlorhühnchen und Hormonfleisch. TTIP könnte europäische Errungenschaften im Verbraucherschutz gefährden.

Doch ein Scheitern wäre fatal. Noch heute gilt, was schon der Ökonom Adam Smith beschrieben hat: Freier Handel, also die internationale Arbeitsteilung, ermöglicht die Spezialisierung; wenn jeder das tut, was er am besten kann, steigert das den Wohlstand aller. Zugleich erleichtert Handel Innovationen, weil sich Forschung und Entwicklung auf globalen Märkten mit mehr Kunden schneller auszahlen. Und er verschärft den Wettbewerb unter den Unternehmen und sorgt so für sinkende Produktpreise.

Gemäß einer aktuellen Studie der Universität Chicago wäre das reale Pro-Kopf-Einkommen der Deutschen um bis zu 50 Prozent niedriger, wenn das Land keinen Zugang zu internationalen Märkten hätte. Der gegenseitige Abbau von Zöllen, bürokratischen Handelshemmnissen und unnötigen Vorschriften erhöht den Wohlstand der Nationen.

TTIP würde nur Europa und die Vereinigten Staaten von Schranken befreien. Doch beide stehen für rund ein Drittel des Welthandels. Eins sollte man jedoch nicht außer Acht lassen. Ein Abkommen wie TTIP schafft zwischen den Vertragspartnern zwar neuen Handel, reduziert aber den Handel mit Drittländern.

Es gibt bereits etwa 350 regionale Handelsabkommen. Ihre Effekte sind immer wieder analysiert worden. Ergebnis: Im Durchschnitt erhöhen die existierenden Abkommen den Handel zwischen den beteiligten Ländern um 40 bis 120 Prozent. Diese Schätzungen suggerieren, dass die Abkommen die Handelskosten zwischen den Partnerländern sehr deutlich gesenkt haben. Modellrechnungen des ifo Instituts zeigen zudem, dass mit dem TTIP das reale Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland langfristig um etwa fünf Prozent höher sein könnte als der Status quo. Das bedeutet, dass über einen Zeitraum von etwa 15 Jahren das jährliche Wachstum um 0,3 Prozentpunkte über jenem ohne Handelsliberalisierung läge.

Kritiker werfen den Befürwortern von TTIP vor, ein Märchen von einem Jobwunder zu erzählen. Die offizielle Kommunikation ist tatsächlich geradezu besessen von Beschäftigungseffekten. Die Hoffnung, dass TTIP die Beschäftigung steigern wird, ist aber berechtigt. Und selbst wenn TTIP keinen einzigen neuen Job schaffte, wäre das Abkommen zu begrüßen. Es würde nämlich die Kaufkraft der Löhne und anderer Einkommen erhöhen.

Zahlreiche Studien der OECD bestätigen, dass Wettbewerb auf den Produktmärkten die Arbeitslosigkeit mindert. Das Absenken von Handelsbarrieren sollte ähnliche Effekte entfalten. Selbst wenn kurzfristig Arbeitsplätze verloren gingen, schafft ein Handelsabkommen langfristig zusätzliche Jobs. Empirischen Schätzungen zufolge müsste die zunehmende Handelsverflechtung von Deutschland seit 1997 mit etwa einem Prozentpunkt zur Senkung der Arbeitslosigkeit beigetragen haben.

Ähnlich positive Effekte sollten wir von TTIP erwarten. Die Auswirkungen wurden vom ifo Institut mithilfe von Modellen beschrieben, die Arbeitsmarktunvollkommenheiten explizit modellieren. Am Ende sollte Deutschland mit 45 000 bis 180 000 neuen Jobs rechnen können. Das entspricht einer Senkung der Arbeitslosigkeit um bis zu 0,4 Prozentpunkte. Das ist kein Jobwunder. Aber es ist zynisch, so zu tun, als wären die zu erwartenden Effekte nicht spürbar.

Die beste Nachricht aber ist: TTIP schafft all das ohne die vielen umstrittenen Abreden, die derzeit so attackiert werden: Es braucht keine Abmachungen zu intransparenten Schiedsgerichten, vor die private Konzerne die Staaten zerren können. Die kommunale Daseinsvorsorge muss nicht privatisiert werden, und eine lückenlose gegenseitige Anerkennung von Produktzulassungen ist unnötig.

Eine Vielzahl bestehender Abkommen kommt ohne solche Bestimmungen aus und sorgt dennoch für eine erhebliche Absenkung der Handelskosten. TTIP muss nicht ambitionierter sein als andere Abkommen, um für handfeste Vorteile zu sorgen.

Noch sind die Unterhändler von TTIP extrem ehrgeizig, sie wollen offenbar einen Goldstandard für internationale Abkommen schaffen. Das ist übertrieben und schädlich. Es macht den Bürgern Angst und könnte dazu führen, dass das gesamte Abkommen am Ende vom Europäischen Parlament und dem US-Kongress gekippt wird. Die handfesten Vorteile blieben dann aus. Die Verhandler sollten sich in den nächsten Monaten darauf konzentrieren, ihre Zusammenarbeit in der Wettbewerbspolitik zu vertiefen, um die Verbraucher vor Monopolen in Europa und Amerika zu schützen.

Ein Abkommen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten, das die Zölle und zudem unsinnige Regulierungsunterschiede abschafft, sollte uns willkommen sein. Es würde unseren Wohlstand absichern. Es würde uns helfen, die großen Zukunftsaufgaben zu bewältigen: Die Energiewende, die demografische Alterung und Europas künftiges Wachstum.

Aber was über ein schlichtes und leicht verständliches Abkommen hinausgeht, bedarf einer sehr viel weiter gehenden Debatte und sollte erst in weiteren Abkommen in der Zukunft geregelt werden.

Sensible Themen, vor allem im Bereich Landwirtschaft und Lebensmittel gehören daher erst einmal ausgeklammert.

Gabriel Felbermayr ist VWL-Professor und leitet das Zentrum für Außenwirtschaft am ifo Institut in München

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