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Weltmeister beim Kapitalexport

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, Wirtschaftswoche, 20.01.2014, Nr. 4, S. 40

DENKFABRIK | Nach neuesten Zahlen hat kein anderes Land im vergangenen Jahr einen derart hohen Leistungsbilanzüberschuss erzielt wie Deutschland. Eine Trendwende ist auch 2014 nicht in Sicht. Wie kann das sein, wo doch die Wirtschaft unserer Handelspartner in Europa vielerorts lahmt?

Diese Zahlen werden die Debatte weiter anheizen: Nach aktuellen Berechnungen des ifo Instituts dürfte Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss 2013 mit 200 Milliarden Euro - das sind rund 7,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) - einen neuen Rekordstand erreichen. Abermals werden wir damit den wohl weltweit größten Überschuss vorweisen. Und eine Änderung ist nicht in Sicht: 2014 dürfte der Überschuss nach unserer Prognose gar bei 7,4 Prozent vom BIP liegen.

Angesichts des Umstandes, dass Deutschlands Kunden in Südeuropa großenteils weggebrochen sind, ist diese Entwicklung höchst verwunderlich und bedarf der Erklärung. Eigentlich hätte der ökonomische Zusammenbruch Südeuropas eine Verminderung der deutschen Überschüsse erwarten lassen.

In meiner vergangenen Kolumne für die WirtschaftsWoche habe ich auf den Zusammenhang zwischen Rettungskrediten und Exportüberschüssen hingewiesen. Die Rettungskredite flossen nach Südeuropa, wurden dort für die Tilgung von Auslandsschulden auch von Drittländern eingesetzt, und die Drittländer erwarben verstärkt deutsche Waren. Außerdem wurden weiter Importgüter aus Deutschland und dem Rest der Welt bezogen, wenn auch nicht so viele wie vorher.

ANSPRUCH AUF GÜTER

Meine Argumentation hat DIW-Präsident Marcel Fratzscher vor einer Woche bestritten, indem er den kausalen Zusammenhang zwischen dem öffentlichen Kapitalexport und der Leistungsbilanz leugnet. Deshalb noch einmal der Versuch, den Sachverhalt klarzustellen.

Der zentrale Punkt ist die Identität von Kapitalverkehr und Leistungsbilanz. Deutschland produziert Güter. Im Wert der produzierten Güter entstehen Einkommen. Einkommen sind Ansprüche auf Güter. Wenn wir die Ansprüche durch Konsum und Investition selbst realisieren, also wertmäßig so viel Güter absorbieren, wie wir erzeugen, ist die Leistungsbilanz ausgeglichen. Wenn wir mit unseren Ersparnissen Güteransprüche an Ausländer verleihen oder, wie man sagt, Kapital exportieren, fließen per saldo auch Güter dorthin. Es entsteht ein Leistungsbilanzüberschuss. Die Frage, ob die Kapitalströme die Leistungsbilanz determinieren oder umgekehrt die Leistungsbilanz die Kapitalbilanz, ist müßig. Beide messen denselben Vorgang.

Deutschland hat nach der Einführung des Euro viel Ersparnis und damit netto auch Güter exportiert, weil die Investitionsmöglichkeiten im Ausland attraktiver als im Inland zu sein schienen. Deshalb hatten wir unsere Leistungsbilanzüberschüsse. Als die Krise ausbrach und die Privaten beim Verleih weiterer Ersparnisse zögerlich wurden, sprang die Europäische Zentralbank (EZB) ein. Sie unterbot den Kapitalmarkt in Südeuropa mit ihren Refinanzierungskrediten und setzte ihre Politikparameter so, dass unsere Banken die Refinanzierungskredite, die sie selbst von der Bundesbank bezogen hatten, zurückzahlten, ja netto sogar Geld an die Bundesbank verliehen. Dann hat sie die Steuerzahler mit ihrem OMT-Programm gezwungen, den Sparern Geleitschutz beim Erwerb von Staatsanleihen der Krisenländer zu geben. Schließlich hat Deutschland sich an den fiskalischen Rettungskrediten der Staatengemeinschaft beteiligt. All diese Maßnahmen bedeuteten einen Transfer der deutschen Ersparnis über öffentliche Kanäle oder mit öffentlichem Schutz ins Ausland, nachdem der freiwillige private Transfer nur noch in geringem Umfang stattfand. Das sind Fakten, an denen nicht zu rütteln ist.

Die Kredithilfen der EZB und der Staatengemeinschaft zeigen sich nicht in einer positiven Korrelation zwischen dem deutschen Leistungsbilanzüberschuss und diesen öffentlichen Krediten - die öffentlichen ersetzten ja großenteils nur private Kredite. Außerdem kamen die privaten Kredite, die es noch und wieder gibt, zum Teil durch den öffentlichen Versicherungsschutz zustande.

Marcel Fratzscher schreibt, die von der EZB in Südeuropa zusätzlich ausgegebenen Kredite (er nennt sie "Liquidität") seien "von den Krisenländern eben nicht dafür genutzt (worden), deutsche Autos zu kaufen, sondern in erster Linie, um die Kreditvergabe an Unternehmen und private Haushalte aufrechterhalten zu können". Wo bitte soll der Widerspruch liegen, den das Wort "sondern" signalisiert? Die Aufrechterhaltung der Kreditvergabe durch die öffentlichen Ersatzkredite der EZB war es doch gerade, die Unternehmen und Haushalte in die Lage versetzte, weiter Importgüter zu kaufen. Es wurden wegen der öffentlichen Kredite nicht mehr Autos gekauft - aber ohne die Kredite hätten viel weniger gekauft werden können.

KREDIT ZURÜCKGEZAHLT

Der öffentliche Kreditersatz half den Südländern zudem, laufende ausländische Kredite zurückzuzahlen. Dies waren überwiegend Kredite aus Drittländern. Die Verfügungsrechte auf Waren, die Deutschland mit der Kreditvergabe abtrat, wanderten über die Krisenländer in diese Drittländer und finanzierten den Erwerb deutscher Güter. Dass in den vergangenen Jahren die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse gegenüber den Krisenländern fielen, doch gegenüber dem Rest der Welt stiegen, wie Fratzscher richtig bemerkt, dürfte genau hierin seine Ursache haben.

Hans-Werner Sinn ist Präsident des ifo Instituts und Ordinarius an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

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