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Der große Irrtum

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, Süddeutsche Zeitung, 31.10.2014, S. 26

All jene, die die Ökonomie heute kritisieren, haben sie in Wahrheit nicht verstanden. Denn Volkswirte glauben nicht an den perfekten Markt. Im Gegenteil: Wie Spürhunde suchen sie ständig nach dessen Fehlern.

Nils Goldschmidt hat es hier schon treffend gesagt: Die Volkswirtschaftslehre sollte sich stärker an der Politik orientieren und aufhören, ihre Studenten mit Mathematik zu erschlagen. Um Doubletten zu vermeiden, will ich das hier nicht vertiefen, sondern die Kritiker des Faches ansprechen, denn viele der von ihnen vorgetragenen Bedenken beruhen auf Missverständnissen und Unkenntnis.

 1. Die unsichtbare Hand

Besonders viel Kritik hat die „Theorie der unsichtbaren Hand“ geerntet, die auf den britischen Ökonomen Adam Smith (1776) zurückgeht und durch die Nobelpreisarbeit von Kenneth Arrow und Gérard Debreu (1954) für ideale Bedingungen bewiesen wurde. Danach sind Märkte in ihrem Ergebnis effizient, wenn vollständige Konkurrenz herrscht und die Eigentumsrechte klar geregelt sind.

Das klingt marktgläubiger, als es ist, denn der Mainstream der Volkswirtschaftslehre geht gerade nicht davon aus, dass die Idealbedingungen, unter denen die unsichtbare Hand funktioniert, stets erfüllt sind. Vielmehr dienen diese Bedingungen als Vergleichsmaßstab, um Marktfehler zu analysieren. Wie Spürhunde suchen Volkswirte die Wirtschaft nach Marktfehlern ab und überlegen, wie man diese Fehler durch kluge Staatseingriffe korrigieren kann. Dies zu übersehen ist das große Versäumnis der Kritiker.

Dabei gilt freilich die Regel, dass derjenige, der eine Staatsintervention fordert, den Marktfehler, den er korrigieren will, nachweisen muss. „So viel Markt wie möglich und nur so viel Staat wie nötig“ ist ein Motto, das diese Grundhaltung beschreibt.

Der Volkswirt ähnelt insofern einem Arzt. Auch ein Arzt muss wissen, wie ein gesunder Körper aussieht, denn sonst kann er Krankheiten nicht diagnostizieren und heilen. Ein guter Arzt greift nicht willkürlich in die Prozesse des Körpers ein, sondern nur, wenn er eine Krankheit im Sinne einer Abweichung von der Norm objektiv nachweisen kann und über eine wirksame Therapie verfügt.

2. Ökologie versus Ökonomie

Ein besonders wichtiges Beispiel für Marktversagen liegt im Umweltbereich. Effizient sind Märkte in der Regel, wenn die Einnahmen der Firmen alle Vorteile und die Kosten alle Nachteile Dritter korrekt abbilden. Ist dies der Fall, führt die Gewinnmaximierung zur Maximierung der gesellschaftlichen Wohlfahrt. Wenn freilich ein Teil der Nachteile der Produktion aus Umweltschäden besteht, für die ein Unternehmen nichts bezahlen muss, werden die Anreize verzerrt, und die Firmen entwickeln sich zu Dreckschleudern, die zwar Gewinne machen, doch volkswirtschaftlich ineffizient arbeiten. Eine Gebühr für den Umweltschaden oder ein Verbot kann den Missstand beseitigen.

Die volkswirtschaftliche Theorie hat sich seit Arthur Cecil Pigou (1920) intensiv mit der Umwelt beschäftigt und sah hier schon lange vor der Gründung grüner Parteien eines ihrer wichtigen Anwendungsfelder. Sie ist eben nicht nur die Lehre vom Geld, sondern genauso davon, wie wirtschaftliche Austausch- und Entscheidungsprozesse ohne Geld ablaufen. Es sträuben sich die Nackenhaare des Ökonomen, wenn in der Öffentlichkeit ein Widerspruch zwischen Ökologie und Ökonomie beschworen wird. Wie kann man unser Fach nur so grundlegend missverstehen!

3. Keynesianismus versus Neoklassik

Zu den möglichen Defekten, die Volkswirte bisweilen diagnostizieren, gehört die keynesianische Krankheit. Wenn die Nachfrage zu gering ist, kann dies – weil Löhne und Preise kurzfristig starr sind – zu einem abrupten Einbruch der Beschäftigung führen. So hat es einst John Maynard Keynes beschrieben. Die keynesianische Krankheit kann man mithilfe staatlicher, schuldenfinanzierter Konjunkturprogramme beheben. Das ist ähnlich wie bei einem Herzpatienten, dessen spontane Schwäche durch das Kauen einer Nitroglyzerinkapsel überwunden werden kann.

Anders als viele glauben, gibt es im Mainstream der Volkswirtschaftslehre heute keine grundlegende Abneigung gegen Keynes und dessen Medizin – nur wird die Medizin nicht als Allheilmittel angesehen. Viele andere Krankheiten, unter denen die Wirtschaft leidet, sind nämlich langfristiger, struktureller Natur und bedürfen daher anderer Therapien. Dafür liefert die neoklassische Theorie den umfassenden Analyserahmen. Ein Beispiel bieten die strukturellen Probleme der südeuropäischen Länder. Solche Probleme mit keynesianischer Rezeptur bekämpfen zu wollen, ist genauso unsinnig wie der Versuch, einen Knochenbruch mit einem Herzmedikament heilen zu wollen.

Nur wenn es einen Kreislaufkollaps gibt wie 2008, als die Konjunktur abrupt einbrach, bedarf es mal einer Nitrokapsel. Aber Vorsicht: Der Dauergebrauch kann tödlich enden.

4. Der Wettbewerb

Wettbewerb gehört zu den Grundvoraussetzungen, unter denen die unsichtbare Hand wirken kann, denn Monopole und Oligopole beuten die Konsumenten aus und beschränken die Produktion. Freilich ist nur der Wettbewerb zwischen Anbietern ähnlicher Leistungen gut. Wenn Anbieter komplementäre Leistungen anbieten, ist er schlecht, sogar noch schlechter als ein Monopol. Ein Beispiel bietet der Wettbewerb zwischen Gewerkschaften, die denselben Berufsstand innerhalb eines Unternehmens vertreten. Solche Gewerkschaften schädigen nicht nur das Unternehmen und dessen Kunden, sondern auch die Arbeitnehmer, weil sie den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Deshalb hat Andrea Nahles recht, wenn sie die Lokführer und Piloten mit allen anderen Arbeitnehmern der Betriebe in eine Monopolgewerkschaft zwingen will.

Auch der Standortwettbewerb zwischen Staaten ist im Regelfall nicht effizient, weil die Marktfehler, die die Staatsaktivitäten ursprünglich begründeten, auf der Ebene des Wettbewerbs der Staaten von Neuem aufzutreten pflegen. Beispiele sind der Abschreckungswettbewerb der Sozialstaaten gegenüber Armutsflüchtlingen, der Steuersenkungswettbewerb oder der Deregulierungswettbewerb bei Banken und Versicherungen.

Ideologen gibt es links wie rechts. Man muss sich auch vor jenen hüten, die das Wettbewerbsprinzip immer und überall in den Himmel heben.

5. Der Neoliberalismus

Linke benutzen den Begriff Neoliberalismus als Schimpfwort. Dabei gehen sie von der Auffassung aus, der Neoliberalismus sei die Lehre von der Deregulierung der Wirtschaft und vom Nachtwächterstaat. Das ist nicht richtig. Zwar hat die angelsächsische Presse die „Chicago Boys“, die unter Pinochet nach Chile kamen, um die Wirtschaft zu reformieren, als Neoliberale bezeichnet, aber der deutsche Begriff des Neoliberalismus hat eine gänzlich andere Bedeutung. Er stammt von Alexander Rüstow, der 1932 auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik das Ende des alten Liberalismus ausrief und stattdessen einen neuen Liberalismus mit einem starken Staat forderte, der den Firmen einen festen Rechtsrahmen vorgibt.

Der Begriff wurde 1938 auf einer Tagung in Paris, an der Rüstow teilnahm, international verbreitet. Er deckt sich mit dem Begriff des Ordoliberalismus, den später Walter Eucken benutzte. Die Fehlinterpretation des Neoliberalismus durch die Medien wurde vor Kurzem auch von Bundespräsident Gauck kritisiert.

6. Der Homo oeconomicus

Der Homo oeconomicus, der rational handelnde Egoist, den Volkswirte häufig bei ihren Analysen unterstellen, hat in letzter Zeit Kritik auf sich gezogen, weil er das wirkliche Verhalten der Menschen vielfach nicht gut abbildet. Experimente beweisen, dass die Prognosekraft dieser Kunstfigur begrenzt ist.

Aber der Homo oeconomicus dient gar nicht der Prognostik, sondern soll helfen, Marktfehler von Denkfehlern der Menschen zu trennen. Dem Volkswirt geht es darum, kollektiver Irrationalität nachzuspüren, und das gelingt am besten, wenn man in volkswirtschaftlichen Modellen unterstellt, dass die einzelnen Individuen rational handeln. Dieser „methodologische Individualismus“ stellt sicher, dass Maßnahmen, die die Politik ergreift, niemals mit der Fehlbarkeit des Menschen und dessen Irrationalität erklärt werden, sondern immer nur mit Fehlern der Spielregeln, unter denen der Mensch agiert. Dies schützt davor, in einen diktatorischen Paternalismus abzugleiten.

Der analytische Wert des Homo oeconomicus zeigt sich besonders deutlich bei der Zockerei der Banken, die mit zu wenig Eigenkapital arbeiten und riskante Ausleihungen vornehmen. Wenn Gewinne anfallen, werden sie privatisiert, und wenn Verluste anfallen, die das Eigenkapital übersteigen, macht man den Laden halt dicht und überlässt die verbleibenden Verluste den Gläubigern oder noch besser: Man lässt sich vom Steuerzahler retten.

Diese Asymmetrie verleitet zum Glücksspiel. Die Banken wählen besonders riskante Investitionsprojekte, die zwar betriebswirtschaftlich rentabel, volkswirtschaftlich aber schädlich sind. Das Problem resultiert nicht aus der menschlichen Irrationalität, sondern tritt gerade dann auf, wenn die Banker besonders rational handeln.

Der Volkswirt empfiehlt der Politik daher auch nicht, den Bankern Vernunft oder Moral zu predigen, sondern ihnen eine höhere Eigenkapitalquote vorzuschreiben.

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