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An der Wirklichkeit vorbei

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, Wirtschaftswoche, 01.12.2014, Nr. 49, S. 49

DENKFABRIK | Die abschlagsfreie Rente mit 63 ist für die deutsche Volkswirtschaft fatal. Ebenso unsinnig ist es, rüstige Arbeitnehmer per Gesetz aus dem Job zu drängen, sobald sie 65 Jahre alt werden. Ein Plädoyer für eine neue Flexibilität und die Abschaffung des gesetzlichen Rentenalters.

Die Rente mit 63 für langjährig Versicherte wird nach ersten Zahlen der Rentenversicherung von mehr Menschen in Anspruch genommen als von der Regierung erwartet. Volkswirtschaftlich gesehen ist die zur Jahresmitte eingeführte Reform hingegen ein Flop. Leichtfertig hat die Politik eine unter der Kanzlerschaft von Gerhard Schröder mühsam erkämpfte Reform verfrühstückt. Und schon wenige Monate später zeigt die deutsche Wirtschaft, dass sie diesen Belastungstest doch nicht so leicht wegsteckt, wie manche dachten. Die Investitionen, die eigentlich auf gutem Wege waren, gehen auch deshalb zurück. Warum soll man in einem Land investieren, in dem Facharbeiter in die Frührente geschickt werden?

Nun will der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sogar noch eins draufsetzen und eine Teilrente mit 60 einführen. Darunter versteht der DGB einen gleitenden Übergang, der ab 60 eine Kombination aus reduzierter Rente und Teilzeitbeschäftigung vorsieht

BERG DER BABYBOOMER 

Das alles geht an der demografischen Wirklichkeit in Deutschland vorbei. Die Babyboomer, die um das Jahr 1965 geboren wurden, erreichen in einem Jahrzehnt die traditionelle Altersgrenze von 65 Jahren. In 15 Jahren wird die Spitze des Berges dort sein, in 20 Jahren wird der ganze Berg jenseits dieser Grenze liegen. Dann werden wir 7,5 Millionen Alte (ab 65) mehr und 8,5 Millionen Junge (zwischen 15 und 64) weniger haben. Bereits 2030 muss ein Arbeitnehmer doppelt so viele Rentner ernähren wie im Jahr 2000 - was ohne eine Erhöhung des Rentenalters entweder eine Halbierung der Renten, eine Verdoppelung des Beitragssatzes oder eine Mischlösung zwischen diesen Extremen bedeutet.

HÖHERE ABSCHLÄGE

Angesichts dieser Verhältnisse ist eine Staatskrise in Deutschland programmiert. Die Babyboomer wollen Renten von Kindern kassieren, die sie nicht haben. Der Staat wird sich verschulden wollen, sich aber angesichts der wirtschaftlichen Misere nicht verschulden können. Und wenn die Sparer zu ihren Banken gehen, um das Geld zurückzubekommen, das sie sich für das Alter zurückgelegt haben, dürften sie ein böses Erwachen erleben. Die Kreditkunden, an die die Banken die Ersparnisse weiterreichten, waren es gewohnt, alte Kredite mit neuen zu tilgen. Wenn das nicht mehr geht, müssen viele Konkurs anmelden. Dabei wird ein Teil des ersparten Geldes verdampfen. Die Deutschen werden also wieder länger arbeiten müssen.

Natürlich lässt sich das Rentenalter flexibler gestalten. Man könnte durchaus eine Rente mit 63 oder 64 Jahren erlauben. Nur müssten die Rentenabschläge versicherungsmathematisch korrekt berechnet werden, damit der frühere Austritt den Staat kein Geld kostet. Dazu müsste man für jedes Jahr, das ein Arbeitnehmer vor 65 in Rente geht, einen etwa doppelt so hohen Abschlag wie heute realisieren. Dieser höhere Abschlag ist nötig, weil die Zahl der Jahre bis zum Tode steigt und insofern der Barwert der verfügbaren Geldsumme über mehr Jahre verteilt werden muss.

Als Ausgleich für die höheren Abschläge sollten die Betroffenen jedoch die Möglichkeit erhalten, nach Belieben Geld hinzuzuverdienen, indem sie eine Teilzeitbeschäftigung oder auch eine volle Beschäftigung ausüben, obwohl sie schon Rente beziehen.

Mehr noch: Die Politik sollte ernsthaft darüber nachdenken, die feste Altersgrenze für die Beendigung des Arbeitslebens vollständig aufzuheben und gegenüber dem Arbeitgeber einen Rechtsanspruch auf Fortsetzung des Beschäftigungsverhältnisses zu gleichen Bedingungen zu ermöglichen. Wer diese Option wählt, erhält seine Rente später. Doch würde die Rente versicherungsmathematisch korrekt so aufgestockt, dass dem Staat im Mittel bis zum Tode des Versicherten keine Mehr- oder Minderausgaben entstehen.

Ich befürchte nur, Deutschland ist noch nicht so weit, dass es diese Regel akzeptieren würde. Wer noch rüstig ist und weiterarbeiten möchte, wird hierzulande von seinem Arbeitsplatz entfernt. Nach einem Leben unter Kündigungsschutz wird man dann als vogelfrei erklärt.

LÄNGER ARBEITEN 

Da dies nach Auffassung des amerikanischen Obersten Gerichtshofes eine Altersdiskriminierung darstellt, haben die USA das gesetzliche Rentenalter schon lange abgeschafft. Praktisch jeder Amerikaner kann so lange arbeiten, wie er will, ohne dadurch wirtschaftliche Nachteile zu erfahren. Der Arbeitgeber ist aber berechtigt, den Mitarbeitern Angebote zum Ausscheiden aus dem Job zu unterbreiten. Auf diese Weise pendelt sich das Rentenalter von ganz allein so ein, dass es den Wünschen und Möglichkeiten der Menschen entspricht. Auch in Großbritannien, Australien und Kanada gibt es inzwischen kein gesetzliches Rentenalter mehr. Schon weil es sonst nicht fertig wird mit den Babyboomern, wird auch Deutschland die Diskriminierung der Älteren beenden.

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