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Perfekt entkoppelt

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, Wirtschaftswoche, 01.09.2014, S. 39

DENKFABRIK | Trotz seiner rigiden und erst kürzlich gelockerten Ein-Kind-Politik hat China immer noch deutlich höhere Geburtenraten als Europa und Deutschland. Denn die europäische Rentenversicherung erwies sich als rigorosere Geburtenbremse als alle chinesischen Kinderverbote.

Von Hans-Werner Sinn.

China hat nach über 30 Jahren seine strenge Ein-Kind-Politik gelockert. Wenn mindestens ein Partner Einzelkind ist, darf ein Ehepaar von nun an zwei Kinder bekommen. Wenn nämlich die Eltern selbst Einzelkinder sind, gibt es keine Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen, die mithelfen könnten, die Eltern und Großeltern im Alter zu ernähren. Die Kommunistische Partei hat erkannt, dass hier eine demografische und sozialpolitische Zeitbombe tickt und dass es so nicht weitergehen kann. Einem Kind von Eltern, die selbst Einzelkinder waren, ist es nun einmal nicht möglich, als Erwachsener für zwei Eltern und möglicherweise weitere vier Großeltern zu sorgen.

Auf dem Land dürfen Ehepaare unabhängig von der neuen Regel auch weiterhin zwei Kinder haben, wenn das erste Kind ein Mädchen ist. Ein Mädchen gehört zur Familie des Mannes und muss dessen Eltern versorgen. Eltern, deren einziges Kind ein Mädchen ist, gelten deshalb in China als Unglücksraben. Sie sichern mit ihrer Erziehungsleistung den Lebensabend der künftigen Schwiegereltern, gehen aber selbst leer aus. Daher dürfen sie es noch einmal probieren. Erst wenn auch das zweite Kind ein Mädchen ist, müssen sich die Eltern in ihr Schicksal fügen. Außerdem dürfen ethnische Minderheiten grundsätzlich zwei Kinder pro Ehepaar haben, um den Bestand ihrer Kultur zu sichern.

Doch trotz der neuen Lockerungen bleibt die chinesische Familienpolitik im Grundsatz drakonisch. Wer ohne Erlaubnis ein Kind zur Welt bringt, muss vielfach 50 000 Renminbi zahlen, um dem Staat die Schulkosten zu ersetzen. Das entspricht etwa 25 normalen Monatsgehältern. Der Staat holt sich das Geld notfalls, indem er das Mobiliar verpfändet. Wer dem ausweichen will, indem er sein Kind verheimlicht, wird hart bestraft.

DRAMATISCHE EFFEKTE

Man sollte vermuten, dass sich die Radikalität der bisher in China gewählten Ein-Kind-Politik in extrem niedrigen Geburtenraten widerspiegelt. Aber das ist nicht der Fall. So liegt die Zahl der Kinder pro Frau in China mit einem Durchschnittswert von 1,66 um einen Zehntelpunkt über dem Durchschnitt der Europäischen Union - und sogar um zwei Zehntelpunkte über dem deutschen Wert. Besonders groß sind die Unterschiede, wenn man die Zahl der jährlich Neugeborenen in Relation zur Bevölkerung betrachtet. Mit zwölf Neugeborenen pro 1000 Einwohner liegt China weit vor der EU oder Deutschland, wo die entsprechende Zahl nur zehn beziehungsweise acht beträgt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die chinesische Ein-Kind-Politik nicht gewirkt hätte. Sie hat sogar dramatische Effekte gehabt, denn die Geburtenrate lag beim Beginn der Ein-Kind-Politik im Jahr 1979 noch bei 2,8 Kindern pro Frau. Auf 1000 Einwohner kamen damals jährlich 18 Neugeborene. Der Grund für den überraschenden Befund ist vielmehr, dass in Europa und speziell Deutschland mit dem gesetzlichen Rentensystem noch eine ganz andere Kraft am Werke war, die die Kinderzahl reduzierte. Nachdem Deutschland im Jahr 1889 die gesetzliche Rentenversicherung eingeführt hatte, folgten in den anschließenden Jahrzehnten praktisch alle Nachbarländer mit ähnlichen Versicherungssystemen nach. Die umlagefinanzierte Rentenversicherung sozialisierte die Schaffenskraft der Kinder, denn die Beiträge der Kinder standen nicht speziell den eigenen Eltern zur Verfügung, sondern wurden unter allen alten Menschen unabhängig von der Kinderzahl verteilt. Sie war eine kulturelle und soziale Errungenschaft, weil sie einer Versicherung gegen ungewollte Kinderlosigkeit gleichkam und privates Unglück vermied, wie es in China Eltern ohne männliche Nachkommen erleiden. Indes wurde dadurch der Kinderwunsch allmählich vom Motiv der Alterssicherung entkoppelt. Diese Entkoppelung gelang so perfekt, dass heutzutage kein junges Paar bei der Entscheidung für oder gegen Kinder an die eigene Altersversorgung denkt - obwohl dessen Rente allein durch die Gesamtheit der Kinder und späteren Beitragszahler gesichert wird. Von Generation zu Generation merkten immer mehr Menschen, dass man im Leben ganz gut zurecht kommt, wenn man selbst keine Kinder hat und sich im Alter von den Kindern anderer Leute ernähren lässt. So erodierte, unterstützt durch die Multiplikatoren in den Medien und der Politik, die traditionelle Familie.

ZWEI WEGE

Auch China hat vor 14 Jahren eine Rentenversicherung für die Stadtbevölkerung eingeführt. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass Peking es nun wagt, das Kinderverbot zu lockern.

Der Vergleich zwischen China und Europa zeigt, dass man die Kinderzahl auf zweierlei Weg reduzieren kann: durch Kinder-Verbote bei Aufrechterhaltung des Kinderwunsches oder auf dem Wege der Eliminierung des Kinderwunsches durch die Sozialisierung der Schaffenskraft der Kinder. Wie die zitierten Zahlen zeigen, ist der in Europa eingeschlagene Weg der Sozialisierung viel wirksamer als alle chinesischen Verbote.

Europa verfolgt die Ein-Kind-Politik mithin viel rigoroser als China. 

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