Main Content

Genießt den Aufschwung

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, Wirtschaftswoche, 30.04.2012, S. 44

DENKFABRIK | Die Euro-Krise treibt immer mehr Kapital in den sicheren Hafen Deutschland und feuert unsere Bauwirtschaft an. Der Boom ist gut für Konjunktur und Arbeitsplätze - und könnte noch einige Zeit anhalten. Denn eine wirkliche Preisblase am deutschen Immobilienmarkt ist derzeit nicht in Sicht.

Es ist nun bald zwei Jahre her, dass ich aufgrund der Euro-Krise einen Bauboom in Deutschland vorhergesagt habe. Diese Prognose hat sich nun bewahrheitet. Weil sich die Investoren frustriert von Kapitalanlagen in der Peripherie des Euro-Raums abwenden und auch nicht mehr nach Amerika gehen wollen, wo sie genug Geld verloren haben, bleiben sie im sicheren Heimathafen.

Das ruft einen Investitionsboom im Allgemeinen und einen Bauboom im Besonderen hervor. Der Bausektor gewinnt derzeit dramatisch an Fahrt. Nachdem die realen Bauinvestitionen von 1994 bis 2009 nahezu kontinuierlich gefallen waren (um insgesamt ein Viertel), stiegen sie 2010 um 2,2 Prozent und 2011 sogar um 5,8 Prozent. Die Baugenehmigungen für Eigentumswohnungen lagen 2011 um 42,4 Prozent über dem Vorjahreswert. Die Auftragseingänge im Hochbau legten um 9,3 Prozent zu. Nur der Tiefbau blieb zurück, weil der Staat kein Geld hatte: Insgesamt stiegen die Orders im Bau aber noch um 4,4 Prozent. Die Architekten können sich freuen. Während ihre Auftragsbestände im Jahr 2007 nur 4,8 Monate betragen hatten, lagen sie 2010 bei 5,7 Monaten und 2011 gar bei 5,9 Monaten. Das ist der höchste Wert seit 1994. Auch die Preise steigen. Nach Aussagen von Maklern gab es im vergangenen Jahr bei Eigentumswohnungen Zuwachsraten von etwa sieben Prozent und bei Reihenhäusern von gut 4 Prozent. Besonders begehrt sind landwirtschaftliche Grundstücke.

Deren Preise kletterten 2009 um 9,6 Prozent und 2010 um 8,7 Prozent. Dahinter standen Großinvestoren, die ihr Geld sicher anlegen und vor den Wirren der Euro-Krise schützen wollten. Die Käufer kamen vor allem - aber nicht nur - aus Deutschland. Makler berichten von italienischen und griechischen Investoren, die Fluchtgeld in Deutschland parken. Sie verkaufen ihre heimischen Staatspapiere gegen frisch gedrucktes Geld, das die Banken aus dem Kassenautomaten der Notenbank ziehen, und bringen ihr Vermögen in Deutschland in Sicherheit. Schon vorher, etwa seit 2006, hatten sich angelsächsische Investoren vom Preisgipfel in ihren Heimatländern abgeseilt, um dem Absturz zu entgehen.

NIEDRIGE KREDITZINSEN.

Der Boom wird nicht nur von Investoren getragen, sondern auch von normalen Häuslebauern, die sich über die niedrigsten Kreditzinsen seit Menschengedenken freuen. Die Umlenkung des Anlagekapitals geschieht nämlich in den meisten Fällen dadurch, dass Banken und Versicherungen sich nicht mehr aus Deutschland hinaustrauen, sondern nun wieder den langweiligen, aber sicheren Immobilienkunden umwerben. "Bitte bewahre doch mein Geld zehn Jahre bei dir auf. Ich will auch keine Zinsen. Hauptsache, ich kriege es wieder!" - das ist die in ihrem Kern zutreffende Karikatur des Bankers, der vor dem Häuslebauer kniet, um ihn mit seinem Baukredit zu beglücken. Und der Häuslebauer lässt sich nicht lange bitten.

Der Bau- und Immobilienboom führt zu mehr Beschäftigung im Bau und im Handwerk und breitet sich von dort auf die gesamte Binnenwirtschaft aus. Verstärkt wird er durch einen Boom bei den Ausrüstungen. Das ist also nun endlich die lange vermisste Binnennachfrage. Sie ist heute der wichtigste Treiber der deutschen Konjunktur. Deutschland erlebt spiegelbildlich, wenn auch etwas verhaltener, den Boom, der Spanien im Jahrzehnt vor der Finanzkrise ereilte. Diese Prognose wäre nur dann zu revidieren, wenn die Rettungsschirme für Euro-Krisenstaaten so umfangreich werden, dass sie eine Zinskonvergenz erzwingen.

Wenn wir unserem Sparkapital allzu umfangreichen öffentlichen Geleitschutz ins Ausland geben, dann lässt sich auch der Bauboom in Deutschland wieder vernichten und das Wirtschaftswachstum dazu. Auch die Arbeitsplätze sind dann wieder gefährdet. Die Probleme des Südens sind zu fundamental, als dass man davon ausgehen könnte, dass die Rettungsschirme das Rad der Geschichte zurückdrehen. Mit dieser Prognose sage ich nicht, dass es in Deutschland nun auf Dauer aufwärtsgeht. Wohl aber dürfte es uns lange Zeit besser gehen als unseren Nachbarn im Euro-Raum, die jetzt durch den gleichen Prozess von realer Abwertung und Wachstumsflaute gehen müssen, den Deutschland unter dem Euro erlitt.

Deutschland profitiert davon, dass seine Kapitalanleger das Geld endlich wieder zu Hause investieren, anstatt es in der weiten Welt zu verteilen. Zu hoffen ist nur, dass Deutschlands Bauboom nicht irgendwann in eine Blase ausartet, deren Platzen dann eine neue Massenarbeitslosigkeit auslösen würde. Aber das sind Sorgen, die wir uns angesichts der im internationalen Vergleich immer noch niedrigen deutschen Immobilienpreise - vorläufig - noch nicht machen müssen. Auf jeden Fall sollte der Staat rechtzeitig auf die Bremse treten und eine Überhitzung bekämpfen. Je früher er das tut, desto geringer ist die Gefahr einer Blasenbildung- und desto länger kann Deutschland seinen Aufschwung genießen. »Italienische und griechische Investoren parken derzeit ihr Fluchtgeld in Deutschland«

Ihre Fragen und Kommentare

Haben Sie Fragen, oder möchten Sie uns einen Kommentar zukommen lassen? Dann schreiben Sie uns unter presse@ifo.de. Bitte vermerken Sie in Ihrer E-Mail, auf welchen Artikel Sie sich mit Ihrer Reaktion beziehen!

Pressekontakt

Harald Schultz

ifo Institut
Presse, Redaktion, Konferenzen
Telefon: +49(0)89/9224-1218
Fax: +49(0)89/9224-1267
E-Mail: schultz @ ifo.de
Website


Short URL: www.ifo.de/de/w/nuQXV8ng