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Rettung für den Gläubiger

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, WirtschaftsWoche, 10.12.2012, Nr. 50, S. 42

DENKFABRIK | Frankreich hat anfangs von der Euro-Einführung profitiert wie die Länder des Südens auch. Jetzt ist es mit ihnen in die Krise gerutscht. Um wieder wettbewerbsfähig zu werden, muss unser Nachbarland um 20 Prozent billiger werden. Eine Reformverweigerung à la Hollande kann das Leiden nur verlängern. Von Hans-Werner Sinn.

Frankreich geht es derzeit nicht gut, für den britischen "Economist" ist das Land gar eine "Zeitbombe". Die Zahl der Konkurse liegt heute um 14 Prozent höher als im Jahr 2008, dem Jahr der Lehman-Krise. Der Wertschöpfungsanteil des verarbeitenden Gewerbes am BIP ist auf nur noch neun Prozent gefallen. Das ist sogar noch weniger als in England (zehn Prozent) und nicht einmal halb so viel wie in Deutschland (20 Prozent). Selbst die traditionellen Automobilfirmen sind gefährdet. Peugeot gab schon im Juli die Streichung von 8000 Stellen und die Schließung eines Werks bei Paris bekannt. Auch Renault erwägt die Stilllegung von Werken. Anderswo ist es nicht besser. Der Luftfahrt- und Rüstungskonzern EADS kündigte Entlassungen an. Die Stahlindustrie ist im Rückschritt.

WESENTLICH NIEDRIGER.

Im Gegensatz zu Deutschland hat es Frankreich nicht geschafft, nach der großen Weltrezession, die auf die Lehman-Krise folgte, wieder Tritt zu fassen. Während Deutschlands Arbeitslosigkeit mit einem Wert von 5,4 Prozent heute wesentlich niedriger ist als vor dem Zusammenbruch (2008), übersteigt die französische Arbeitslosenquote mit 10,7 Prozent bei weiterhin steigender Tendenz ihren Höchstwert aus der Zeit der Flaute im Winter 2005 06. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Frankreich bei mehr als 25 Prozent. In Deutschland beträgt sie nur acht Prozent.

Die Krise in Frankreich ist vergleichbar mit der deutschen Krise nach der Einführung des Euro. Der deutsche Spitzenwert bei der Arbeitslosigkeit von 11,5 Prozent in 2005 ist zwar noch nicht ganz erreicht, doch ist man auf dem Wege dorthin. Die französische Arbeitslosenquote ist heute bereits um einen Prozentpunkt höher als in Deutschland im März 2003, als Kanzler Schröder dem Rat der Ökonomen folgte und die Agenda 2010 ausrief, mit der er die impliziten Mindestlöhne des deutschen Sozialsystems senkte.

Präsident Hollande ist heute noch nicht so weit wie Schröder damals. Er fabuliert, wie die Linken es zu tun pflegen, von Wachstumspolitik und meint damit keynesianische Maßnahmen zur schuldenfinanzierten Nachfragesteigerung.

Solche Maßnahmen bewirken bloße Strohfeuer, die schnell wieder vergehen. Sie mindern den Reformdruck, unterminieren die Wettbewerbsfähigkeit und erhöhen die Staatsquote des Landes. Frankreichs Quote ist mit einem Wert von 56 Prozent ohnehin schon die zweithöchste aller entwickelten Länder dieser Erde. Die deutsche Staatsquote liegt demgegenüber nur bei 45 Prozent. Kein Land der Euro-Zone ist dem Sozialismus so nahe wie Frankreich. Nach der Ankündigung des Euro im Jahr 1995 war Frankreich zunächst sehr rasch gewachsen und hatte 2003 bis 2009 (mit Ausnahme von 2004) sogar ein höheres Bruttonationaleinkommen je Kopf als Deutschland erreicht. Nach Jahrzehnten des Rückstands hatte man endlich die Nase vorn. Frankreich partizipierte an dem Boom, den der Euro ganz Südeuropa brachte, weil er das Investitionsrisiko für die Kapitalanleger verringerte und gewaltige Kapitalströme von Deutschland dorthin lenkte. Es profitierte als Kapitalimporteur und als Lieferant von Waren in den Süden. Wie die heutigen Krisenländer des Euro-Raums baute sich in Frankreich eine inflationäre Wirtschaftsblase auf, die in der Krise platzte.

Nach Berechnungen von Goldman Sachs ist Frankreich heute genauso überteuert wie Spanien. Beide Länder müssen um 20 Prozent billiger werden, um wieder mithalten zu können und die Schuldentragfähigkeit zu erreichen. Das ist einer der Gründe dafür, dass die Ratingagenturen Moody's und Standard & Poor's Frankreich die Bestnote entzogen haben.

Aber 20 Prozent billiger zu werden, also real abzuwerten, ist nicht einfach. Dazu muss Frankreich eine Flaute von einem Jahrzehnt durchlaufen, bei der die Inflationsrate um zwei Prozent hinter dem Durchschnitt des restlichen Euro-Raums hinterherhinkt.

Frankreich kann sich der realen Abwertung durch eine Wachstumspolitik à la Hollande zwar temporär verweigern. Das wird die Leidensphase aber nur verlängern, denn erstens verhindert diese Politik die Preissenkung und zweitens erhöht sie den Schuldenstand, was die notwendige Abwertung bis zur Wiederherstellung der Schuldentragfähigkeit vergrößert.

UNTER DEM SCHIRM.

Frankreich muss aber trotz allem nicht unter den Rettungsschirm. So weit, dass die Kapitalmärkte den Konkurs des französischen Staates erwarten, sind wir noch nicht. Insofern halte ich die große Finanzkrise in Frankreich, die manche für 2013 erwarten, nicht für sehr wahrscheinlich. Im Übrigen befindet sich Frankreich in gewisser Weise schon unter dem Rettungsschirm. Da das deutsche Kapital großenteils über Frankreich in die Südländer floss, war das relativ zur Landesgröße berechnete Exposure der französischen Banken vor den Rettungsmaßnahmen doppelt so groß wie das deutsche. Nicht nur Griechenland wurde mit den EU-Beschlüssen der vorletzten Woche gerettet, sondern vor allem auch Frankreich, sein bei Weitem größter Gläubiger.

»Kein Land der Euro-Zone ist dem Sozialismus so nah wie Frankreich «

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