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Der europäische Drache

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, Wirtschaftswoche, 09.01.2012, Nr. 1/2, S. 42

DENKFABRIK | Was bringt uns das Jahr 2012?Die anhaltende Krise der Euro-Zone und die schwächelnde US-Wirtschaft dürften den deutschen Export zunehmend dämpfen. Doch die Binnennachfrage von Unternehmen und Konsumenten bleibt in Deutschland erstaunlich robust. Eine konjunkturelle Vorausschau. Von Hans-Werner Sinn

 

In Chinasteht der offizielle Jahreswechsel noch bevor. In gut zwei Wochen werden die Chinesen bei ihrem traditionellen Neujahrsfest das Jahr des Drachen begrüßen. Nach dortiger Vorstellung sind Menschen, die im Jahr des Drachen geboren werden, gesund und energiegeladen; ihnen wird ein langes Leben vorausgesagt. Dies lässt sich bestens auf die chinesische Wirtschaft übertragen: Zwar verliert der Aufschwung an Tempo. Die eingetrübten Exportaussichten, die weiterhin hohe Inflation und faule Kredite in den Büchern der Banken sind konjunkturelle Bremsklötze. Doch sollten diese Probleme für die Chinesen beherrschbar sein. Die Grunddynamik des Landes ist ungebrochen.

Der europäische Drache hingegen ist kein so freundliches Tier. Er ist Sinnbild des Chaos, ein menschenfeindliches Ungeheuer. Und ob Angela Merkel der Held ist, der diesen Drachen besiegt, wage ich zu bezweifeln, nicht weil die Bundeskanzlerin nicht tapfer wäre, sondern weil sie nicht über die notwendige Lanze verfügt. Um die tiefe Zahlungsbilanzkrise im Euro-Raum zu lösen, müsste sie ein "Realignment", also eine Nachjustierung von Wechselkursen oder Preisen, durchsetzen, aber das kann sie nicht. Weder wollen wir Deutschen inflationieren, noch wollen sich die Südländer eine Deflation zumuten.

Die ökonomische Neujahrsbotschaft für Europa fällt denn auch eindeutig aus: Die Krise der Währungsunion geht weiter. Bis zum heutigen Tage hat sich die Lage trotz aller Rettungsaktionen immer weiter zugespitzt. Die Europäische Zentralbank hilft bedrängten Ländern nun schon im fünften Jahr hintereinander mit der Notenpresse, die offiziellen Rettungsschirme werden im kommenden Mai bereits zwei Jahre lang aufgespannt sein. Seit dem Sommer wird die Euro-Zone von einer gewaltigen Kapitalflucht aus Italien und Frankreich erschüttert. Die deutschen Banken und Versicherer trauen dem Euro nicht mehr und rufen ihre Kredite zurück. Und manch ein ausländischer Investor schielt nach deutschen Immobilien, die er hier mit billigen Krediten erwerben kann.

Ich sage voraus: Die Retterei wird sich fortsetzen und am Ende in eine Transferunion münden. Gleichzeitig steht dem Euro-Raum2012 eine Rezession bevor. Viele Länder setzen Sparprogramme um, die das verloren gegangene Vertrauen der Investoren wiederherstellen sollen. Das ist die richtige Therapie. Doch wie häufig bei guter Medizin gibt es auch hier Nebenwirkungen - die Sparprogramme führen zu einer weiteren Abschwächung der Konjunktur in diesen Ländern. Die Arbeitslosigkeit, die teilweise beängstigende Ausmaße angenommen hat, wird daher vielerorts weiter zunehmen. In Frankreich etwa erwarten Experten allein im ersten Halbjahr einen Verlust von 60 000 Stellen.

In den USA, der größten Volkswirtschaft der Welt, steht zwar keine Rezession bevor. Wohl aber droht ein Schneckengang der Wirtschaft, nicht zuletzt weil der US-Kongress keine Mittel für weitere Konjunkturprogramme bewilligen dürfte. Der amerikanische Immobilienmarkt ist noch immer im Keller, die Lage am Arbeitsmarkt unverändert schwierig. Die durchschnittliche Länge der Arbeitslosigkeit liegt heute bei 41 Wochen. Zum Vergleich: Nach dem Anschlag auf das World Trade Center und dem anschließenden Wirtschaftseinbruch hatte sie nur 20 Wochen betragen.

Und was bedeutet das alles für Deutschland? Auf all jene Länder, die sich in der Vergangenheit kräftig im Ausland verschuldeten, kommen 2012 noch schwierigere Zeiten zu. Das wiederum beeinträchtigt den deutschen Export; erste Anzeichen dafür gab es schon im vergangenen Jahr. Doch gleichzeitig profitiert unser Binnenmarkt, weil die Korrektur der Kapitalmärkte zu Deutschlands Gunsten ausgeht. Jedenfalls sind die Kräfte, die im Süden und Westen der Euro-Zone eine Flaute auslösen, die gleichen, die hier die Binnenkonjunktur treiben. Bereits 2011 steuerte der Außenbeitrag nach Berechnungen des ifo Instituts nur 0,8 Prozentpunkte zur Zunahme des Bruttoinlandsprodukts von drei Prozent bei. Mit einem Beitrag von 1,2 Prozentpunkten waren die Bruttoinvestitionen der wesentliche Impulsgeber.

Dieses Jahr muss sich die deutsche Wirtschaft noch mehr auf die inländische Nachfrage stützen, denn laut ifo-Prognose könnte der Außenbeitrag bei der Wachstumsberechnung 2012 sogar negativ zu Buche schlagen. Demgegenüber bleibt die heimische Nachfrage nach Investitionsgütern und zunehmend auch nach Konsumgütern relativ robust. Das bedeutet: Unter dem Strich könnten wir dank der Binnennachfrage von Unternehmen und Verbrauchern ungeschoren durch die Krise kommen.

Der ifo-Geschäftsklimaindex trotzt dem allgemeinen Abwärtstrend jedenfalls mit erstaunlicher Kraft. Speziell der Boom im Wohnungsbau dürfte weitergehen, weil die Menschen auf der Suche nach werterhaltenden Kapitalanlagen sind. Nach der schrecklichen Zeit, in der die Banken und Versicherungen unsere Ersparnisse in Lehman-Brothers-Zertifikaten und griechischen Staatspapieren anlegten, fließt das Spargeld heute verstärkt wieder in "Betongold".

Fazit: Die Aussichten für Deutschland sind zwar gedämpft, aber im Vergleich zu vielen anderen Ländern, insbesondere in Europa, immer noch ordentlich. Der Drache spricht in Deutschland chinesisch.

»Dem Euro-Raum steht 2012 eine Rezession bevor. Die Arbeitslosigkeit wird weiter zunehmen«

Sinn, Hans-Werner

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