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Geld im Schaufenster

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, Wirtschaftswoche, 02.04.2012, Nr. 14, S. 38

Wer die Krise der Europäischen Währungsunion analysiert und die bisherigen Rettungsmaßnahmen beurteilen will, muss sich mit zwei divergierenden Theorien auseinandersetzen: der Theorie vom Geld im Schaufenster und der Theorie vom Fass ohne Boden.


Nach der ersten Sichtweise muss die Politik zur Lösung der Krise einfach nur riesige Schutzgelder im Luxemburger Rettungsfonds EFSF ansammeln. Dann sind die Kapitalmärkte beruhigt, die Zinsen fallen, und die Südländer werden wieder solvent. Das Geld der Steuerzahler kann ungenutzt im Schaufenster liegen bleiben.

Nach der zweiten Theorie bleiben die Krisenländer trotz Rettungsfonds chronisch defizitär, weil ihnen der Weg zu einer offenen Abwertung durch den Euro versperrt und eine interne Abwertung zu schwierig ist. Die Hilfsgelder versickern somit in riesigen Leistungsbilanzdefiziten (120 Milliarden Euro allein 2011 in Italien, Griechenland, Portugal und Spanien) und lassen den Anreiz erlahmen, dem Fass einen Boden einzubauen. Das entscheidende Kriterium zur Unterscheidung zwischen diesen Theorien ist die Frage, ob es den Krisenländern gelingt, billiger zu werden — denn nur so lässt sich die in- und ausländische Nachfrage nach den eigenen Produkten steigern. Wenn etwa Griechenland um 37 Prozent billiger würde, wäre es so teuer wie die Türkei. Die Touristen kämen zurück, und die Griechen würden aufhören, holländische Tomaten und italienisches Olivenöl zu kaufen. Jedes Land, egal, wie produktiv es ist, wird wettbewerbsfähig, wenn es nur billig genug ist. Über Preissenkungen muss nun die Uhr zurückgestellt werden, die durch den Euro im Süden zu viel Vorlauf erhalten hat. Die billigen Kredite, die mit dem Euro kamen, hatten inflationäre Blasen aufgebaut. Die GIIPS-Länder (Griechenland, Irland, Italien, Portugal, Spanien) waren, gemessen am BIP-Deflator, gegenüber ihren Handelspartnern im restlichen Euro-Raum von 1995 (dem Jahr der verbindlichen Ankündigung des Euro) bis 2008 (dem Jahr der Lehman-Krise) im Schnitt um 30 Prozent teurer geworden. Ein erheblicher Teil dieser Steigerung muss rückgängig gemacht werden, weil der Kredit nicht mehr fließen will. Und auch nicht mehr fließen sollte. Leider aber ist bei den Preisen im Süden bislang nichts passiert. Während Irland seine Preise, gemessen am BIP-Deflator, in den fünf Jahren von 2006 bis 2011 (jeweils drittes Quartal) relativ zum Rest des Euro-Raums um 15 Prozent gesenkt hat, sind die Südländer immer teurer geworden. Der griechische Preisindex stieg in dieser Zeitspanne um knapp sieben Prozent, doppelt so viel, wie sich durch die von der Regierung durchgesetzte Mehrwertsteuererhöhung erklären lässt. Italien legte um 2,0 Prozent zu, Portugal um 0,6 Prozent, Spanien um 0,3 Prozent. Auch während der Euro-Krise selbst zeigt sich kein anderes Bild. Während Irland von 2008 bis 2011 (jeweils 3. Quartal) relativ um 9,8 Prozent billiger wurde, verteuerte sich Griechenland weiter um 2,5 Prozent, Italien um 1,2 Prozent und Portugal um 0,5 Prozent. Lediglich Spanien senkte sein relatives Preisniveau leicht um 0,9 Prozent.

Nun ist von Norbert Häring im „Handelsblatt" argumentiert worden, der BIP-Deflator sei ein ungeeignetes Mittel, die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes zu ermessen, weil er stark durch die Immobilienpreise verzerrt sei. Man solle sich lieber an den Lohnstückkosten orientieren. Aber das Argument zieht nicht. Erstens gehen Immobilienpreise gar nicht in den BIP-Deflator ein. Was neben den Preisen der produzierten Waren und Dienstleistungen eingeht, sind die Mieten und die Preise neuer Bauleistungen, aber diese sind lange nicht so volatil wie Immobilienpreise. Zweitens sind die Lohnstückkosten als Relation von Arbeitskosten und realem BIP oder als Produkt aus BIP-Deflator und Lohnquote (bezogen auf das BIP) definiert. Sie hängen also ebenfalls stark vom BIP-Deflator ab und bieten insofern keine andere Preisbasis als dieser Preisindex selbst.

Drittens sind Lohnstückkosten nur dann für die Wettbewerbsfähigkeit relevant, wie sie tatsächlich die Preise beeinflussen. Steigende Produktivität, die bei gleichen Löhnen zu sinkenden Lohnstückkosten führt, erhöht die Wettbewerbsfähigkeit so lange nicht, wie sie nicht zu sinkenden Preisen führt. Auch Lohnsenkungen per se sind irrelevant, wenn sie nicht zu Preissenkungen führen — etwa weil sich gleichzeitig die Zinskosten erhöhen. Viertens sind auch die Lohnstückkosten in den meisten betrachteten Ländern weiter gestiegen. Von 2008 bis 2011 betrug das Plus in Griechenland 2,3 Prozent, in Italien 4,5 Prozent, in Portugal 1,8 Prozent. Allein Spanien schaffte ein Minus von 3,2 Prozent. Insofern gibt es bislang außer Semantik noch keine harten statistischen Belege dafür, dass die Krisenländer ihre Hausaufgaben machen würden. Man muss befürchten, dass die Leistungsbilanzdefizite noch längere Zeit erhalten bleiben und sich die Schuldenkrise der Südländer erneut verschärft. Und alles, was im Schaufenster steht, dürfte am Ende geplündert werden.

Hans-Werner Sinn ist Präsident des ifo Instituts und Ordinarius an der Ludwig-Maximilians-Universität in München

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