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Ist die Bankenkrise vorbei?

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, BusinessWorld, 30.06.2009;
auch erschienen in Project Syndicate

MÜNCHEN – Während die diversen amerikanischen Rettungspläne greifen, erholen sich die Börsen etwas. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis der S&P 500 klettert allmählich zurück auf seinen Langzeitdurchschnitt von 16. Insbesondere die Bankaktien legen wieder zu, und einigen amerikanischen Banken ist es sogar gelungen, zumindest einen Teil des Kapitals zurückzuzahlen, das ihnen der Staat zur Verfügung gestellt hat.

Doch wie ich in meinem Buch Kasino-Kapitalismus aufzeige, könnte es sich dabei lediglich um eine vorübergehende Verbesserung der Erwartungen handeln statt um das Zeichen einer ständigen Erholung, denn die in den Bilanzen der Banken schlummern noch stille Lasten riesigen Ausmaßes. Nach der jüngsten Schätzung des Internationalen Währungsfonds werden die Gesamtabschreibungen für finanzielle Ansprüche in dieser Krise für die Vereinigten Staaten, Japan, den Euroraum und Großbritannien 4,05 Billionen Dollar betragen, von denen die USA allein 2,7 Billionen Dollar auffangen müssen.

Das ist viel mehr, als bislang abgeschrieben wurde. Nach meiner Zählung der Bloomberg-Daten wurden bis Februar 2009 weltweit lediglich Abschreibungen in Höhe von  1,12 Billionen Dollar realisiert. Bislang ist demnach kaum mehr als ein Viertel der notwendigen Wegstrecke bis zur Aufdeckung der Verluste des Bankensystems zurückgelegt. Drei Viertel liegen noch vor uns.

Für die USA und die Schweiz sind das besonders schlechte Nachrichten, da sich die realisierten Abschreibungen in beiden Ländern bereits auf 53 % und 54 % der aggregierten Bilanzsumme ihrer nationalen Bankensysteme belaufen, was jeweils 4,4 % bzw. 15,0 % des BIP entspricht. Auch die Niederlande, Großbritannien und Deutschland sollten sich Sorgen machen, da sie in der Rangfolge der Länder, deren Bankensysteme von der Krise am härtesten getroffen wurden, an nächster Stelle stehen. Ihre Abschreibungen beliefen sich auf 2,0 %, 4,2 % bzw. 2,8 % des BIP, was jeweils 11 %, 16 % und 22 % des gesamten Eigenkapitals ihrer Bankensysteme entspricht.

Diese beängstigenden Zahlen lassen Zweifel an der Stabilität des westlichen Finanzsystems aufkommen, und sie zeigen, dass Maßnahmen wie „Bad Banks“ und staatliche Bürgschaften, mit denen versucht wird, eine reine Liquiditätskrise zu lösen, viel zu kurz greifen. Das Bankensystem leidet nicht in erster Linie an einem temporären Zusammenbruch des Interbankenhandels und einer vorübergehenden Wertminderung der Aktien, die man überstehen könnte, indem man einfach mal abwartet, bis das Wetter wieder schön ist. Es steht vielmehr am Rande der Insolvenz, weil sehr viel Eigenkapital dauerhaft verloren ist.

Die Preise für strukturierte Wertpapiere wie Collateralized Debt Obligations sind gesunken, weil ein institutioneller Schwindel aufgedeckt wurde. Cash-back-Kredite an NINJA-Kunden (no income, no job, no assets = kein Einkommen, kein Job, kein Vermögen), bei denen umfangreiche Vergütungen an die Makler gezahlt wurden und die bis zu 60-mal verbrieft und strukturiert wurden, stellen keine ökonomischen Werte dar. Und wenn durch den Strukturierungsprozess aus dem, was durchschnittlich Kredite mit B-Wertung waren, zu 70 % Papiere mit AAA-Rating entstanden sind, muss es im Ratingprozess grundlegende Fehler gegeben haben, die nicht einfach verschwinden werden, weil sich die Wirtschaft oder die Börse wieder erholt.

Außerdem stehen die Zahlungsausfälle bei verbrieften Kreditkartenschulden und Firmenkrediten, die wegen der wachsenden Konkurszahlen notleidend werden, noch aus. Sie werden dem Bankensystem noch mehr Eigenkapital entziehen. Das Problem wird weiter verschärft durch die dynamischen Effekte der Basel II-Bewertungen, durch die die Banken gezwungen sein werden, ihren notleidenden Firmenkrediten mehr Eigenkapital zu unterlegen. Die Chancen, das benötigte Eigenkapital in absehbarer Zeit durch Gewinnthesaurierungen oder Kapitalerhöhungen beibringen zu können, stehen schlecht.

Das alles ist der Öffentlichkeit unbekannt, weil die  Bilanzierungsgrundsätze so großzügig sind, dass die Banken viele Verluste erst mal unter den Teppich kehren konnten. Es ist indes nur eine Frage der Zeit, bis die Banken gezwungen sein werden, die Wahrheit aufzudecken. Daher ist es zwecklos, auf eine wundersame Selbstheilung zu warten. Das hatten die Japaner gemacht. Sie hatten erfolglos versucht, sich durchzuwursteln, und damit am Ende 18 Jahre Stagnation produziert.

In der heutigen Krise wäre Durchwursteln ein Rezept für die Fortsetzung der Krise und eine säkulare Stagnation von der Art, die sie einst Alvin Hansen, ein Zeitgenosse von Keynes, beschrieben hat. Hansen sagte voraus, dass der Kapitalismus an einer permanenten Unterinvestitionskrise leiden würde. Eine solche Unterinvestitionskrise droht, wenn die Banken ihre Bilanzen proportional zu ihren gemeldeten Kapitalverlusten verringern und die Kreditklemme verschärfen, unter der die Welt heute bereits leidet.

Bad Banks, die großzügig genug angelegt sind, um den Banken versteckte Kapitalspritzen zu geben, sind eine Möglichkeit, die Kreditklemme zu verhindern oder abzumildern. Doch sind sie eine schlechte Idee, weil sie bedeuten, dass der Staat an Stelle der Aktionäre für die Verluste des Bankgeschäfts aufkommt und insofern falsche Anreize für das Bankgeschäft setzt. Schließlich kam die Bankenkrise auch deshalb zustande, weil sich manche Banken angesichts der impliziten Schutzversprechen der Staaten hemmungslos dem Glücksspiel zugewandt hatten.

Eine bessere Möglichkeit, den Banken zu helfen und sie daran zu hindern, ihre Ausleihungen zu reduzieren, besteht darin, volle Transparenz herzustellen und den Banken frisches Geld aus der Staatskasse bereitzustellen. Dabei sollten die Regierungen freilich keine Geschenke verteilen, sondern Aktien im Austausch verlangen. Sie sollten zu Geschäftspartnern werden, bis die Krise vorbei ist. Diese Empfehlung fließt einem Marktwirtschaftler nicht leicht aus der Feder, aber zu ihr gibt es angesichts der katastrophalen Eigenkapitalsituation der Banken keine Alternative. Die Rettungsstrategie hat einen doppelten Vorteil. Sie hilft den Banken sofort, und sie schafft zudem die richtigen Anreize für zukünftiges Verhalten, weil klargemacht wird, dass der Staat im Krisenfall zwar die Bank, aber nicht das Eigenkapital der Aktionäre rettet.

Die Rettungsstrategie ermöglicht es zudem, die vorgeschriebenen Mindesteigenkapitalquoten der Banken mitten in der Krise zu erhöhen, ohne eine Kreditklemme zu riskieren. Wenn die Regierung zum Partner wird, kann sie die Banken sofort mit dem Kapital ausstatten, das für ein langfristig gesundes  Geschäft notwendig ist. Die Banken werden dann einander wieder vertrauen, und der Interbankenhandel wird wiederhergestellt. Aus politischer Sicht können Reformen natürlich am besten durchgeführt werden, wenn die Krise akut ist, nicht wenn Wall Street denkt, dass man wieder zur normalen Tagesordnung übergehen kann. Die Zeit für Reformen ist jetzt.
 

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