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Strategie der Stopfgans

Presseartikel von Hans-Werner Sinn, Wirtschaftswoche, 30.03.2009, Nr. 14, S. 40

Höhere Eigenkapitalquoten sind der Schlüssel zur Rettung des Bankensystems. Doch zuvor muss es zu einer Teilverstaatlichung maroder Banken kommen, sagt Hans-Werner Sinn.

Das US-Bankensystem ist pleite und soll nun mit staatlichem Geld gerettet werden. Westeuropas Banken sind angeschlagen. In Osteuropa tickt eine Zeitbombe. Und alles nur, weil Banken, Hedgefonds, Zweckgesellschaften, Investmentfonds und Immobilienfinanzierer ihr Geschäft fast ohne Eigenkapital machen durften. Wer kein Eigenkapital hat, haftet nicht, und wer nicht haftet, der zockt. Er sucht das Risiko, wo er es nur findet, weil er die Gewinne privatisieren und die Verluste sozialisieren kann. Jetzt brennt der Dschungel, und man weiß kaum, wie man ihn löschen soll.

Auch Chicago-Ökonomen müssen begreifen, dass Märkte nur mit einem starken Ordnungsrahmen funktionieren können. Das gilt insbesondere für Finanzmärkte, wo die Verluste das Eigenkapital um ein Vielfaches übersteigen können. Eine straffe Regulierung der Banken ist die Barriere gegen den Opportunismus. Nur sie schafft auf den Märkten das Vertrauen, das der Kapitalismus braucht, wenn er fortfahren soll, den Wohlstand der Massen zu mehren. Eucken muss nach Amerika.

Aber bevor Eucken in Amerika landet, muss Keynes die Banken und die Wirtschaft retten. Dazu braucht der Staat das Recht zur Beteiligung an angeschlagenen Banken. Man kann nicht zulassen, dass sich die Banken gesundschrumpfen, anstatt das staatliche Geld zu nehmen – denn dann schrumpft sich die Wirtschaft zu Tode. Deshalb mein Vorschlag: Wer am Markt nicht genug Eigenkapital findet, um das Bilanzvolumen im Schnitt der letzten drei Jahre mit mindestens vier Prozent Eigenkapital und die risikogewichteten Aktiva mit mindestens acht Prozent Kernkapital zu unterlegen, muss akzeptieren, dass der Staat das Eigenkapital auffüllt und Teilhaber wird. Ich nenne das die Stopfgans-Strategie.

Langfristige und kurzfristige Ziele fallen hier zusammen, denn nur mit neuem Eigenkapital werden die Banken einander wieder vertrauen. Da das Eigenkapital nach Lage der Dinge wohl nur vom Staat kommen kann, gibt es keine Alternative zur Teilverstaatlichung. Die Teilverstaatlichung ist keine Enteignung, sondern eine erzwungene Kapitalerhöhung. Nichts spricht dagegen, dass die Altaktionäre im Boot bleiben. Aber die Bank muss dem Staat zu herrschenden Kursen so viele neue Aktien verkaufen, bis die genannten Prozentsätze erreicht sind. Die Altaktionären dürfen nicht das Recht haben, dies abzublocken, wenn ihnen die Bedingungen nicht passen. Was ihre Beteiligung noch wert ist, zeigt die Börse, nicht die Bilanz. Und bevor der Staat freilich den Zuschlag erhält, sollten die neuen Aktien noch einmal zum geplanten Übernahmepreis dem Markt angeboten werden. Dann weiß man, dass niemand ungerecht behandelt wird.

Natürlich dürfen Banken keine Behörden werden. Der Staat hat zwar Geld, ist aber ein schlechter Banker. Die private Rechtsform muss schon deshalb erhalten bleiben, weil der Staat seine Anteile nach der Krise wieder verkaufen soll, gerne auch mit Gewinn.

Die Bad Bank hingegen ist eine Bad Idea. Sie macht nur Sinn, wenn der Staat mehr Geld zahlt, als der Markt es täte. Dann aber verschenkt er Steuergeld. Wenn die Steuerzahler nicht übervorteilt werden sollen, muss der Bad Bank die Verstaatlichung vorausgehen. Das war der schwedische Trick. Und er hat funktioniert. Auch der Plan von US-Präsident Obama läuft auf Geldgeschenke an die Aktionäre hinaus. Die 1000 Milliarden Dollar, die als Schrottprämien für toxische Papiere gezahlt werden sollen, entsprechen etwa dem Eigenkapital des gesamten US-Bankensystems. Die Hedgefonds werden einen guten Batzen davon abbekommen. Kein Wunder, dass es jetzt ein Kursfeuerwerk gibt. Wall Street hat sich wieder einmal durchgesetzt.

Wenn die Banken gerettet sind, kann Eucken zum Zuge kommen. Die wichtigste Ordnungsregel ist, wesentlich höhere Eigenkapitalquoten zu verlangen. Das ist die Schlüsselstrategie für die Gesundung des Bankwesens, denn sie stärkt die Haftung der Aktionäre. Ein hoher Eigenkapitalbestand puffert Stöße besser ab und schafft mehr Sorgfalt beim Umgang mit dem Risiko. Dann werden sich auch die Entlohnungssysteme für die Manager ändern. Auch Basel II muss in diesem Zusammenhang überholt werden. Heute werden die Aktiva der Banken rechnerisch auf einen Bruchteil der Bilanzsumme zusammengedampft. Die Kernkapitalquote gaukelt eine Eigenkapitalquote vor, die bisweilen fünfmal so groß erscheint, wie sie tatsächlich ist. Diese institutionelle Schummelei muss aufhören. Basel III braucht eine faire Bewertung für die risikogewichteten Aktiva, die diese im Mittel über die Banken so groß wie die Bilanzsumme machen. Erst dann haben wir wieder ein solides Bankensystem. Und keine Angst, dass es an Kapital fehlen würde, wenn mehr Eigenkapital vorgehalten werden muss! Die Ersparnis der Volkswirtschaft reicht immer, die Investitionen zu finanzieren, gleichgültig, ob sie auf dem Wege von Eigen- oder Fremdkapital zu den Firmen transportiert wird.

Alle Ordnungsregeln für das neue Bankensystem müssen freilich international harmonisiert werden, sonst unterbieten sich die Länder bei ihrer Regulierung. Ohne Harmonisierung droht ein Laschheitswettbewerb um die Standortentscheidungen der Banken – dann wären wir wieder da, wo wir waren. In Europa muss die Europäische Zentralbank die Bankenaufsicht übernehmen, die BaFin der Bundesbank untergeordnet werden. Die notwendige weltweite Dachorganisation kann vom Internationalen Währungsfonds oder der UN gebildet werden. Damit müssten sich beim Weltfinanzgipfel eigentlich auch die Angelsachsen anfreunden können – schließlich befinden sich beide Organisationen in Amerika.

Hans-Werner Sinn ist Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung und Ordinarius an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

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